Lehrangebot

Institutionen unter Druck, Infrastrukturen unter Beschuss

Institutionen unter Druck, Infrastrukturen unter Beschuss.
Ein Seminar zum schwierigen Verhältnis zwischen Affirmation und Kritik.

Infrastrukturen und Institutionen sind in den letzten Jahren immer stärker unter Beschuss geraten – im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Dabei schien lange klar: Die Kritik zunächst der Institutionen und später der Infrastrukturen war ein emanzipatorisches und machtkritisches Projekt. Die klassische Institutionskritik setzte seit den 1960er-Jahren wichtige Impulse sowohl in der Kunst als auch im Diskurs und veränderte die Grundlagen und Voraussetzungen unseres gesellschaftlichen Lebens. Die kritische Infrastrukturforschung wiederum entwickelte spätestens seit den 2000er-Jahren ein Verständnis dafür, dass präzise Macht- und Herrschaftsanalysen nicht bei den Institutionen Halt machen dürfen, sondern auch die vermeintlich neutralen und unpersönlichen materiellen Infrastrukturen in den Blick nehmen müssen.

Was aber, wenn immer deutlicher wird, dass der Abbau der Institutionen und Infrastrukturen keineswegs einer Logik der Egalität und Emanzipation folgt, sondern zunehmend von libertären und autoritären Kräften vorangetrieben wird? Was, wenn eine über Jahrzehnte entwickelte Expertise in der Kunst der Kritik auf einen Schlag nutzlos erscheint, weil plötzlich die Verteidigung institutioneller und infrastruktureller Errungenschaften zur Hauptaufgabe emanzipatorischer Politik wird? Jede Kritik der Infrastrukturen und Institutionen bleibt einseitig, wenn sie nicht auch über den Aufbau und Erhalt nachdenkt – denn es sind die Infrastrukturen und Institutionen, die gesellschaftliches Leben überhaupt ermöglichen.

Anhand theoretischer und künstlerischer Texte und Arbeiten erforscht das Seminar Infrastrukturen und Institutionen im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Kritik in Geschichte und Gegenwart. Als Diskussionsgrundlage werden jeweils Ausschnitte aus verschiedenen klassischen und aktuellen Texten aus Philosophie und Kulturwissenschaft gelesen – teils vorbereitend zwischen den Sitzungen, teils gemeinsam in den Sitzungen.

Nach einer einführenden Sitzung zu Semesterbeginn findet das Seminar in Form von drei jeweils zweitägigen Blockterminen statt. Die Diskussionssprache ist Deutsch, vereinzelt werden auch Texte auf Englisch gelesen. Voraussetzung für einen Teilnahmeschein ist neben der regelmäßigen aktiven Teilnahme auch eine kurze Input-Präsentation in einer der Sitzungen; für eine Benotung kann eine Hausarbeit verfasst werden. 

Vorläufiger Seminarplan:

  • Einführung: Das Seminar als Infrastruktur und Institution
  • Was ist/macht eine Infrastruktur? Was ist/macht eine Institution?
  • Nicht dermaßen subjektiviert werden: Kritik und Krise der Infrastrukturen und Institutionen
  • Infrastrukturierung und Instituierung: Ethik und Politik

Moritz Gansen

ist Philosophiehistoriker, Dozent, Lektor, Übersetzer und Dramaturg. Während er sich in seiner akademischen Forschung vor allem mit Fragen rund um die Bestimmung von Philosophie beschäftigt, interessiert er sich als Mitbegründer des Theoriekollektivs diffrakt | zentrum für theoretische peripherie vor allem dafür, wie theoretische Praxis außerhalb von Universitäten aussehen kann. In diesem Kontext co-koordiniert er seit 2021 die Lesegruppe counter | infrastructures, die sich mit der Analyse und Kritik, aber auch Formen des Aufbaus und Erhalts von Infrastrukturen beschäftigt.