Zur Kritik des Sehens

Bert Sander
Designtheorie
Kompakt 3 / Aufbaumodul / 4.12. - 8.12.2017

„Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20, 90). Dem Sichtbaren, dem, was uns vor Augen steht, dem Sinnlichen ist nicht zu trauen. Kurz, das Sichtbare ist nur Oberfläche, falscher Tand, ihm ist nicht zu trauen, es ist das Unwahre und Unrechte, dagegen ist das Unsichtbare (Die Wahrheit beliebt es, sich zu verstecken) das in Wirklichkeit seiende, also das Wahre und Rechte. Die Wahrheit soll danach aus einer Kritik des Sehens erwachsen.

Anschauung ohne Begriff ist blind, aber der Begriff ohne Anschauung ist leer. Dieses Diktum Kants bedeutet eben keine Apotheose, Überhöhung des Begriffs, des Geistes etc., sondern eine Rehabilitierung der Sinne, des Sehens etc. Die Theorie, die Abstraktion, der Begriff sieht von der Mannigfaltigkeit ab, das Bild, der Mythos oder etwa die Poesie dagegen sieht hin, sucht die Mannigfaltigkeit alles Seienden zu entfalten. Es ist immer mehr und anderes zu sehen, als sich je wissen und sagen lässt. – „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie / und grün des Lebens goldner Baum (Mephistopheles, Faust I, Studierzimmer).

        Kassandra und die Kritik des Sehens
        Bild und Begriff
        Vom Sehen Gottes
        Die Augen der Philosophie
        Kann man Sehen lernen? oder Die Erziehung zum Sehen
        Im Cyberspace

„Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. – Ei! so habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen, Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre Alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre! Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht? – Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte. […] Je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion, desto besser.“
 – Gespräch mit Eckermann am 6. Mai 1827 

Bereits um 1478 hebt der Buchdrucker Peter Drach aus Speyer in dem von ihm herausgegebenen „Spiegel menschlicher Behaltnis“ die Nützlichkeit der Illustration für die Information, ja, letztlich für die Bildung der vielen Ungelehrten hervor: „Diese Erkenntnisse mögen die Gelehrten haben aus der Gschrift; aber die Ungelehrten, die sollent unterweiset werden in Büchern der Laien, das ist in Gemelden.“ Das „Gemelde“ beziehungsweise das Bild ist anschaulich, sinnlich, selbst für den Lese- und Schreibunkundigen zu begreifen, hingegen die Schrift ist nicht ohne weiteres zu verstehen, sie ist unsinnlich, den „illiterati“, den Analphabeten verschlossen.

 

 

Lehrende(r)

  • Bert Sander

Studienjahr

ab 2. Studienjahr

Abschluss

Bachelor und Master

Kursbeginn

04.12.2017

Ort

Anbau 110

Zeit

9:00 Uhr

Lehrende(r)

  • Bert Sander

Studienjahr

ab 2. Studienjahr

Abschluss

Bachelor und Master

Kursbeginn

04.12.2017

Ort

Anbau 110

Zeit

9:00 Uhr