In diesem Seminar untersuchen wir „offensive sounds“, um die Risiken bestimmter Eingriffe in die Klangatmosphäre bei öffentlichen Protestaktionen zu erfassen. Die Erzeugung lauter oder hochvolumiger Klänge ist für diejenigen attraktiv, die ihren Widerstand zum Ausdruck bringen wollen, indem sie (vorübergehend) die Klangnormen des öffentlichen Raums stören. Dabei handelt es sich um einen offensiven Akt der Aggression oder des Angriffs, der gerade deshalb so wirksam ist, weil er schwer zu blockieren ist. Gleichzeitig können solche lauten Geräusche unangenehme oder schmerzhafte Empfindungen hervorrufen und bei den Betroffenen Empörung oder Ressentiments auslösen. Diese dreifache Dimension lauter Klänge (aggressiver Akt, körperliche Empfindung, emotionale Reaktion) macht sie zu einer höchst ambivalenten Taktik der Protestpolitik: Einerseits können sie die herrschende „Verteilung des Sinnlichen”, die bestimmt, wer und was gehört werden kann und wer und was nicht, wirksam in Frage stellen. Andererseits birgt die oft ungezielt wirkende Natur von Geräuschen die Gefahr, unfreiwillige Zuhörer zu verprellen.
Gemeinsam werden wir diese Ambivalenz und dieses Risiko anhand des Beispiels der kanadischen Konvoi-Proteste von 2022 untersuchen. Damals fuhren Hunderte von Sattelzugmaschinen und Schwerlastkraftwagen in die Innenstadt von Ottawa, angeblich um gegen die Covid-Impfvorschriften zu protestieren, und betätigten häufig die lauten Druckluft-Hupen der Lastwagen, von denen viele eine Lautstärke von 150 Dezibel erreichen. Viele Lkw-Fahrer weigerten sich, den Ort zu verlassen, und über zwei Wochen lang spielte sich ein dramatisches Ereignis in den Nachrichtenmedien, sozialen Medien und auf den Straßen in der Nähe des Parliament Hill und den umliegenden Wohnvierteln ab. Später wurde eine parlamentarische Untersuchung durchgeführt, um festzustellen, ob die Maßnahmen der Regierung rechtmäßig und gerechtfertigt waren. In kleinen Gruppen werden die Studierenden ethnografische Untersuchungen durchführen, die sich auf die verschiedenen Medienquellen konzentrieren, in denen sich diese „Klangpolitik” abspielte.
***Dieses Seminar ist nicht nur für Studierende interessant, die sich für die Macht und Politik von Klang, oder verschiedenen Medien und deren sinnlicher Ästhetik, interessieren, sondern auch für Studierende, die üben möchten, wie wir recherchieren und dann das gewonnene Wissen gestalten und kommunizieren.
Da sich die meisten Medienquellen zu diesem Fall in Nordamerika befinden, müssen die Studierenden bereit sein, Medienrecherchen auf Englisch (und teilweise auf Französisch) durchzuführen. Die Seminardiskussionen finden auf Deutsch und Englisch statt.
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The Politics of Sound: A Media Ethnography Workshop
In this seminar we explore the concept of “offensive sound” to capture the risks of certain kinds of interventions into the sonic atmosphere in the enactment of public protest. The creation of loud or high-volume sound is attractive for those enacting dissent by (temporarily) disrupting the sonic norms of public space. In this it is an offensive act of aggression or attack, effective precisely because it is hard to block. At the same time, such loud sounds can cause offensive, unpleasant or painful sensations, and generate offense or resentment for those who are affected. This triple dimension of loud sound (act of aggression, physical sensation, emotional response) makes it a highly ambivalent tactic of protest politics: on the one hand, it can effectively contest the governing “distribution of the sensible,” while on the other, the often indiscriminate nature of its deployment risks alienating involuntary listeners.
Together we will explore this ambivalence and risk by researching the example of the Canada convoy protest of 2022. This is when hundreds of big-rig/tractor-trailer trucks and personal vehicles descended upon downtown Ottawa, ostensibly to protest Covid vaccination requirements, and frequently sounded the trucks’ high-impact air horns, many of which reach 150 decibels. Most truck drivers refused to leave, and for over two weeks a lively drama played out on the news media, social media, and the streets near Parliament Hill and surrounding residential neighbourhoods; later, a parliamentary inquiry was held to determine whether the government’s actions were legal and justified. In small groups students will conduct ethnographic research focusing on the diverse media sources where this “sound politics” played out.
***This seminar should be of interest not only to those students who are interested in the power and politics of sound or diverse media and their sensuous aesthetics, but also to students who want practice in how to research and then design and communicate the knowledge they have produced.
Because most of the media sources regarding this case are located in North America, students need to come ready to carry out media research in English (with some French). Seminar discussions will be in German and English.
Lern- und Qualifikationsziele BA und MA: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen, werden vorzugsweise Gruppenpräsentationen in Referatsform (oder vergleichbar) erwartet. Eine zusätzliche schriftliche Hausarbeit kann nach Absprache erarbeitet werden. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 10 Seiten.
Lern- und Qualifikationsziele MA Design Studies: Um die Lern- und Qualifikationsziele zu erreichen werden neben der verpflichtenden Präsentation in Referatsform (oder vergleichbar) eine zusätzliche, schriftliche Hausarbeit erwartet. Sie umfasst in der Regel ein Volumen von bis zu 20 Seiten.












