Wie kann die Energiewende zu etwas werden, das Menschen nicht nur akzeptieren, sondern aktiv mitgestalten wollen? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des Projekts. Es untersucht, wie Solartechnik aus ihrer rein funktionalen Rolle herausgelöst und in ein offenes, gestalterisches System überführt werden kann. Das Solarmodul wird hier nicht als fertiges Produkt verstanden, sondern als Material, das in Dialog mit Raum, Textil und den Bedürfnissen der Nutzer*innen tritt.
Im Zentrum steht ein modulares System, das textile Strukturen mit photovoltaischen Elementen verbindet. Die Grundlage bildet ein Trägergewebe, das mithilfe von Tailored Fiber Placement gezielt verstärkt wird. Durch die präzise Platzierung der Fasern entlang realer Kraftverläufe entstehen textile Zonen, die Lasten aufnehmen, Module tragen oder bestimmte Muster sichtbar machen können. TFP ermöglicht eine textile Architektur, die sowohl technisch funktional, als auch gestalterisch offen ist.
Die Solarmodule selbst bestehen aus leichten, stabilen Wabenplatten – etwa ThermHex – die als Backsheet dienen. In diese Module werden Druckknöpfe thermoplastisch integriert, sodass sie fest mit dem Modul verbunden sind und eine klare, wiederlösbare Verbindung zum Gewebe ermöglichen. Die Module werden an definierten Punkten befestigt. Die Gestaltbarkeit entsteht im Entwurfsprozess: in der Wahl des Musters, der Dichte, der Farbigkeit und der räumlichen Wirkung.
Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist eine Webseite, auf der Nutzerinnen ein Foto ihres Balkons hochladen können. Dort können sie ausprobieren, wie verschiedene Muster, Farben und textile Strukturen an ihrem eigenen Ort wirken würden. Offene Muster lassen viel Licht und Sonne durch, schaffen Transparenz und Leichtigkeit. Dichtere Strukturen erzeugen mehr Strom, bieten Privatsphäre oder setzen gestalterische Akzente. Nutzerinnen können so selbst entscheiden, welche Balance aus Energieproduktion, Sichtschutz und ästhetischer Wirkung für sie sinnvoll ist.
Diese Offenheit richtet sich bewusst an Menschen, die bislang wenig Berührungspunkte mit Solartechnik hatten. Das Projekt zeigt, dass Energie nicht nur ein technisches Thema ist, sondern ein gestalterisches: etwas, das man anpassen, planen und in die eigene Lebenswelt integrieren kann. Kundinnen werden nicht als passive Verbraucherinnen gedacht, sondern als Mitgestaltende. Sie wählen nicht nur ein Produkt, sondern entwickeln eine eigene Lösung, die abgestimmt auf ihren Balkon, ihre Bedürfnisse, ihre Vorstellung von Raum ist.
Der Entwicklungsprozess machte deutlich, wie stark sich die Beziehung zu einem technischen Objekt verändert, wenn Gestaltung von Anfang an mitgedacht wird. Die Möglichkeit, textile Träger, Faserverläufe, Modulformate und Muster bewusst zu entwerfen, schafft eine emotionale Nähe, die herkömmliche Solartechnik selten erreicht. Gestaltung wird hier zu einer Form der Teilhabe: Sie ermöglicht Identifikation, Verständnis und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Unter dem Leitmotiv “Gestalt des Wandels” zeigt das Projekt, dass Transformation nicht nur in großen politischen Entscheidungen stattfindet, sondern auch in der Art, wie wir Energie sichtbar machen. Wenn Solartechnik nicht als Fremdkörper erscheint, sondern als gestaltbare Fläche, entsteht ein anderes Verhältnis zu Energie: persönlicher, räumlicher, sinnlich erfahrbar. Das Projekt macht deutlich, dass nachhaltige Technologien nicht nur effizient, sondern auch einladend sein müssen und offen für Vielfalt, für Bedürfnisse, für individuelle Lebensrealitäten. Die Verbindung von Textil, Technik und Gestaltung eröffnet neue Perspektiven darauf, wie die Energiewende in unseren Lebensräumen verankert werden kann. Sie zeigt, dass Wandel nicht nur eine Frage der Technik ist, sondern auch der Form, der Berührung und der Identifikation. Solarenergie wird hier zu etwas, das man nicht nur nutzt, sondern mitgestaltet als Teil einer gemeinsamen, gestaltbaren Zukunft.