Während Raum häufig als etwas Abstraktes und Objektives beschrieben wird, gilt der Ort als etwas, das an die konkrete menschliche Erfahrung gekoppelt ist: Räume entstehen durch Vermessung, Orte durch soziale Interaktionen. Ein „Sense of Place“ (Tuan 1975) beschreibt diese einzigartige Identität eines Ortes als ein spezifisches „Ortsgefühl“, das aus dem Zusammenspiel von physischen Merkmalen und menschlicher Erfahrung entsteht. Es scheint ganz so, als stünde die technokratische Vermessung und Kontrolle des Raums auf der einen und die sinnliche Erfassung und Aneignung auf der anderen Seite. Das Sinnliche zeichnet dabei einen spezifisch menschlichen Zugang zu räumlichen Phänomenen aus, der einer technischen Erfassung gegenübersteht oder diese zumindest ergänzt.
Diese Trennung zwischen Erfahrung und Erfassung wird einerseits durch sensorische Forschungsmethoden (Pink 2009) und affektive Analysekategorien (Scheve und Berg 2018) herausgefordert, andererseits durch die Allgegenwart von Sensoren, die alle möglichen Umgebungsdaten erfassen, speichern und verarbeiten (Thielmann 2019). Sensoren verschalten Menschen, Tiere und Pflanzen mit ihrer Umgebung, sie verhelfen den Dingen dazu, ihre Umwelt „wahrzunehmen“ (Gabrys 2016). Wahrnehmung, so scheint es, ist heutzutage eine Angelegenheit, die im Verbund von menschlichen Körpern und smarten Sensortechnologien entsteht (Wolter 2024). Dabei können Sensoren Phänomene erfassen, die sich der menschlichen Wahrnehmung entziehen, indem sie Aspekte der Welt zugänglich machen, die mit menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar sind. Auf diese Weise können Sensordaten die eigene kognitive, perzeptive und sensorische Handlungsmacht und damit unser Empfindungsvermögen erweitern (Hansen 2011) und möglicherweise neue Sensibilitäten erzeugen.
Im Kurs möchten wir diese Überlegungen zu Sensing und Sensoren mit kartographischen Zugängen und Verfahren verbinden. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Sinne und Sensoren kartographische Praktiken informieren und wie diese in Karten repräsentiert werden können. Hierfür setzen wir uns auch mit Zugängen zur Kartographie auseinander, die ganz bewusst von individuellen und partiellen Standpunkten ausgehen. Anschließend erproben wir beispielhaft unterschiedliche experimentelle sensorische Kartierungen: Wie lassen sich Geräusche, Gerüche, Empfindungen, Eindrücken und Emotionen auf Karten verzeichnen? Welche Sensoren stehen uns als Laienkartograph:innen zur Verfügung? Wie erweitern Technologien die menschliche Wahrnehmung und welche neuen Erfahrungsräume lassen sich dadurch erschließen?
Vor der Kompaktwoche wird es am 30. April um 10 Uhr eine Vorbesprechung geben.
Es handelt sich um eine interdisziplinäre Lehrveranstaltung, die Studierende aus Design und Geographie zusammenbringt. Die Bereitschaft, sich mit wissenschaftlichen Texten, teils in englischer Sprache, auseinanderzusetzen, wird vorausgesetzt.
Lern- und Qualifikationsziele BA und MA: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen, werden vorzugsweise Gruppenpräsentationen in Referatsform (oder vergleichbar) erwartet. Eine zusätzliche schriftliche Hausarbeit kann nach Absprache erarbeitet werden. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 10 Seiten.
Lern- und Qualifikationsziele MA Design Studies: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen werden neben der verpflichtenden Präsentation in Referatsform (oder vergleichbar) eine zusätzliche, schriftliche Hausarbeit erwartet. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 20 Seiten.
Literatur
Gabrys, Jennifer (2016): Program earth. Environmental sensing technology and the making of a computational planet. Minneapolis: University of Minnesota Press (Electronic mediations, 49).
Hansen, Mark (2011): Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung. In: Erich Hörl (Hg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt. Erste Auflage, Originalausgabe. Berlin: Suhrkamp (Schriften des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie, Band 8), S. 365–409.
Pink, Sarah (2009): Doing sensory ethnography. Los Angeles, Calif.: SAGE.
Scheve, Christian von; Berg, Anna Lea (2018): Affekt als analytische Kategorie der Sozialforschung. In: Larissa Pfaller und Basil Wiesse (Hg.): Stimmungen und Atmosphären. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 27–51.
Thielmann, Tristan (2019): Sensormedien. In: SFB 1187 Medien der Kooperation – Working Paper Series (9). DOI: 10.25969/mediarep/12642.
Tuan, Yi-Fu (1975): Place: An Experiential Perspective. In: Geographical Review 65 (2), S. 151–165.
Wolter, Daniel (2024): Sensing Fields. Die Kybernetisierung von Naturwahrnehmung am Beispiel des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Unter Mitarbeit von Ursula Damm und Markus Knut Ebeling. Weimar: Bauhaus-Universität Weimar.












