Erinnern ermächtigend gestalten: Die Kleine Klausstraße 16
“Die Scham muss die Seite wechseln” – Gisèle Pelicot
“In den Venerologischen Stationen war Scham war ein strategisches Werkzeug. Ein Kontrollmechanismus, der dafür sorgt, dass die Gewalt unsichtbar bleibt, dass Betroffene bis heute schweigen und dass die Gesellschaft wegsehen kann.”
– Zitat Redebeitrag, Demo zum Internationalen Tag zur Prävention von Gewalt gegen FLINTA*
Mitten in Halles Innenstadt, in der Kleinen Klausstraße 16, befand sich in der DDR für mehr als zwanzig Jahre eine sogenannte venerologische Station zur Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten. Mädchen und Frauen wurden dort ab dem 12. Lebensjahr ohne medizinische Notwendigkeit zwangseingewiesen. Lediglich 5 bis 20% der Frauen und Mädchen hatten tatsächlich eine sexuell übertragbare Infektion und selbst diese hätte ambulant behandelt werden können, wie es bei Männern der Fall war. Es ging also weniger um ihre Behandlung als darum, sie gewaltvoll medizinisch zu disziplinieren. Insgesamt waren ca. 50 000 Frauen und Mädchen in der gesamten DDR in sogenannten “Tripperburgen” inhaftiert, um sie – als Teil des SED-Repressions-Netzwerks – zu “sozialistischen Persönlichkeiten” zu erziehen. Es handelte sich bei ihnen um:
“Frauen und Mädchen, die abends tanzen gegangen sind, Frauen und Mädchen, die sich getraut haben aus gewaltvollen Familienverhältnissen auszubrechen, Frauen und Mädchen, die rebellisch und neugierig waren oder einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.”
(Zitat Redebeitrag Demo zum Internationalen Tag zur Prävention von Gewalt gegen FLINTA*)
ERMÄCHTIGUNG UND VERORTUNG
Nachdem im letzten Semester ein designwissenschaftliches Seminar zur Geschichte der Venerologischen Station sowie dem Schicksal der inhaftierten Mädchen stattgefunden hat, (https://www.burg-halle.de/lehrangebot/l/ein-name-fuer-die-kleine-klausstrasse-16-ueber-den-wissenschaftlichen-umgang-mit-orten-der-gewalt), wollen wir dieses Semester die entstandenen Recherchen und Ideen nutzen, um kleine, machbare Gestaltungsansätze, Interventionen und Social Design-Methoden auszuprobieren. Dabei liegt der Fokus auf feministischer Ermächtigung und (sexueller) Selbstbestimmtheit.
POTENTIALE LOKALEN ERINNERNS
Vielen Menschen ist die Geschichte der vom SED-Regime geschädigten Mädchen und Frauen nicht bekannt. Das hat System. In Deutschland wird Zugehörigkeit über Erinnerungskultur verhandelt (vgl. Bebero Lehmann/DOMiD, Diskussionsrunde Vernetzungstreffen Geschichtskultur). Anders als in der Erinnerungskultur der NS-Zeit, sind Betroffene des Gewaltaystems der SED-Diktatur als Opfergruppe bisher weniger aktiv an der Co-Produktion der Erinnerungsorte beteiligt (vgl. Oliver von Wrochem, KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Diskussionsrunde Vernetzungstreffen Geschichtskultur).
Wie können wir die Bedeutung der Venerologischen Station mit Hilfe von Design sichtbarer ins kollektive Gedächtnis der Stadt einschreiben?
Welches Potential bieten Erinnerungsorte als Ort des Empowerments und Zusammenkommens für die betroffenen Mädchen und Frauen?
Heute befinden sich in der ehemaligen Poliklinik Eigentumswohnungen. Dennoch ist es für Betroffene noch immer ein schwieriger Ort. Eine Zeitzeugin erzählte uns, dass sie seit ihrem Aufenthalt vor über 30 Jahren die Straße nicht mehr betreten kann. Vor Ort verweist bisher ein Erinnerungsstein auf die Geschichte des Gebäudes. Wie kann ein betroffenenzentriertes Gedenken darüber hinaus aussehen?
PROZESS UND ERGEBNISSE/FORM
Mit der Errichtung feministischer und antifaschistischer Counter-Monumente, wie die Friedensstatue “Ari” in Berlin Moabit, gestalten Betroffenen ihre Städte mit. Erinnerung wurde so von ihnen und ihren Verbündeten von unten errungen (vgl. Sternfeld, 2018). In diesem Prozess können Gestalter*innen unterstützende Kompliz*innen sein, die über Gestaltungsentscheidungen hinaus den Prozess begleiten.
Partizipative Gestaltung braucht viel Zeit, um sozial nachhaltig zu sein. Der Designprozess ist in mehrere Phasen untergliedert, von der wir in diesem Wahlpflicht-Kurs in die erste Phase der Ideengenerierung und des artistic research eintauchen, uns dem Experiment und Prototyping widmen.
Es wird kein vollständiger Entwurf entstehen,sondern ein socially-engaged-Design Methodenkoffer mit alternativen Designtechniken und Gestaltungstools.
So entstehen kleine Öffentlichkeiten: akustische, räumliche, sensorische oder gedruckte Ansätze und Interventionen. Denn auch Partizipationsmethoden gehören zum wertvollen Wissen von Designer*innen, die partizipativ und gemeinschaftsbezogen arbeiten möchten.
Expert*innen aus den Bereichen Kuration, Kunst und Design geben uns Einblick in die Gestaltung und Organisation von Counter-Monumenten, Partizipation und Interventionen als empowernde Strategien.
TEILNAHMEVORAUSSETZUNGEN
Im Kurs sind Studierende aller Gender willkommen. Die Belegung des vorangehenden Kurses ist keine Voraussetzung. Es wird bei Gruppenarbeiten die Möglichkeit für FLINTA-Gruppen geben. Im Seminar wird ein diskriminierungssensibler, fehlerfreundlicher Umgang gepflegt.
Die Themensetzung des Kurses kann erheblich belasten. Da es für die Teilnehmer*innen keine gesonderte psychologische Betreuung während des Seminars gibt, bitten wir Studierende nur dann teilzunehmen, wenn sie sich imstande fühlen, das Thema aus fachlicher Distanz zu bearbeiten.
Bios:
Der Kurs ist eine Lehr-Kooperation von Anna Unterstab (künstlerische Mitarbeit Informationsdesign) und Mara Recklies (wissenschaftliche Mitarbeit Design Studies). Neben der Lehre an der Burg gestaltet Anna freischaffend kollektiv und ortsspezifisch Räume und Publikationen für Museen (z.B. Schwules Museum Berlin, MARKK Hamburg), insbesondere mit queeren und dekolonialen Schwerpunkten. Für deren sozial-engagierte Arbeit im Rahmen der queeren und feministischen Nachbarschaftsbibliothek “Bücheria” in Hamburg Wilhelmsburg und das Etablieren eines erweiterten Designbegriffs hierbei, wurde sie 2023 mit dem GDG Preis “Nachbarschaft und Gemeinschaft” ausgezeichnet.
Mara Recklies Forschung forscht zu der Frage, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse in Designpraxis und -epistemologie artikulieren. Sie forschte und lehrte Designtheorie, Designgeschichte und Designethik an diversen Hochschulen, darunter der HfbK Hamburg, der HfK Bremen und der Kunsthochschule Kassel. Ihre wissenschaftlichen Texte wurden in mehreren akademischen Sammelbänden sowie populären Medien publiziert. weitere Informationen: recklies.de
Weiter lesen und hören:
- Materialien von Zeit-Geschichte(n) e.V. (https://www.zeit-geschichten.de/start-2/themen/sozialismus/tripperburg/)
- Podcast: “Diagnose: Unangepasst – Der Albtraum Tripperburg” des MDR: (https://www.ardaudiothek.de/sendung/diagnose-unangepasst-der-albtraum-tripperburg/urn:ard:show:b67ffae8e8a87d0d/)
- Studie „Disziplinierung durch Medizin“ von Florian Steger und Maximilian Schochow
- Radio Feature und Zeitstrahl: Kleine Klaus 16 – Halle, die „Tripperburg“ und ich, von Irene Schulz.
- Roman “Herumtreiberinnen” von Bettina Wilpert.
- Artikel “Disziplinierung in der ‘Tripperburg’” (FAZ – 14.09.2014).
- Artikel “Tripperburg in Halle: Frauen zu DDR-Zeiten eingesperrt und gequält” (Mitteldeutsche Zeitung – 23.02.2017).
- Artikel “Ich dachte, ich muss dort sterben” (ZEIT online – 08.07.2023).
Quellen:
Nora Sternfeld, Gegendenkmal und Para-Monument. Politik und Erinnerung im öffentlichen Raum, in: Ernst Logar (Hg.), Ort der Unruhe/Place of Unrest, Klagenfurt/Celovec, 2018.
Aus den Notizen von Anna Unterstab aus der Diskussionsrunde von Bebero Lehmann, Helge Heidemeyer, Manuela Bauche, Oliver von Wrochem und Shila Erlbaum beim Vernetzungstreffen Geschichtskultur – Netzwerke, Wissenstransfer, Kooperation; Kampnagel Hamburg, 13.3.2026.
Redebeitrag von Caro und Helene, entstanden aus dem Seminar des letzten Semesters, auf der Demo zum Internationalen Tag zur Prävention von Gewalt gegen FLINTA*, Halle, November 2025.
Zitat vom Ankündigungsbild: Asal Dardan im Gespräch mit Ebru Tasdemir, Leipziger Buchmesse, Forum Sachbuch; 28.03.2025.
EN:
Kleine Klausstraße 16 – Empowering Cultures of Remembrance
During the GDR era, girls and women aged 12 and over were forcibly detained at this Halle address in a venereal disease clinic, often without any medical need. Around 50,000 woman and girls were imprisoned across the GDR in so called “Tripperburgen/gonorrhea forts”in an SED attempt to discipline them into becoming "socialist personalities". Shame was used as a tool of control.
This design course explores feminist empowerment and participatory methods to bring this history to the forefront of collective memory.
Unfortunately, the class will be taught in German due to the complexity of the historic resources, which only exist in German.















