Lehrangebot

Vorträge der Kunstwissenschaften

19.10.2027 

Andres Veiel: Beuys, Dokumentarfilm 2017 

Aus einer montierten Collage unzähliger, bis dahin unerschlossener Bild- und Tondokumente stellen Regisseur Andres Veiel und sein Team ein einzigartiges Zeitdokument zusammen: „Beuys“ ist kein klassisches Porträt, sondern eine Betrachtung des Menschen, seiner Kunst und seiner Ideenräume.

 

 

 

26.10.2026 

Petra Richter (Düsseldorf) 

Kunstwerke schaffen, um die Wirklichkeit zu ändern – Joseph Beuys in Rom und Neapel

 

Da für Joseph Beuys der wirtschaftlich weniger weit entwickelte Süden Italiens mit seiner Ursprünglichkeit, Kultur und Geschichte einen besonders geeigneten Resonanzboden für seine gesellschaftsreformerischen Anliegen bot, wurde der Mezzogiorno von 1971 bis 1985 die bevorzugte Region seiner künstlerich-politischen Aktivitäten. In kritischer Reflexion führte deren gesellschaftliche Realität zu Werken, die auf den lokalen und gesellschaftspolitischen Kontext Bezug nehmen, verbunden mit der Aufforderung, das gesellschaftliche Gefüge zu reflektieren und neu auszurichten. Am Beispiel seiner Auftritte in Neapel und Rom in den Jahren 1971 und 1981 soll Beuys’ Bemühen, Lösungen für die gesellschaftspolitischen Probleme anzustoßen, nachgegangen werden.

 

Petra Richter studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie in Kiel, Bochum und Rom. Dissertation über Joseph Beuys und seine Schüler: Mit, neben, gegen. Die Schüler von Joseph Beuys, 2000. Veröffentlichungen zu Themen zeitgenössischer Kunst der 1960er und 1970er Jahre. Forschungsschwerpunkte: Rezeption des Kunstbegriffs von Joseph Beuys sowie Beuys und Italien: Joseph Beuys. Ein Erdbeben in den Köpfen der Menschen. Neapel Rom 1971-1985 (2018); Joseph Beuys in Süditalien im Kriegsjahr 1943 (Kat. Intuition, Kleve 2021). Petra Richter lebt in Düsseldorf als freie Autorin.

 

 

9.11.2026  

Ben Woodard (Dresden)

Animating Form: The art of nature and nature of art in Schelling

 

Der Vortrag findet in englischer Sprache statt.

 

1807 hielt der deutsche Idealist F. W. J. von Schelling seine Festrede Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur. Sie entstand einige Jahre nach seinen umfangreichen Vorlesungen zur Kunst und noch vor der Abfassung seiner berühmten Freiheitsschrift. Darin entwickelt Schelling eine pseudo-platonische Neubestimmung des Verhältnisses von Kunst und Natur: Ein an der Mimesis orientiertes Denken über Kunst, so seine Kritik, verfehlt den grundsätzlich dynamischen Charakter der Natur. Indem Schelling die Natur als tätige Kraft begreift, die sich in der Form selbst anhält und Gestalt annimmt, schließt er die Kluft zwischen seinem naturphilosophischen und seinem idealistischen Projekt. Der Vortrag argumentiert, dass Schellings Betonung der Tätigkeit eine Kunstauffassung eröffnet, die die materielle Hervorbringung des Kunstwerks in den Vordergrund stellt, statt es nachträglich in ein ästhetisches Paradigma einzuordnen.

 

Ben Woodard lehrt North American Studies an der TU Dresden. Seine Forschung gilt insbesondere dem Verhältnis von Naturalismus und Idealismus im langen 19. Jahrhundert. Er ist Autor von fünf Monografien und zahlreichen Aufsätzen zu Themen aus Geschichte, Philosophie und Politik der Biologie, den Science and Technology Studies, der dekolonialen Theorie sowie den Science-Fiction Studies.

 

Siehe: www.burg-halle.de

 

 

16.11.2026  

Thomas Feuerstein (Innsbruck) 

Metabolica. Über Symbole und „Metabole“

 

In der Geschichte der Kunst standen sakrale, symbolische, zuweilen ökonomische und vor allem ästhetische Wirkungen im Vordergrund. Landschaften wurden grün und blau gemalt, aber warum Pflanzen grün und der Himmel blau erscheinen, wurde nicht befragt. Der Stoff der Kunst war ein sinnlich emotionales Simulacrum des Lebendigen, aber nicht Teil biologischer und planetarer Prozesse. Dieser Riss zwischen Kunst und Natur, Industrie und Umwelt wurde erst nach Kant in der Romantik zum Thema von Philosophie und Kunst. Zeitgleich diagnostizierte Karl Marx einen „unheilbaren Riß im Zusammenhang des gesellschaftlichen Stoffwechsels, eines Stoffwechsels, der durch die Gesetze des Lebens selbst vorgeschrieben ist". Diesen Riss spüren wir heute als Klima- und Ressourcenkrise, aber auch als kulturelle und soziale Krise. Der Mensch, als animal symbolicum (Ernst Cassierer), wird sich seiner metabolischen Verfasstheit und Verantwortung bewusst und Kunst beginnt die Sphäre der Allegorien, Metaphern und Bilder durch molekulare Erzählweisen zu erweitern. 

 

Thomas Feuerstein studierte Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte 1995 an der Universität Innsbruck. Er war u.a. ab 1992 Mitherausgeber der Zeitschrift Medien.Kunst.Passagen, arbeitete an Forschungsaufträgen über Kunst und Architektur und Kunst im elektronischen Raum. Seit 1997 ist Feuerstein Lektor und Gastprofessor an Universitäten und Kunsthochschulen, zuletzt Professor für künstlerische Diskurse am Institut für experimentelle Architektur/studio3 der Universität Innsbruck. Thomas Feuerstein verwebt in seinen Projekten Kunst, Literatur und Philosophie mit Ökonomie, Politik, digitalen Medien und Biotechnologie zu künstlerischen Narrativen. Die Arbeiten umfassen raumgreifende Installationen, prozessuale Skulpturen, Zeichnungen, Hörspiele, Bio- und Netzkunst.

Feuersteins Arbeiten waren in Einzelausstellungen, u.a. in der Kunsthalle Krems, im Taxispalais Kunsthalle Tirol, Tiroler Landesmuseum, Frankfurter Kunstverein, Kunstverein Heilbronn, Haus am Lützowplatz Berlin, in der ERES-Stiftung München, im Kunstraum Dornbirn, im Chronus Art Center Shanghai sowie auf Biennalen in Moskau, Lyon, Guangzhou und Peking zu sehen. 

www.thomasfeuerstein.net

 

 

23.11.2026

Ron Manheim (Kleve) 

Beim Wort genommen: Joseph Beuys und der Nationalsozialismus 

 

Anhand einer großen Anzahl von konkreten Aussagen von Joseph Beuys selbst wird gezeigt, dass der Künstler nie eine kritische Distanz zu seinen eigenen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus (Schulzeit und Kriegsjahre) entwickelte. Sehr früh einsetzende ideologische Befangenheit führte dazu, dass er vor unterschiedlichen Zuhörerkreisen (darunter auch Schüler) die Nazidiktatur verharmloste und deren mörderischen Antisemitismus aus seiner Gedankenwelt ausklammerte. Im Gegensatz zu Autoren wie H.P. Riegel verwirft der Redner die Auffassung, Beuys sei Anhänger einer nationalsozialistischen Ideologie gewesen. Vielmehr belegt er, dass Beuys – den er im traditionellen Sinn für einen sehr großen Künstler hält – als Ideologe fernab der eigenen Zeit und weit weg von den historischen und zeitgenössischen Realitäten agierte. 

 

Ron Manheim studierte Kunstgeschichte und war zunächst Dozent für neuere Kunstgeschichte an der Universität in Nijmegen/Niederlande, dann ab 1991 stellvertretender Künstlerischer Direktor des Museums Schloss Moyland am Niederrhein, das damals inhaltlich und baulich noch ‚im Entstehen‘ war. Bis 2008, leitete er das Museum kommissarisch. Seitdem ist er als freier Kunsthistoriker (Ausstellungskurator, Autor, Referent) tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind Joseph Beuys und der internationale Expressionismus.

 

 

24.11.2026 (Dienstag, 10:15–11:45) 

Barbara Strieder (Kleve)

Kreuz und „Christuskraft“ ‒ Religiöse Motive im Werk von Joseph Beuys

 

Ausgangspunkt des Vortrags sind frühe Zeichnungen und Plastiken, in denen Joseph Beuys auf der Basis der christlichen Motive Kreuz und Pieta Themenschwerpunkte wie Leiden und Heilung (Erlösung) entwickelte, die für sein gesamtes Schaffen prägend wurden. In kleinen plastischen Arbeiten der späten 1950er und frühen 1960er Jahre vollzog Beuys die Annäherung an christliche Inhalte und ihre Verbindung zum täglichen Leben in einer ungewöhnlichen Formensprache und mit ärmlichen Materialien. In der Aktion Celtic +  von 1971 schließlich zitierte Beuys christliche Riten wie Taufe und Fußwaschung, um die Transformation von einem traditionellen zu einem „erweiterten“ Kunstbegriff darzustellen: Dieser bezieht sich nach Vorstellung von Beuys auch auf den Menschen und die Gesellschaft. 

 

Barbara Strieder studierte  Kunstgeschichte, Archäologie und Romanistik in Würzburg, Heidelberg und Padua/Italien. 1987 Promotion. 1987 – 1989 Volontariat am Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. 1989 – 1993 Leiterin der Galerie der Stadt Kornwestheim. 1994 – 2023 Leiterin der Graphischen Sammlung im Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau, und 2018 – 2022 darüber hinaus kommissarische Künstlerische Direktorin. Seit Oktober 2022 im Beirat des Kunstvereins Fischerhude in Buthmanns Hof e.V. Seit 2023 freischaffende Kuratorin. Ausstellungen und Veröffentlichungen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts u.a. zu Joseph Beuys, Jürgen Brodwolf, Hans Meyboden, Paul Schwer und herman de vries und zur Graphik um 1900. Konzeption und Durchführung von zahlreichen Ausstellungen und Symposien im In- und Ausland zu Joseph Beuys, u.a. die Ausstellungen „Joseph Beuys Plastische Bilder 1947-1970“, „Joseph Beuys – Die Materialien und ihre Botschaft“, „Joseph Beuys und die Schamanen“, „Beuys´ Bienen“ und die Symposien „Joseph Beuys Symposium Kranenburg 1995“, „Joseph Beuys Symposium Bytom 2004“, in Bytom/Polen, „Filz, Fett, Honig, Gold, Blut… Zur Material-Ikonografie bei Joseph Beuys“ 2007 im Museum Schloss Moyland.

 

 

7.12.2026

Nicole Fritz (Tübingen) 

Bewohnte Mythen. Joseph Beuys und der Volksglaube

 

Joseph Beuys war ein Jahrhundertkünstler, dessen Werk und Person bis heute ausstrahlt und die Menschen emotional und intellektuell bewegt. Sein umfangreiches Œuvre ist neben christlichen, schamanistischen und alchemistischen Traditionen auch von mythologischen Traditionen und vom heimischen Brauchtum mitgeprägt. Als Künstler-Schamane forderte er bereits in den 1960er in seinem Energieplan eine neue Einfühlung in die Tier- und Pflanzenwelt. In Zeichnungen, Skulpturen, Multiples und Aktionen machte er auf die entzauberten Beziehungen zu den Energien der Erde, zu den Tieren und nicht zuletzt auch zu den seelischen Kräften aufmerksam. In ihrem Vortrag zeigt Nicole Fritz mit Fokus auf sein umfangreiches zeichnerisches Werk, wie Beuys vorchristliche Traditionen, Volksmagie und Heilkunde im Rahmen seiner individuellen Mythologie im Kontext der Nachkriegskunst produktiv gemacht hat.

 

Nicole Fritz ist Direktorin und Vorstand der Stiftung Kunsthalle Tübingen. Sie studierte Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. 2002 Promotion über Joseph Beuys und der Volksaberglaube; 2002−2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden; 2008-2010 freie Ausstellungsmacherin u. a. für das Cobra Museum in Amstelveen (Amsterdam). 2010−2011 Kuratorin an der Kunsthalle in Krems; 2011 bis war sie 2018 Gründungsdirektorin des Kunstmuseums Ravensburg, das von der deutschen Sektion der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker, AICA, 2015 zum Museum des Jahres ernannt wurde. Seit 2018 Direktorin und Vorstand der Stiftung Kunsthalle Tübingen, die 2022 mit dem Lotto-Museumspreis BW ausgezeichnet wurde. Nicole Fritz ist Mitglied des Hochschulrates der Kunstakademie Stuttgart. Sie hatte 2025 eine Gastprofessur an der HBK-Saar und zuvor Lehraufträge an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und am Reinwardt Institut in Amsterdam.