Lehrangebot

More than Human. Mensch-Tier-Beziehungen in der Populärkultur zwischen Exotismus, Anthropomorphisierung und Companionship

Frei nach Niklas Luhmann ließe sich behaupten: ‚Alles, was wir über die Tierwelt wissen, wissen wir durch die Massenmedien.‘ Zumindest gilt dies für die meisten westlichen Gesellschaften, die nicht-menschliche Tiere aus der Lebenswelt weitestgehend verdrängt haben. Mit Tieren in freier Wildbahn haben gerade Stadtbewohner:innen nur selten direkte Begegnungen und wenn, dann nur innerhalb kontrollierter, durchgestalteter und spezialisierter Umgebungen. Zugleich wird die Tierwelt aber immer genauer beobachtet, beschrieben, untersucht, lokalisiert und kategorisiert. Unser Verhältnis zu den Tieren ist offensichtlich geprägt durch eine gewisse Ambivalenz: Als Haustiere sollen sie uns unterhalten und Freude bereiten, während Nutztiere auf ihre Rolle als Nahrungsmittellieferanten reduziert werden. „Wilde Tiere“ dienen hingegen häufig als Schauobjekte, etwa in Wildparks oder naturhistorischen Museen. Auf diese Weise ist „das Tier“ in westlichen Gesellschaften zum Inbegriff des Anderen geworden, das paradoxerweise zugleich innerhalb als auch außerhalb der menschlichen Kultur und Gesellschaft seinen Platz hat. Paradox ist dieses Verhältnis auch deshalb, weil wir einerseits Tiere töten, sie aber andererseits als Haustiere halten. 

Für Derrida beginnt die Gewalt schon mit der Singularbezeichnung „Tier“, ganz so als seien alle Tiere irgendwie gleich. Diese Haltung spiegelt einen Logozentrismus des Menschen wider, der sich als Krone der Schöpfung über allen anderen Lebewesen stehend imaginiert. Dementsprechend fungiert “das Tier“ auch immer als Kontrastfolie: Das Animalische wird dem Menschen gegenübergestellt, indem einerseits das Animalische aus dem Menschlichen verbannt wird und andererseits dem Tierlichen alles Menschliche abgesprochen wird. Das geht soweit, dass man dem tierlichen Leben all das abspricht, was das Menschliche ausmachen soll: Sprache, Vernunft, Trauer, Tod, Kultur, Technik, Lachen, Weinen etc. Diese Ordnung wird dann unsicher, wenn sich räumliche Trennungen verschieben: Wenn sich Wölfe in Kulturlandschaften ansiedeln, aus denen sie einst verdrängt wurden, oder wenn sich durch menschlichen Einfluss so genannte invasive Arten ausbreiten. Dann kommt es nicht selten zu Krisen im Mensch-Tier-Verhältnis, die oftmals eine breite mediale Öffentlichkeit bekommen. 

Die mediale Verfasstheit des Mensch-Tier-Verhältnisses, auf die eingangs verwiesen wurde, bedeutet, dass unsere Wahrnehmung und Beziehung zu Tieren immer gefiltert und präskribiert ist – sei es durch die Forschung in den Wissenschaften, durch Berichte in Nachrichtenmedien oder die Darstellung in Unterhaltungsangeboten. Solche medialen Repräsentationen sind nicht neutral, sie bestimmen die Art und Weise, wie die Mensch-Tier-Beziehung kulturell rekonstruiert und wahrgenommen wird. Dadurch wird das Natürliche und Animalische in Abhängigkeit zum jeweiligen historischen, kulturellen und sozialen Kontext immer wieder neu produziert. Populäre Darstellungen spielen in diesem Prozess eine große Rolle. Im Seminar wollen wir daher dem medialen Tier zunächst mittels ausgewählter Texte u.a. aus der Medienwissenschaft und den Human-Animal-Studies begegnen. Anschließend nähern wir uns anhand unterschiedlicher Inszenierungen der Mensch-Tier-Beziehung in ausgewählten Dokumentar-, Animations- und Spielfilmen, aber auch mittels der Displays naturhistorischer Sammlungen und innerhalb virtueller Umgebungen digitaler Spiele.