Cradle to Cradle-Festival in Berlin

Vom 26. Januar bis 16. März 2011 findet in Berlin das erste Cradle to Cradle-Festival statt.
Eine Empfehlng von BURGgrün für alle an Nachhaltigkeit interessierten Designer.

 

Unter dem diesjährigen Motto: „Blueprint Netherlands“ (Blaupause Niederlande), wird mit dem Festival der bisherige weltweite Erfolg des Cradle to Cradle-Prinzips und seine Pioniere gefeiert. Das Motto ehrt den besonderen Aktionismus und die breite Implementierung von Cradle to Cradle in den Niederlanden, die als Land eine Vorbildfunktion für andere einnehmen.

Hier findet Ihr die Website und das Programm.

Im Folgenden findet Ihr ein Interview mit Michael Braungart von Holm Fiebe zum Thema Cradle-to-Cradle aus dem „Denkanstöße Magazin 03“ . >>> Weitere interessante Artikel von „Denkanstöße“ 

BURGgrün – Euer Arbeitskreis für Umwelt

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Verzichten? Nein danke!

Wenn in Zukunft Autos, Waschmaschinen und Telefone so gebaut sind, dass sie nach Gebrauch zu Nährstoffen für andere Geräte werden, wäre das Utopia der Verschwendung erreicht. Der Chemiker Michael Braungart weiß, wie wir dorthin kommen.

Spätestens seit der Club of Rome 1972 die „Grenzen des Wachstums“ formulierte, wird die Debatte um den ökologischen Umbau bestimmt von Verzicht und von der Idee, einen möglichst kleinen Fußabdruck auf der Erde zu hinterlassen. Völlig daneben findet das der einflussreiche Design-Vordenker Michael Braungart. Der Chemiker und Materialforscher entwickelt seit den 90ern zusammen mit dem Architekten William McDonough den Cradle-to-Cradle-Ansatz. Die zentrale Botschaft: Wenn es uns gelingt, durch intelligentes und verantwortungsbewusstes Design geschlossene Stoffkreisläufe – von der Wiege bis zur Wiege – zu schaffen, können wir es uns leisten, auf den Verzicht zu verzichten.

Denkanstöße: Herr Braungart, der letzte große Vorst0ß zur Steigerung der Ökoeffizienz in Deutschland war die Abwrackprämie für Altautos. Eine sinnvolle Maßnahme?

Michael Braungart: Die Abwrackprämie war einfach nur Dummheit, in jeder Hinsicht. das hat weder mit Effizienz noch mit Effektivität etwas zu tun, sondern bedeutet schlicht einen steuerlich subventionierten Verlust von Vermögen und Rohstoffen. Man sollte Ökoeffizienz nicht mit Dummheit gleichsetzen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge.

Cradle to Cradle bedeutet hingegen, dass die Menschen auf nichts verzichten müssen, nach Lust und Laune konsumieren und wegwerfen können, weil die Produkte und Prozesse so intelligent designt sind, dass sie dadurch keinen Schaden anrichten können. Richtig?

Nicht ganz. Bei Cradle to Cradle ist alles Nährstoff. Was verschleißt und kaputt geht, ist biologischer Nährstoff und geht zurück in biologische Kreisläufe. Was aber nur genutzt wird, eine Waschmaschine oder ein fernseher beispielsweise, wird so gestaltet, dass es auch nach Gebrauchsende noch technisch nützlich ist. dadurch wird es zu technologischem Nährstoff. Subjektiv erlaubt das durchaus einen verschwenderischen Umgang mit Materialien, weil der Umgang selbst nützlich wird. Das heißt: Er kann anderen Lebewesen dienen.

Wieso diskutiert dann die westliche Welt über Klimawandel, CO2-Bilanzen und Energieeffizienz?

Weil genrell nicht verstanden wird, dass es kein allgemeines Energieproblem gibt, sondern ein Kohlenstoff-Management-Problem. Wenn man Kohlenstoff so managed, dass er nützlich ist, also nicht in die Atmosphäre gelangt oder in Ozeanen gelöst wird, dann kann man mit Kohlenstoff sehr verschwenderisch umgehen.

Das bedeutet, man kann vielfältige, produktive, für Menschen und andere Lebewesen freundliche Systeme schaffen. So wie ein Kirschbaum im Frühling auch nicht spart, sondern tausende von Blüten und Früchten hervorbringt, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: Sobald sie zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Boden in der Umgebung.

Wir müssen uns zu Anfang stets die Frage stellen: Was ist das Richtige? Danach mag die Effizienz eine Strategie sein, um dorthin zu gelangen. Aber sie ist nur eine von vielen. Aufgrund des Energieüberschusses auf dem Planeten neigt die Natur im Allgemeinen nicht zu Effizienzstrategien, sondern zu Verschwendung.

Das Überschüssige scheint dabei der Knackpunkt zu sein. In der industriellen Denkweise ist Redundanz etwas, das es zu eliminieren gilt. In der Natur ist sie eine wichtige Ressource für Stabilität und evolutionären Fortschritt.

Genau. Redundanz bedeutet, dass man einen Fundus hat, aus dem man für natürliche oder technische Prozesse schöpfen kann. Die Natur wirkt praktisch wie eine Material- oder Energiebank – und die Technosphäre genauso. Darum geht es uns auch nicht um Dematerialisierung, sondern um Rematerialisierung, sprich: darum, die Materialien zu feiern. Weil auf diese Art und Weise ein Leben in Hülle und Fülle möglich wird.

Die Erde hat ja durch das einströmende Sonnenlicht einen Energieüberschuss von außen. Von daher ist es albern, immer davon zu reden, man habe nur einen Planeten zur Verfügung. Wir können durchaus einen Planeten schaffen, der fünf- oder zehnmal produktiver ist, als er natürlicherweise wäre. Das ist schon vor etwa zehntausend Jahren begriffen worden, als man von der Nomadenwirtschaft zur Landwirtschaft überging und so die Bioproduktivität drastisch erhöhte. Darum ist das Verzichten, vermeiden, der gesamte Schuldkomplex ziemlicher Blödsinn.

Wie steht es mit der grauen Energie, die beim Recycling verschwendet wird?

Sie meinen das, was man auf Englisch „embodied energy“ nennt, also die Energie, die für die Herstellung und Bereitstellung bereits eingesetzt worden ist. Viel problematischer ist aber der Verlust von wertvollen Rohmaterialien in Form von Pseudorecycling. Wir denken, es sei Recycling, wenn wir Autos einschmelzen und daraus Baustahl herstellen. Aber wie verlieren dabei Elemente wie Kupfer, Tantal, Chrom, Mangan, Molybdän, Antimon, Kobalt und Wismut, die den baustahl obendrein minderwertig machen. Das ist unser eigentliches Problem: Downcycling.

Energiezufuhr von außen haben wir mindestens fünftausendmal mehr als wir je brauchen können. Aber es kommen nicht genügend Meteoriten an der Erdoberfläche an. Deshalb sind diese seltenen Erden und Buntmetalle der viel kritischere Engpassfaktor. Die Wiedernutzungsrate von Kupfer beispielsweise war in der Menschheitsgeschichte noch nie so gering wie heute, weil immer weniger davon aus den komplexen Produkten abtrennbar ist. Um diese Stoffe zurückzugewinnen, muss das Design grundlegend geändert werden.

Wie lässt sich dieser Spurwechsel vollziehen?

Die neue Richtung muss sein: Es ist sinnvoll, den ökologischen Fußabdruck – jetzt einmal wörtlich genommen – im Winter zu minimieren, wenn es dunkel und kalt ist. Wenn man aber im Sommer in Italien oder in Süddeutschland herumläuft, dann bedeutet ein Fußabdruck, dass das Wsser länger in der Wiese stehen bleibt. Er ist förderlich, weil ein kleines Feuchtgebiet entsteht. Warum soll ich nicht einen großen Fußabdruck haben, der aber nützlich ist? Wie weit unser Selbsthass gekommen ist, zeigt sich an ganz einfachen Dingen. Etwa daran, dass wir kein einziges Biosiegel haben, das uns erlaubt, unsere Stoffwechselprodukte wieder in den Kreislauf einzubringen. Als Menschen müssen wir jeden Tag zwei Gramm Phosphat aufnehmen und wieder ausscheiden. Kein Biosiegel erlaubt es, dieses Phosphat zurück in die Landwirtschaft einzubringen…

Sie sprechen von menschlichen Exkrementen.

Ja, natürlich. Es ist ausgeschlossen, menschliche Exkremente in der Landwirtschaft zu nutzen. Aber wir sind die größten Einzelverwender von Phosphat. Phosphor ist viel seltener als Öl. Es wird viel mehr Radioaktivität durch den Phosphatbergbau freigesetzt, als in allen Atomanlagen weltweit verwendet wird. Wir erhöhen damit ganz drastisch die Hintergrundbelastung an Radioaktivität und dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder an Leukämie erkranken.

Für den Umbau, den Sie vorschlagen, reicht es ja nicht aus, nur die Produkte anders zu designen. Man müsste an das gesamte System der Müllentsorgung heran.

Es fängt noch früher an. An die Stelle der Müllentsorgung muss ein Nährstoffmanagement für die Biosphäre und für die Technosphäre treten. Das hat nicht nur mit Design zu tun, sondern damit, dass wir als Menschen verstehen, dass es mit „weniger schädlich“ nicht getan ist. Dafür sind wir einfach zu viele.

Wie kommen wir dann wirklich zu einem ökologischen Umbau?

Der Paradigmenwechsel besteht darin, positive Ziele jenseits der Nulllinie zu formulieren. Ökoeffektivität heißt definieren, wo man sein möchte. Ich gebe konkrete Aufgaben und Zeitpläne. Bei einem beliebigen Haus in Europa ist die Luftqualität heute im Durchschnitt im Inneren drei- bis achtmal schlechter als die schlechteste Luftqualität in Rotterdam. Wie wäre es, als Ziel zu formulieren: In zehn Jahren ist die Luft in unseren Gebäuden besser als die Außenluft? Damit entstehen plötzlich – wie beim Unternehmen Desso – Teppichböden, die die Luft so reinigen, wie ein Blatt die Luft reinigt. Wie wäre es, als Ziel vorzugeben: In zehn Jahren werden wir alles Phosphat, das wir ausscheiden, zurückgewinnen und wieder einsetzen? Ich kann Ihnen eine lange Liste solcher positiven Ziele nennen.

Gekauft. Aber wie setzen wir sie durch? Geht das ohen die Politik? Ohne Revolution?

Die Politik müsste letztlich nur die Subventionierung des Falschen beenden, Einfaches Beispiel: Die EU importiert zwei Millionen Tonnen Palmöl als Biodiesel. Dafür gibt es Einspeisevergütungen. Natürlich lohnt es sich danach nicht mehr, Palmöl als Nahrung zu verwenden. Stattdessen wird es in Verbrennungsöfen verheizt. Der Staat schafft falsche Anreize und verhindert dadurch Innovationen auf dem Markt. Dagegen könnte er durch positive Ziele technologische Veränderungen in einer Geschwindigkeit voranbringen, die in der Tat revolutionäre Entwicklungsschritte bedeuten.

Es braucht also nur richtige Anreize und das richtige Bewusstsein?

Das hört sich so politisch korrekt an. Ein bisschen mehr Selbstwertgefühl reicht völlig aus. Die Ich-bin-doch-nicht-blöd-Generation ist inzwischen in der Industrie und im Design angekommen. Der geht es auch gar nicht mehr um die Umwelt, sondern um umfassende Qualität. Ein Produkt, das die Leute krank macht, ist ein schlechtes Produkt. Ein Produkt, das mit Kinderarbeit verbunden ist, ist kein schönes Produkt. Umfassende Qualität und umfassende Schönheit, sonst gar nichts!

Können Sie noch ein paar Beispiele von massenindustriell hergestellten Produkten nennen, die diesen Kriterien genügen?

Ganz viele. Ich habe die Teppichböden erwähnt, die die Luft reinigen. Wir haben essbare Bezugsstoffe für Möbel auf den Markt gebracht, die in den Flugzeugen von Airbus eingesetzt werden.

Wie bitte? Essbare Flugzeugsitze?

Ja, faktisch essen Sie die ohnehin. Wenn Sie auf dem Stoff hin- und herrutschen, lösen sich Fasern und landen im Essen. Bislang sind Möbelbezugsstoffe so giftig, dass sie in der EU als Sondermüll verbrannt werden müssen. Indem Sie als Ziel essbare Möbelstoffe formulieren, packen Sie die Intelligenz an den Anfang und müssen nicht hinterher mit Luftfiltern Schadenbegrenzung betreiben. Da die Leute ohnehin an Fasermangel leiden, könnten sie die Stoffe aber auch direkt kleinschneiden und in ihr Müsli packen.

Hinzu kommt, dass diejenigen, die die Stoffe herstellen, bessere Arbeitsbedingungen haben. Sogar das Wasser, das dabei verwendet wird, ist hinterher suaberer als vorher, weil das Herstellungsverfahren selbst als Reinigung dient. Daran sieht man: Wir können einen positiven Fußabdruck schaffen.

Die holländische Gruppe Platform 21 fordert in ihrem Repair Manifesto, die Lebensdauer von Produkten zu erhöhen, indem man sie besser reparierbar designt. Wäre das nicht auch ein gangbarer Weg?

Auf Holländisch heißt nachhaltig auch nicht nachhaltig, sondern „duurzaam“ – dauerhaft. Diese Sehnsucht nach Beständigkeit ist eine rein menschliche Projektion, die auch im Produktzyklus steckt. Langlebigkeit klingt erst einmal erstrebenswert. Aber ein Produkt lebt gar nicht. Die Projektion ist: Weil ich lange leben möchte, soll mein Produkt auch lange leben.

Ist das nicht verständlich?

Schon, aber wir brauchen definierte Nutzungszeiten, keine Langlebigkeit. Dann weiß ich, wann ich mein Material zurückbekomme, und kann die Innovation von vornherein einplanen. Wir verschwenden nicht unnütze Zeit mit der Reparatur von altem Zeug, sondern können die jeweils besten Dinge auf dem Stand der Technik auf den Markt bringen. Wenn ich etwas trotzdem länger haben will, dann behalte ich es länger, das ist okay. Wir wollen den Menschen nicht etwas Liebgewonnenes wegnehmen. Aber die meisten Dinge sind Gebrauchsgegenstände wie Kopierer oder Waschmaschinen, mit denen wir keine Emotionen verbinden.

Herr Braungart, haben Sie da nicht eine etwas verschwenderische Haltung gegenüber den Dingen?

Es geht um intelligente Verschwendung. Das bedeutet, anderen Lebewesen mit Intelligenz Freude zu bereiten und sie zu unterstützen. Ohne einen Turm gibt es keinen Turmfalken. Ganz viele Lebewesen haben sich auf unsere Zivilisation eingestellt und profitieren davon. Es geht darum, den Mensch nicht zuerst als Haftungsrisiko zu sehen. Sobald Sie begriffen haben, dass die Ameisen viel mehr Biomasse als wir auf dei Waage bringen und, weil sie körperlich viel härter arbeiten, einen Kalorienverbrauch aufweisen, der dem von 30 Milliarden Menschen entspricht, verstehen Sie, dass wir nicht zu viele Menschen auf dem Planeten sind. Nur oft noch zu dumm.

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Dr. Michael Braungart ist Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg und Direktor eines interdisziplinären Masterprogrammes für Stoffstrom-Management. 2008 übernahm er eine weitere Professur am Dutch Research Institute for Transitions (DRIFT) an der Erasmus Universität in Rotterdam in Verbindung mit der TU Delft. Braungart ist Gründer und wissenschaftlicher Geschäftsführer der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg sowie Mitbegründer der Design- und Entwicklungsfirma McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC) in Charlottesville, USA, und des Hamburger Umwelt-Instituts (HUI).