Lehrangebot

Die Politik und das Potenzial der Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist Politisch

Die fünf größten Unternehmen der Welt haben ein gemeinsames Kerngeschäft: die Generierung und Monetarisierung der menschlichen Aufmerksamkeit über soziale Medien und andere digitale Plattformen.  Kritiker bezeichnen diese allgegenwärtige, KI-getriebene, ununterbrochene Hyperkommodifizierung unserer Menschlichkeit als eine Form der „Technokolonisierung und völligen Verarmung unserer gelebten Zeit,“ als „Nötigung, Diebstahl und Instrumentalisierung menschlichen Lebens“ und als einen Prozess, der jeglichen Grundvoraussetzungen eines guten menschlichen Lebens und Entfaltens widerspricht.  Andere sprechen von „Human Fracking“, also einem Prozess der Ausbeutung bzw. des „Bio-Hacks,“ der sich durch ganze Gesellschaften zieht und bei dem wie beim Fracking gestohlene und algorithmisch veränderte Daten mit hochemotionalen Inhalten (z.B. durch rage baiting) mit Hochdruck in unsere Gehirne geschleudert werden. Das Ziel sei, unsere Aufmerksamkeit aufzubrechen, umzustrukturieren und an die Oberfläche zu zwingen, so dass sie Meistbietende versteigert werden kann.

Dieselben Kritiker bringen diese Kommodifizierung unserer Aufmerksamkeit mit einer Epidemie von Depressionen und Entfremdung in Verbindung, so mit einer von sozialen Brüchen, Polarisierungen, und gegenseitigen Entfremdungen zerrütteten politischen Landschaft. Am beunruhigendsten ist vielleicht das Gefühl der Unausweichlichkeit, welches viele Diskussionen über diese Aufmerksamkeitskrise begleitet – die Verzweiflung darüber, dass es keine Alternative zu Entwicklungen gibt, bei denen unser Selbst auf das reduziert wird, was quantifiziert, gekauft und verkauft werden kann.

In diesem Seminar setzen wir uns kritisch mit dieser Aufmerksamkeitskrise auseinander. Was für Auswirkungen hat sie auf Kunst und Design? Was für Wege gibt es, unsere Aufmerksamkeit und die dazu gehörenden kritischen Fähigkeiten, über die wir alle verfügen, zurückzugewinnen? Wichtig ist eine Historisierung der „menschlichen Aufmerksamkeit“ und ihrer Ursprünge in der militärisch-industriellen Forschung vor fast hundert Jahren, sowie eine Untersuchung bereits bestehender Praktiken, Bündnisse und Räume, in denen Aufmerksamkeitsaktivist*innen andere Formen der Aufmerksamkeit kultivieren.

Das Seminar verbindet kurze Lesetexte, Diskussionen, Exkursionen und praktische Aufgaben. Während die meisten Materialien auf Englisch bereitgestellt werden, sind Diskussionen und eingereichte Arbeitsergebnisse sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch willkommen.