5.10.–10.10.2026
Dienstag 6.10.2026
Treffen auf der Saline
Gelände-Führung mit Ingo Beljan, Kurator des Saline Museums,
und Felix Bachmann
Einführung → TextIngo Beyer, zuständig für Museumsaufbau, Baubegleitung, Ausstellungsentwicklung und Betreiberkonzept, führte durch das Ensemble. Er schilderte, wie das Museum von 400 auf 2000 Quadratmeter angewachsen ist und ursprünglich mit 16 Millionen Euro EFRE-Fördermitteln kalkuliert wurde – am Ende wurden 25 Millionen für die Hälfte der geplanten Maßnahmen aufgewendet. Schlechte Fundamente, Schadstoffe, Dachschäden und der Ukraine-Krieg trieben die Kosten. Die Saline ist die letzte noch existierende ihrer Art; ein preußischer König ließ sie auf der Salineinsel errichten, das heutige Ensemble umfasst Bauten aus drei Jahrhunderten (1721, 1870, 1930). Nach der Schließung 1964 und parallel zur laufenden Sanierung ab 2023 sind bereits Ausstellungsprojekte realisiert worden; die Neueröffnung ist für Juli des nächsten Jahres geplant.
Saline Museum → TextWährend der Sanierungsphase wurden bereits drei Ausstellungsprojekte umgesetzt: Die erste erklärte den Besuchern die Verzögerungen im Bauprozess, die zweite war eine partizipative Zukunftswerkstatt, die dritte eine Fotografieausstellung zur Industriekultur. Zur Eröffnung ist die Wechselausstellung „Schichtwechsel“ von Dirk Rell geplant, die Transformationsprozesse in ehemaligen Industrie- und Bergbauregionen zeigt. Die Dauerausstellung soll über einen Tunnel mit 3D-Exponaten erschlossen werden und sowohl die globale Salzkultur als auch die regionale Geschichte Halles vermitteln. Die zweite Halle wird als Science Center mit interaktiven Spielstationen ausgebaut.
Kaue → TextDie Kaue war ursprünglich Maschinenhaus und diente später als Umkleide- und Pausenraum für die Mitarbeiter der Saline. Das Gebäude stellt besondere Anforderungen an die Erschließung, da die Ebenen nur nach oben oder unten führen – eine durchgehend barrierefreie Ebene existiert nicht. Für eine barrierefreie Nutzung wäre ein Aufzug oder eine vergleichbare technische Lösung nötig. Die kleinen Räume im hinteren Bereich dienen derzeit der Materialeinlagerung, der frühere Waschraum ist nicht mehr funktionstüchtig, und die Gesamtstruktur gilt als statisch wenig belastbar.
Solebecken → TextDie Solebecken dienten dazu, die geförderte Sole vor der Weiterverarbeitung zu reinigen. Die Sole enthielt Schmutzpartikel, die sich in den Behältern absetzen konnten, bevor die gereinigte Flüssigkeit in den Siedeprozess eingespeist wurde. Halle besitzt eine geologische Besonderheit: Alte Salzlagerstätten sind nach oben gebrochen, was seit etwa 5000 Jahren Salzsiederei an diesem Ort ermöglicht. Im Mittelalter befanden sich vier Brunnen am heutigen Hallmarkt, über die die Sole erschlossen wurde.
Innenhof → TextDer Innenhof ist vollständig versiegelt und bietet kaum Grünfläche – eine Gestaltungsentscheidung, die Ingo Beyer, der erst 2020 zum Projekt stieß, als problematisch bewertet. Die Pläne und Ausschreibungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen; nachträgliche Änderungen hätten erhebliche Mehrkosten verursacht. Die Hofgestaltung entspricht dem Planungsstand von 2017/18, als andere städtebauliche Schwerpunkte galten als heute. Das Ergebnis ist ein Außenraum, der den heutigen Anforderungen an Aufenthaltsqualität und ökologische Gestaltung nicht gerecht wird.
Saalhornmagazin → TextDas Saalhornmagazin umfasst rund 900 Quadratmeter und besteht eigentlich aus zwei Gebäuden, die durch eine historische Eisenbahndurchfahrt getrennt sind. Das Dach wurde erneuert und die Struktur teilweise instand gesetzt, der Rest ist jedoch noch vollständig offen und ungenutzt. Eines der Gebäude stammt ursprünglich von der Elbe-Saale-Mündung und wurde vor 150 bis 200 Jahren an seinen heutigen Standort versetzt. Die Nutzung ist noch ungeklärt: Ursprünglich waren eine Wechselausstellung und die Präsentation des Hallorenschen Silberschatzes vorgesehen, doch das Museum entschied, dass die vorhandenen 2300 Quadratmeter Ausstellungsfläche ausreichen.
Nutzungsszenarien für den Hof → TextIm Hof finden bereits regelmäßige Veranstaltungen statt, darunter Puppentheater vor der Sommerpause und das Haline-Fest Ende September als Familienpark mit Hallorentraditionen. Der Wunsch besteht, den Hof grüner und schattiger zu gestalten und Konzertveranstaltungen zu ermöglichen; das Museum kann den Außenbereich jedoch nicht 365 Tage bespielen. Das Salinendenkmal gehört der Stadt – Skater, Vereine und andere Nutzergruppen sind willkommen, da mehr Frequenz langfristig mehr Museumsbesucher bedeutet. Im Stadtentwicklungsprogramm sind bis 2028 eine Promenade, eine Brücke zum anderen Saaleufer und ein Spielplatz hinter dem Saalehorn geplant – als touristischer Lückenschluss zwischen Zoo, Planetarium und Hauptbahnhof.
Siedehaus und Halloren-Geschichte → TextDas Siedehaus DH6 beherbergt im Erdgeschoss den ehemaligen Anstellungsraum und im ersten Obergeschoss den Festsaal der Halloren. Die Schausiedanlage wurde abgeschaltet, da sie energetisch nicht mehr tragbar war; ein museales Pendant befindet sich in Entwicklung. Ein grundlegender Konflikt bestand zwischen den Halloren, die ihr eigenes Traditionshaus mit gläserner Salzproduktion an 300 Tagen im Jahr anstrebten, und der EU-Förderlogik, die ein modernes Industriemuseum verlangte. Die Halloren sind ein Männerbund von rund 50 Personen, deren historische Stärke im exklusiven handwerklichen Know-how und in der Strategie der Nähe zu den jeweils Mächtigen lag – keiner der heutigen Mitglieder hat je in der Saline gearbeitet.
Science Center → TextDie Halle des Science Centers stammt aus den Jahren 1933/34 und war ursprünglich eine Tageslichthalle zur Lufttrocknung des Salzes. Das Dach wurde zunächst ohne Stützen errichtet, stürzte 1942 ein und wurde danach mit Stützen neu aufgebaut. Wegen gravierender Salzschäden mussten alle Wände vollständig neu gemauert werden. Für die Dauerausstellung ist hier ein Science Center mit interaktiven Stationen geplant; historische Objekte können wegen fehlender Klimatisierung nicht gezeigt werden. Als Raum-im-Raum-Lösung wird ein sogenanntes „Salzlager“ entstehen, das Museumspädagogik, Coworking und Eventnutzung aufnimmt.
Schausiedeanlage → TextDie Schausiedeanlage soll Besuchern durch einen großen Screen und interaktive Elemente das Salzsieden erfahrbar machen; jeder Besucher soll selbst Salz herstellen können. Die historisierende Darstellung mit Pfannen entspricht nicht der historischen Realität des Siedevorgangs in dieser Halle, wurde aber aus didaktischen Gründen gewählt. Von der früheren industriellen Infrastruktur sind noch Heißluftkanäle und Kohletrichter erkennbar; die Öfen mussten aus statischen Gründen entfernt werden.
Chancen und Nutzungen → TextDas Science Center soll ein breites Spektrum an Stationen bieten – medial, haptisch und interaktiv –, wobei budgetbedingt nicht alles sofort realisiert werden kann; in fünf Jahren soll nachgezogen werden. Entscheidend für das Funktionieren des Museums im Gesamtkontext ist, dass auch die anderen Gebäude – Saalraum, Kaue und Saalhornmagazin – dauerhaft belebt werden. Nur wenn das gesamte Ensemble genutzt wird, kann die Saline Halle als lebendiger Ort in der Stadt verankert werden.
Dienstag 6.10. – Donnerstag 8.10.26
Verschiedene Bau- und Gestaltungs-Aktionen
auf der Saline
ab Freitag 9.10.26
Teilnahme an Veranstaltungen
Planung für Party, Durchführung am Abend
Samstag 10.10.26 Saline
Teilnahme an Verdichtung
Aktionen und Interventionen auf der Saline
im Rahmen der „ersten Verdichtung” zum Thema Schönheit
Maike Fraas – Neues Europäisches Bauhaus und Beteiligung → TextMaike Fraas führte in das Projekt ein: Gefördert aus dem Programm Neues Europäisches Bauhaus geht es darum, wie mit den übrigen Gebäuden des Saline-Areals umgegangen werden kann. Das Programm hat drei Maximen: Schönheit, Nachhaltigkeit und Inklusion. Gemeinsam mit weiteren Partnern hat science2public verschiedene Formate der Beteiligung und Erprobung entwickelt. In den Tafelrunden kommen Menschen aus Halle, lokale Akteure und Initiativen zusammen, die für den Ort interessant sein könnten.
In den drei Verdichtungen zu Schönheit, Inklusion und Nachhaltigkeit werden Gäste von außen eingeladen, ihre Gedanken zum Areal einzubringen. Beim Kickoff war Matthias Einhoff vom Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZKU) in Berlin dabei, der auch am Haus der Statistik Betreiber- und Entwicklungskonzepte gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren vor Ort erarbeitet. Zur Verdichtung Schönheit von Donnerstag bis Samstag kommt Atelier le balto: mit einem Vortrag am Donnerstagabend, einem internen Workshop am Freitagvormittag und einem gemeinsamen Blick auf das Quartier mit den Halloren, dem Museum und dem SalineTechnikum, die auf dem Areal bereits als Akteure gesetzt sind. Hinzu kommt Johanna Padge vom UVM aus Hamburg, die mit Atelier le balto schon ein ähnliches Areal entwickelt hat.
Vincent Zimmer – Das Mitmach-Heft → TextVincent Zimmer stellte das Mitmach-Heft vor, das Anwohnerinnen und Anwohner einlädt, vorbeizukommen, Fragen intuitiv zu beantworten und das Heft zurückzubringen. Auch die Studierenden sollten es bis Freitag ausfüllen und abgeben – mit Zeit und Muße, denn die kreativ angelegten und schön gestalteten Fragen sind selbst schon eine Quelle für Ideen.
Tag 1 – Aktionen
Tag 2 – Aktionen
Maike Fraas – Ein Café, das allen gehört → TextMaike Fraas erzählte von einem früheren Projekt in einem Dorf in Mansfeld-Südharz: Eine Woche lang wohnte das Team vor Ort, es gab ein Café drinnen und draußen, eine Gulaschkanone für gemeinsame Kochtage und ein Linienbild, in das alle hineinzeichneten. Später entstand ein Film, der im Kiezkino gezeigt wurde. Heute öffnen rund 30 Frauen alle 14 Tage selbstständig das Café.
Am Anfang allerdings saßen sie drin und wollten bedient werden; erst nach und nach, mit der zögerlichen Bitte, doch schon einmal Kaffee aufzusetzen, wurde es ihr Café. Ähnlich wie bei der Saline glaubten viele, der Hof gehöre den Eigentümern und sei nicht für sie da – obwohl diese ihn gerade für das Dorf öffnen wollten. Zu verstehen, dass ein solcher Ort allen gehört, ist der erste Schritt.
Tag 3
Mobile Bar mit Hockern → TextEine Gruppe hat eine Bar gebaut. Die beiden Module wurden zunächst auf Papier geplant, dann direkt umgesetzt und mit Versteifungen ergänzt. Dazu kamen Hocker, in einer großen und einer kleineren Version, die sich in den Kisten der Bar verstauen lassen.
Die Bar ist mobil und kann überall hingefahren werden, wo sie gebraucht wird. Weil die Module unterschiedlich lang sind, lassen sie sich über Eck mit ähnlich langen Flanken, in einer Linie oder leicht geknickt aufstellen.
Gitter-Pinnwand und Wegweiser → TextEine zweite Gruppe nutzte Gitterelemente, die auf dem Areal bereitlagen. Ohne große Vorplanung entstand daraus ein Mittelstück, das als Ort für die Dokumentation des Prozesses bleiben soll: eine dreidimensionale Pinnwand, an der alle Notizen und Fundstücke ergänzen können.
Beim Bau von Fahnen, die Besucher in die Saline locken sollen, musste die Gruppe das Areal ganz anders denken – von außen, mit Blick auf die Zugänge. Der erste Entwurf war zu kompliziert; das Ergebnis ist nun vereinfacht, mit dem Gitter als wiederholtem Muster. Grafik und Erscheinungsbild mit dem Gitter und mehr Farbe sollen weiterentwickelt werden, damit die Elemente draußen stehen und den Weg hinein weisen.
Ortserkundung, Modell und Anbautische → TextDie dritte Gruppe schaute sich den gesamten Ort an, lief um das Areal herum, prüfte die Zugänge und überlegte, wie genau vermessen werden muss. Das Modell soll den Ort abbilden, in den man dann eigene Objekte als Entwürfe stellen kann. Beim Ankerhof auf der anderen Saaleseite entstanden erste Nachbarschaftskontakte und Fotos von oben, auf denen man die Arbeit auf dem Areal sieht.
Zum Schluss entschied die Gruppe, auch etwas zu bauen: kleine Tische als Add-ons, die im Innenbereich an den Relingen montiert werden können – rechtzeitig für Freitag.
Sammlung der ersten Wünsche
Donnerstag 8.10.2026
Vortrag von Atelier le balto
Véronique Faucheur und Marc Pouzol
Landschaftsarchitekten
Einführung → TextVéronique Faucheur und Marc Pouzol von Atelier le Balto – Landschaftsarchitekten in Berlin-Mitte – stellen sich und ihre Arbeitsweise vor. Als Ortsunkundige kommen sie zum ersten Mal nach Halle und erhoffen sich, durch diese Außenperspektive neue Sichten auf bekannte Orte zu eröffnen. Ihren erster Garten entwickelten sie 2001 in den Kunstwerken Berlin (KW) für eine Berlin-Biennale – aus diesem temporären Projekt entstanden alle weiteren Aufträge. Zentral für ihr Atelier: die Zeichnung als Denk- und Kommunikationsmittel. „Wer zeichnet, hat gewonnen.” Ihr Entwurfsprinzip zielt darauf, die Spontanität der ersten Skizze durch den gesamten Planungsprozess zu bewahren – trotz Ingenieuren, Verwaltung und Kontrollanforderungen.
Gartenparade Berlinische Galerie → TextDer Direktor der Berlinischen Galerie, Thomas Köhler, beauftragte Atelier le Balto mit einem temporären Garten vor dem Museum: Das sonnige Buchstabenfeld der Architektin Nina Beitzen von Kühn Malvezzi sollte Schatten bekommen. Die Antwort war ungewöhnlich: Der Schatten war schon da – unter alten Rotkastanien auf der anderen Seite. Dort entstand eine große Holzterrasse. An der Südfassade wurden Kletterpflanzen auf Bambuskonstruktionen installiert – inspiriert von japanischer Bindetechnik. Was die Pflanzen dann selbst entwickelten: Blauregen, Wildwein, Trauben – das hatte das Atelier nicht geplant und konnte es auch nicht. Dazu ein Kunstprojekt des früh verstorbenen Jean-Christophe Massinon: das Art-Barbecue beim Palais de Tokyo, eine Einladung an Nachbarn und Passanten, gemeinsam zu grillen und ins Gespräch zu kommen. Diese Idee mündete schließlich in einen gewonnenen Wettbewerb für eine große Gartenlandschaft in Tschechien.
Nachbarschaftspark in Wuppertal → TextDie Montag Stiftung Wuppertal kaufte eine ehemalige Fabrik in Oberbarmen – einem Viertel mit 90 verschiedenen Herkünften – und ließ sie vom Architekturbüro Raumwerk zu einem gemeinwohlorientierten Campus umbauen. Atelier le Balto gewann den Wettbewerb zur Transformation der Brachfläche daneben. Eine Woche Residenz vor Ort war der Anfang: Topografie (20 Meter Höhenunterschied), Licht, die Nordtrasse als ehemalige Bahnlinie, kranke Eschen am Hang, Kirchentürme als Teil des Panoramas. Partizipation mit der Nachbarschaft, gemeinschaftlich bepflanzte Beete, ein Belvedere, dessen geschwungene Mauern so komplex waren, dass kein Plan vorab gezeichnet werden konnte – die Maurer mussten nach physikalischer Logik entscheiden. Am Ende: Nominierung und Gewinn des Deutschen Städtebaupreises – dank 5 Zentimeter Schnee beim Jurybesuch im Februar, die den Park in eine Zeichnung verwandelten.
Die Gewinner des „Deutschen Städtebaupreises 2025“ zeigen beispielhaft, wie sich urbane Außenräume, temporäre Installationen und langfristige Gartenprojekte im Spannungsfeld von Natur, Architektur und menschlicher Bewegung entwickeln. Kennzeichnend für ihre Arbeit ist der enge Bezug zwischen Pflanzenwachstum, menschlicher Bewegung und dem städtischen Umfeld. atelier le balto schafft Orte der Begegnung und des Austauschs, die sich über die Zeit immer weiterentwickeln.