Unsere Schwerpunktthemen im Überblick

Herkünfte

Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten, Rituale, Narrative sind normative Setzungen, die nicht einfach da sind, sondern geformt werden. Auch die Designgeschichte erspinnt sich über Protagonist*innen, Objekte, Materialkunde, Erfolge und Misserfolge. Wir wollen fragen, wer eigentlich erzählt und wer bisher nicht zu Wort gekommen ist, welche Ereignisse übermittelt werden und wessen Erfolge (nicht) gefeiert wurden. Wir wollen marginalisierte Konventionen zentral einbeziehen und uns vergegenwärtigen, dass Konventionen nicht einfach sind, wie sie sind, sondern aus Gründen und aus Ungleichverhältnissen erwachsen sind, um sie proaktiv, kollektiv und radikal feministisch mitzugestalten.

Leid’nschaft

Die Designdisziplin wird wie kaum eine andere romantisch verklärt. Fast gleicht der Wunschberuf Designer*in dem kindlichen Traum eine* Zauberer*in zu werden, die* Probleme mit einem Augenzwinkern lösen kann. Die eigenen und die der ganzen Welt. Mit Autonomie und Selbstverwirklichung lockt die künstlerische und gestalterische Arbeit, in der es nicht ums bloße Geldverdienen gehen soll, sondern um Leidenschaft und innovative Verbesserungen.

Dies spiegelt sich auch in der eigenen Haltung zur Arbeit wider: Man sieht sie als sinn- und identitätsstiftend an, als Ausdruck persönlicher Individualität. Für die neue Freiheit werden jedoch oftmals bewährte Sicherheiten preisgegeben. Das „freie“ Arbeiten wird zum Wagnis, das ein Agieren unter prekären Lebensbedingungen, unsicheren Perspektiven und unklarer zukünftiger Absicherung mit sich zieht. Origineller Ideenreichtum gilt daher nicht nur als Grundlage für die Arbeitsleistung, sondern auch für die eigene Daseinsvorsorge. Die Suche nach Förder- und Stipendiengeldern, Kurzzeitprojekten und Werkverträgen schmälert die Euphorie, mit der die neue Freiheit des Arbeitens verbunden ist – und sie endet spätestens dann, wenn soziale Risiken, physische und/oder psychische Belastungen den kreativen Geist ins Stocken geraten lassen und die Negativfolgen der prekären Kreativarbeit individualisiert und personalisiert werden. Mit der Verklärung des Verhältnisses von Arbeit und Leben geht eine – auch durch die Lehrgestaltung vermittelte – Idealisierung der eigenen Gestaltungskompetenz einher: Das Bild der* geniehaften Erfinder*in vermittelt ein linderndes Gefühl von Wirkmächtigkeit angesichts überwältigender globaler und lokaler Krisen.

Wir wollen uns gemeinsam fragen, wie wir eigentlich arbeiten, wie wir stattdessen arbeiten sollten, für wen und vor allem mit welchem Anliegen. Wir wollen herausfinden, woran unsere Erwartungen scheitern und was es für unsere Arbeit bedeutet, wenn Pflege, Sorgearbeit, kulturelle und sexuelle Diversität prominent integriert werden. Dabei werden wir sowohl Ein- und Ausschlussmechanismen durch die Gestaltungsarbeit unter die Lupe nehmen müssen, genauso wie unsere eigenen Vorstellungen von Problemlösungen und Bewertungskriterien.

Politisch ungehorsam Zukünfte gestalten?!

Die Anliegen und Forderungen der Kompliz*innen des Symposiums wollen wir zusammentragen, sichtbar machen und das komplexe Verhältnis der Designdisziplin und dem Politischen verhandeln. Welche Rolle spielen hier ethische Fragen, was meint „Vielstimmigkeit“ und „Intersektionalität“ und warum sollte mit Design vielleicht niemand mehr die Welt retten wollen? Diese und andere Mut- und Anmaßungen wollen wir diskutieren, aufs Papier oder in die Werkstatt bringen. 

Förderung

Das Projekt wird gefördert durch den Europäischen Sozialfonds und das Land Sachsen-Anhalt.