Lehrangebot

Ausstellen als (Außen)Politik?  - eine Analyse des “Biennale-Modells”

Als die Biennale di Venezia am 30. April 1895 als I Esposizione Internazionale d’Arte della Città di Venezia eröffnete, knüpfte sie bewusst an die Logik der Weltausstellungen an: Kunst sollte als internationaler Begegnungsraum funktionieren, als ein „friedlicher Wettstreit“ zwischen Künstler*innen verschiedener Nationen und zugleich als Bühne, auf der sich kulturelle Selbstbilder und politische Ordnungen öffentlich artikulieren.

Bis heute ist die Biennale von einer Spannung geprägt, die sich in jeder Ausgabe neu zuspitzt. Für 2026 sind derzeit 69 Länderbeiträge angekündigt, deren Voraussetzungen sich in Standort, Infrastruktur und symbolischem Kapital deutlich unterscheiden. Einerseits wird das Pavillonsystem als potenziell anachronistische Form nationaler Selbstinszenierung kritisiert, die koloniale Hierarchien und Ausschlüsse fortschreiben kann. Wie schnell Kulturpolitik dabei in direkte Eingriffe umschlägt, zeigt der Fall der südafrikanischen Künstlerin Gabrielle Goliaths, deren geplantes Projekt mit Bezügen zum Krieg in Gaza kurzfristig von Staatsseiten abgesagt wurde. Der südafrikanische Pavillon bleibt dementsprechend 2026 unbespielt. Andererseits nutzen viele Beiträge genau diesen Rahmen, um nationale Narrative aufzubrechen, historische Verantwortung zu verhandeln oder Grenz- und Zugehörigkeitsfragen erst sichtbar zu machen, wie die Beiträge des deutschen Pavillons immer wieder zeigen: Von Hans Haackes „GERMANIA“ (1993) mit dem Zerlegen des markten Steinbondes bis zu Maria Eichhorns „Relocating a Structure“ (2022), eine Intervention, die den Bau selbst als umkämpftes historisches Dokument freigelegte und versuchte, komplett zu verschieben. Ein weiteres kritisches Beispiel ist der einmalige Diaspora Pavilion von 2017, der als Intervention innerhalb der Biennale-Struktur die Selbstverständlichkeit nationaler Repräsentation herausforderte und „Diaspora“ als gelebte Realität und zugleich als begrifflich umkämpftes Feld ins Zentrum rückte.

Als leitende Diskussionsfolie (und nicht als vorweggenommene Schlussfolgerung) nehmen wir deshalb die immer wieder aufkommende These ernst, dass das Nationalpavillon-Modell der Biennale bisweilen „Provinzialismus als Weltläufigkeit“ ausstellt (Eric Otieno Sumba). Gerade weil diese Diagnose nicht in jedem Fall gleichermaßen trägt, eignet sie sich im Seminar als Prüfstein: Wo trifft sie zu, wann wird sie produktiv unterlaufen und welche konkreten Bedingungen entscheiden darüber? Wichtig ist dabei auch die Beziehung zur (diesjährigen) Hauptausstellung. „In Minor Keys“ ist konzipiert von Koyo Kouoh*, die  ausdrücklich auf künstlerische Praktiken als „vital interpreters“ des sozialen und psychischen Zustands und als Katalysatoren neuer Beziehungen setzt; sie beschreibt eine Ausstellungsdramaturgie, die eher sinnlich-relational als didaktisch funktionieren soll.

Das vorbereitende Seminar von Janika Jähnisch und Yana Kadykova ist als Blockformat konzipiert und dient der inhaltlichen Vorbereitung der Exkursion nach Venedig (28.09.–03.10.2026). Im ersten Teil erarbeiten wir die historische Entstehung und Ausdifferenzierung des Pavillonsystems und rekonstruieren anhand ausgewählter Länderbeiträge, wie sich politische Umbrüche, Selbstbilder und kuratorische Strategien in Ausstellungsgeschichten einschreiben. Dabei beziehen wir die Architektur der Pavillons punktuell als eigenes Argument mit ein: Was erzählen Baukörper, Lage, Zugänglichkeit und Sichtbarkeit über Machtverhältnisse innerhalb der Biennale und wie verändern künstlerische Eingriffe den Charakter dieser „nationalen Räume“? Im zweiten Teil wechseln wir in die Gegenwart und lesen aktuelle Debattenbeiträge als Teil eines längeren Kontinuums. Literatur und Materialien zur Vorbereitung werden vorab zur Verfügung gestellt.

Eine Auswertung der Reise mit Fokus auf die Präsentation im deutschen Pavillon wird im Wintersemester von Charlotte Silbermann angeboten. Der deutsche Pavillon der 61. Biennale di Venezia wird von Kathleen Reinhardt (Direktorin des Georg Kolbe Museums in Berlin) kuratiert und zeigt Beiträge von Henrike Naumann** und Sung Tieu.

 

* Koyo Kouoh (*1964 in Douala, CM, † 10. Mai 2025, in Basel, CH) starb noch während der Vorbereitungen; La Biennale di Venezia hat angekündigt, die Ausstellung entlang ihres konzipierten Projekts umzusetzen.

** Henrike Naumann (*1984 in Zwickau, DE, † 14. Februar 2026, Berlin) verstarb plötzlich nach einer viel zu spät diagnostizierten Krebserkrankung.

Exkursion Venedig (28.09.–03.10.2026)

Die Exkursion nach Venedig findet vom 28. September bis zum 3. Oktober 2026 statt. Geplant sind feste Gruppenbesuche und -gespräche sowie bewusst eingeplante Zeiten zur freien, eigenständigen Erkundung der Biennale und weiterer Ausstellungen. Der Ablauf steht unter Vorbehalt (abhängig Verfügbarkeiten und möglichen kurzfristigen Änderungen vor Ort).

Ablaufplan (unter Vorbehalt)

Montag, 28.09. – Anreise & Auftakt

Dienstag, 29.09. – Giardini

  • Besuch der Hauptausstellung in den Giardini
  • Besuch der nationalen Pavillons in den Giardini, begleitet von kurzen Impulsvorträgen

Mittwoch, 30.09. – Arsenale

  • Besuch der Hauptausstellung und der nationalen Pavillons im Arsenale
  • Gemeinsame Reflektion der ersten beiden Tage beim Abendessen

Donnerstag, 01.10. – Stadtraum: Pavillons & Satellitenprojekte

Freitag, 02.10. – François Pinault Collection

Samstag, 03.10. – Abreise