Zettelkästen und andere Mutualismen

Reinterpretation einer biologischen Intraaktionsform

Call#3 der Bio.Lab-Residencies beschäftigt sich mit dem (Zu-)Sehen und dem (Zu-)Hören bei stetigem Verknüpfen zu Literatur aus Biologie und Design.

Die daraus resultierende Wissensdatenbank, soll durch ständige Neukonstruktion und Erweiterung den zukünftigen Residency-Studierenden eine Form von Relationierung, Vielfalt und eine themenübergreifende Anschlussfähigkeit bereitstellen. Angelehnt an Niklas Luhmans Zettelkastensystem, kann die Knowledge-Base als gleichwertiger Kommunikationspartner verstanden werden und kann gleichwohl durch die Galaxy-ähnliche Darstellung des Themengrids aufgrund kalkulierter Zufälligkeit ein Tool der Kreativität sein.

Der zweite Schwerpunkt des Semesterprojektes liegt auf der Definition und Erörterung der Potentiale des Begriffes „Mutualismus“. Weithin als „gegenseitige Hilfe / gegenseitige Abhängigkeit“ übersetzt, werden Akteure, Interaktionen und sogar Systeme auf ihre mutualistischen Fähigkeiten erkundet.  

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Der Philosoph Manuel Seel hat vor nicht allzu langer Zeit den Gedankenversuch gewagt, die „generelle“ Wahrnehmung von ästhetischer Wahrnehmung aufgrund von Interesselosigkeit zu differenzieren. Dazu muss erklärt werden, dass Manuel Seel grundsätzlich davon ausging, dass sich die Menschheit durch die Anmut der Natur zum Konsum dieser hingerissen fühle. Wenig überraschend erhob der Philosoph die „Distanz-Sinne“, Sehen und Hören zur höchsten Priorität. 

Dieser Ausbruch aus dem Dogma der fünf Sinne ist zwar so einleuchtend wie ehrenwert, es fehlt ihm allerdings an Nähe zur Forschungspraxis.

 

Fokus 1 

Deshalb beschäftigte sich der Call#3 der Bio.Lab-Residencies mit dem (Zu-)Sehen und dem (Zu-)Hören bei stetigem Verknüpfen zu Literatur aus Biologie und Design. Was resultiert ist eine Wissensdatenbank. Eine Bibliothek, die konstruiert wurde, um mit fortwährender Forschung, neuen Studierenden und alternativen Thematiken vielfältige Erweiterung zu finden. Die dazu verwendete Markdown-Software Obsidian ermöglicht das Organisieren, Katalogisieren und Verknüpfen von Einträgen. Prinzipiell agiert Obsidian als digitale Version des uns von Niklas Luhmann bekannten Zettelkastensystems und soll letztendlich auch dessen Vorteile vermitteln. Genauso wie Luhmann der seinen 90.000 Notizen-umfassenden Zettelkasten als einen gleichwertigen Kommunikationspartner verstand, soll Obsidian eine Art von Relationierung, Vielfalt und eine themenübergreifende Anschlussfähigkeit bereitstellen. Gleichwohl kann die Galaxy-ähnliche Darstellung des Themengrids durch kalkulierte Zufälligkeit ein Tool der Kreativität sein, indem man von prägnanten Knotenpunkten aus Folgeeinträge erkunden und neue Verbindungen schaffen kann. 

 

Fokus 2

Was aber nun, wenn Manuel Seel sich irrt? 
In den frühen Neunziger Jahren, argumentiert Arnold Berleant, dass ästhetische Wahrnehmung und gleichsame Wertschätzung von Natur dadurch geprägt werden, wie wir in unsere Umgebung involviert sind. Diesen Umstand bezeichnend er als engaged. Der chinesische Philosoph Wangheng Chen ergänzt: „die Hochschätzung von Natur [bestehe] gerade nicht in der Lust an ihrer Schönheit […], sondern in der Achtung ihrer Selbsttätigkeit.“ 
Diese Problematik um die Frage der Bewältigung unserer aktuellen Probleme im Verhältnis zur Natur, beschäftigen alle in das Bio.Lab involvierten Akteure. Ein Begriff der durch Fokus1 elaboriert wurde, welcher den Annahmen Chens entspricht sich allerdings auch durch die Residency, Forschungspraxis und Design-theoretisch relevanten Fragen des Sommersemesters zog, ist der des Mutualismus.

Mutualismus umgibt uns überall. Die große Mehrheit von Blütenpflanzen hängt von Bestäubern und Verbreitern von Samen ab, die sich gleichzeitig durch diesen Akt ernähren. Wüsten werden dominiert von Stickstoff-oxidierenden Leguminosen und im Ozean lebt beispielsweise der Tintenfisch Euprymna scolopes der zur nächtlichen Tarnung eine mutualistische Symbiose mit dem Mikroorganismus Alivibrio Fischeri eingeht. Letzteres Bakterium ist Gegenstand der Semesterforschung im Bio.Lab. 
Für die Residency wurde die ursprüngliche Definition von Mutualismus als „gegenseitige Hilfe / gegenseitige Abhängigkeit“ von van Beneden (1873) verwendet. Mutualismus ist folglich eine Interaktionsform, die unter dem Dach von Smybiose, von einer gemeinsamen Evolutionsgeschichte der Spezies oder zumindest einem gewissen Maß an obligater Abhängigkeit gekennzeichnet ist und die damit eher einer Intraaktionform als einer Interaktionform entspricht. Intraaktion ist ein von Karen Barad eingeführter Neologismus, der eine intrinsisch motivierten in seltenen Fällen forcierten Austausch von Akteuren beschreibt. 
Auf diesem Wissen aufbauend, versteht sich die Designtheorie – der Call#3 – als mutualistischer Austausch zur Designpraxis – Call#1 und Call#2 – und vice versa. In einem System des mutualistischen Aufeinander-Angewiesen-Seins von Theorie und Praxis werden Begriffe auf der Forschung in der Knowledge-Base dieser aufbereitet wieder zur Verfügung gestellt. Hier anschließend ein Gedankenexperiment: Kann durch die wechselnden Studierenden, die bestehende Obsidian-Bibliothek selbst zum mutualistischen Akteur werden? 

 

Quellen: 

Böhme, Gernot (2021): „Was hat die Ökologie mit Ästhetik zu tun?“. In: Die Zeit. Ausgabe: N°28 08.07.2021. S.51. 

Bronstein, Judith L. (2015): „Mutualism“. Oxford University Press. Oxford.

Schmidt, Johannes (2021): „Der Zettelkasten Niklas Luhmanns“. niklas-luhmann-archiv.de . Zuletzt besucht am: 10.07.2021.

Stark, Whitney (2016): „Intra-action”. newmaterialism.eu . Zuletzt besucht am: 10.07.2021.