Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Elisabeth Décultot, Dr. Alessandro Nannini und Prof. Marita Tatari wird vom 19. bis 21. Mai 2027 eine internationale Tagung stattfinden. Für die Zusammenarbeit zwischen der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und dem Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) werden Beiträge von Studierenden und Absolvent*innen gesucht.
Prof. Elisabeth Décultot ist Professorin für Neuzeitliche Schriftkultur und europäischen Wissenstransfer an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dr. Alessandro Nannini arbeitet ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung der Martin-Luther-Universität tätig. Prof. Marita Tatari ist Professorin für Kunstphilosophie und Kulturtheorie im Fachbereich Kunst der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Politik der Mimesis zwischen Aufklärung und Gegenwart
Die Epoche der generalisierten Simulation, in der Künstliche Intelligenz den mehr oder weniger mimetischen Status von Texten, Bildern und Videos infrage stellt, macht die Dringlichkeit spürbar, das alte Problem der Imitation in seinen historischen Tiefenschichten wie auch in seinen zeitgenössischen Verwerfungen neu zu bedenken. Dass die Frage der Simulation die Ästhetik seit ihrer philosophischen Entstehung in der Aufklärung begleitet, ist kein Zufall: Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts formuliert Jean-Baptiste Du Bos die Herausforderung, Imitation nicht nur als Nachahmung eines Modells, sondern als Reproduktion jener psychologischen Mechanismen zu verstehen, die es ermöglichen, dass Rezipient*innen auf imitierte Objekte mit einer abgeschwächten, aber dennoch realen Form von Gefühl reagieren. Die imitierten Leidenschaften treten als „Schatten“ der realen Leidenschaften auf — weniger intensiv, weniger gefährlich, aber nicht weniger bedeutsam. Von hier aus öffnet sich eine genealogische Spur: Wie entfaltet sich dieses Verständnis von Imitation im weiteren Verlauf der Aufklärung, und wie verändert sich die Idee, dass Kunst Affekte im Modus der Fiktion erzeugt? Ist im Zeitalter der Simulation, in dem die Grenzen zwischen realen und fiktionalen Emotionen zunehmend verschwimmen, diese Unterscheidung überhaupt noch tragfähig?
Solche Überlegungen führen unmittelbar zu einem zweiten Problemfeld. Seit dem 18. Jahrhundert kreist die Debatte um jenes „Dritte“, das zwischen Original und Bild steht: jenes Medium, das sichtbar macht, indem es selbst unsichtbar bleibt; das Ähnlichkeit erzeugt, indem es Differenz stabilisiert; das Materialität trägt und zugleich die Illusion von Form ermöglicht. Dieses Problem gewinnt im Zeitalter der Aufklärung eine besondere Schärfe: Spätestens mit Lessings Laokoon entsteht ein systematischer Diskurs über die Medialität der nachahmenden Künste, der das Verhältnis von Raum und Zeit, Körperlichkeit und Darstellung, Sinnlichkeit und Bedeutung neu bestimmt – ein Diskurs, der die ästhetische Theorie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geprägt hat. Wie aber wurde dieses Dazwischen im 18. Jahrhundert genau gedacht, und welche Funktionen schrieb man dem Medium damals im Prozess der Nachahmung zu? Und wie ist dieses Dazwischen heute zu denken, in einer Zeit, in der Simulationen digitale Materialität annehmen und die Grenze zwischen sinnlichem Träger und generierter Erscheinung zunehmend verschwimmt?
Diese theoretischen Verschiebungen sind nicht ohne politische Implikationen. Das Verhältnis von Modell und Kopie, Natur und Technik, Identität und Alterität, Aneignung und Widerstand wird im Licht aktueller mimetischer Dynamiken neu verhandelt. Während im 20. Jahrhundert die mimetische Fabulierung von Identität — nicht zuletzt im Widerstand gegen totalitäre Mythen — einen subversiven Gestus darstellen konnte, verschiebt sich im 21. Jahrhundert das Feld: Die mimetische Ambivalenz wird selbst zum Instrument neuer Autoritarismen, die sich der leeren Simulation bedienen: Symbole werden kopiert, aber entkernt; Bilder zirkulieren viral im Modus einer Subjektivität, die sich in Selfies, Reels und Memes ins Unendliche multipliziert und zugleich entleert. Inmitten dieses Wandels stellt sich erneut die Frage: Was geschieht in der Kunst, wenn das Verhältnis von Original und Kopie ins Schwanken gerät? Und wie lassen sich die Verflechtungen von sinnlicher Medialität und Gefühl heute denken, wenn Kunst sowohl mit den Mitteln der Simulation als auch gegen sie operiert?
Ziel der Tagung ist es daher, diese drei miteinander verflochtenen Problemfelder der Mimesis — die Logik der Gefühle, die Rolle des Mediums, und die politischen Implikationen — zusammenzuführen. Durch die Rückbezugnahme auf die Aufklärung und die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart soll eine neue Perspektive auf eine der zentralen Kategorien des westlichen Denkens eröffnet werden.
Thematische Ausrichtung der Beiträge
Themenbereiche für Beiträge umfassen unter anderem die folgenden Orientierungsfragen:
Wie transformieren Autoren der Aufklärung (z. B. Du Bos, Batteux, Lessing, Mendelssohn) das Verständnis der Imitation im Übergang von der Nachahmung äußerer Modelle zu einer Psychologie der affektiven Wirkung?
In welchem Verhältnis stehen im 18. Jahrhundert fiktionale und reale Emotionen – und wie begründen die aufklärerischen Theorien ihre Differenz?
Welche Rolle spielt das Medium (Sprache, Malerei, Musik) für die aufklärerische Theorie der Mimesis, und wie wird seine „Unsichtbarkeit“ thematisiert?
Auf welche Weise wird Mimesis in der Aufklärung als Instrument gesellschaftlicher Kritik genutzt, z. B. in der Literatur oder im Theater, um bestehende Hierarchien und soziale Normen zu hinterfragen?
Inwiefern tragen sinnliche Medien dazu bei, Gefühlsnachahmungen hervorzurufen, und wie verändert sich dieser Beitrag unter digitalen Bedingungen?
Wie verschieben sich ästhetische Kategorien wie Materialität, Präsenz oder Form, wenn die Grenze zwischen Original und Kopie technisch destabilisiert wird?
Auf welche Weise fungieren heutige Formen digitaler Simulation (Deepfakes, Memes, KI-generierte Bilder/Texte) als Instrumente politischer Macht oder Manipulation?
Wie verändert die virale Reproduktion von Symbolen im Netz die klassische Hierarchie zwischen Modell und Imitation?
Wie verschiebt sich in bestimmten zeitgenössischen, erfahrungsorientierten Kunstwerken die Mimesis vom imitierten Objekt auf das Publikum selbst — sodass die Betrachter*innen, indem ihr eigener Körper im immersiven Umfeld beinahe ‚verschwindet‘, gerade durch diese Angleichung an die Umgebung als mimetisches Element erfahrbar werden?
Lässt sich die mimetische Selbst-Fiktionalisierung als Form des Widerstands neu denken – oder wird sie im zeitgenössischen Mediensystem zwangsläufig absorbiert?
Welche neuen theoretischen Modelle der Mimesis lassen sich entwickeln, um die historischen Debatten der Aufklärung mit den Herausforderungen der digitalen Gegenwart in Beziehung zu setzen?
Bewerbung
Beiträge zum 18. Jahrhundert sind an ed.ellah-inu.aezi@ininnan.ordnassela zu senden, Beiträge zur Gegenwart an ed.ellah-grub@iratat. Einsendeschluss ist Freitag, 10. Juli 2026.
Es wird um Einreichungen in folgender Form gebeten:
Die Reise- und Übernachtungskosten der ausgewählten Referent*innen werden von den Veranstalter*innen übernommen.