Katharsis – Kunst und Wirkung in der Krise
„Der Mensch gerät in Erregung, er fühlt sich darin wohl“.
(Hermann Bahr, Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte, Bd. 4, Wien, 2000, S. 337.)
Leute hören Musik und geraten darüber in Ekstase. Hinterher, wenn die Musik vorbei ist, und diese Ekstase, das dionysische Außersichsein überwunden, sind die Leute ruhiger. Ungefähr so äußert sich Aristoteles im achten Buch der Politik zur Katharsis. In der Politik beschreibt Aristoteles die reinigende Wirkung der Musik; in der Poetik erklärt er die Katharsis zum Ziel der Tragödie. Fast zweitausend Jahre später radikalisiert der marxistische Philosoph Georg Lukács den Begriff: nicht nur die Tragödie, sondern alle Kunst sei ihrem Wesen nach kathartisch – die Katharsis komme „nicht aus der Kunst ins Leben, sondern aus dem Leben in die Kunst“.
Vor dem Horizont gegenwärtiger (neuro-)mimetischer Technologien und vielfältiger Krisen der affektiven Gemeinschaft, stellt sich die Frage der Wirkung der Künste neu. Das Seminar verfolgt die Wandlungen des teils schillernden, teils kontroversen Begriffs der Katharsis von der Antike bis in die Gegenwart – durch Ästhetik, politische Theorie und Psychoanalyse. Zwischen Tragödie und Tanzfläche, Aristoteles Kommentaren zur Menstruation und marxistischer Theorie, zwischen Medizin, Neuplatonismus und christlicher Seelenlehre untersuchen wir, wie Katharsis als Reinigung, Vermittlung oder Heimsuchung gedacht wird. Ist Katharsis Abfuhr eines eingeklemmten Affekts? Eine Rückkehr oder eine Befreiung verdrängter Gefühle? Und was hieße das heute, in einer Gegenwart, die unsere Emotionen technologisch moduliert und permanent stimuliert? Welche Gefühle erzeugt, vermittelt oder ‚reinigt‘ Kunst – und in welchem Verhältnis steht sie zu den Erregungen und Erregungszuständen unserer Zeit?
Studierende sind eingeladen, eigene Arbeiten einzubringen und gemeinsam zu diskutieren. Anmeldung in der ersten Sitzung.











