Der Aufbau des Kiosks im Juli 2023 in der Habersaathstraße. Dort stand er inzwischen schon zweimal. Die Habersaathstraße 40–48 wurde 1984 als Wohnheim für Mitarbeiter*innen der Charité gebaut und 2006 vom Senat an einen privaten Investor verkauft. Nach einem erneuten Verkauf beantragte die neue Eigentümerinnengesellschaft 2018 den Abriss, woraufhin Instandsetzungen ausblieben, das Haus teilentmietet wurde und während des Winters 2021/22 leerstehende Wohnungen von wohnungslosen Menschen und später von Geflüchteten aus der Ukraine besetzt wurden – Bewohner*innen, die bis heute aufgrund solidarischer Unterstützung und öffentlicher Aufmerksamkeit geduldet sind. Die Initiative Habersaathstraße kämpft solidarisch gegen den Abriss und Entmietung ihres Hauses. Sie ist wichtiger Teil des Kiosk-Netzwerkes. Foto © Monika Keiler
Abb.1

Der Aufbau des Kiosks im Juli 2023 in der Habersaathstraße. Dort stand er inzwischen schon zweimal. Die Habersaathstraße 40–48 wurde 1984 als Wohnheim für Mitarbeiter*innen der Charité gebaut und 2006 vom Senat an einen privaten Investor verkauft. Nach einem erneuten Verkauf beantragte die neue Eigentümerinnengesellschaft 2018 den Abriss, woraufhin Instandsetzungen ausblieben, das Haus teilentmietet wurde und während des Winters 2021/22 leerstehende Wohnungen von wohnungslosen Menschen und später von Geflüchteten aus der Ukraine besetzt wurden – Bewohner*innen, die bis heute aufgrund solidarischer Unterstützung und öffentlicher Aufmerksamkeit geduldet sind. Die Initiative Habersaathstraße kämpft solidarisch gegen den Abriss und Entmietung ihres Hauses. Sie ist wichtiger Teil des Kiosk-Netzwerkes. Foto © Monika Keiler

Der Kiosk im Juni 2023 in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, bespielt vom Gesundheitskollektiv Berlin (GeKo). Das GeKo ist Teil des Poliklinik-Syndikats, setzt sich seit 2016 für den Abbau gesundheitlicher und gesellschaftlicher Ungleichheiten ein und eröffnete 2020 ein Gesundheitszentrum im Rollbergkiez. Dort bietet ein multiprofessionelles Team Versorgung für alle an und schafft mit mobilen Angeboten und dem Café Praxis zusätzliche niedrigschwellige Zugänge und Begegnungsmöglichkeiten für die Nachbarschaft. Das GeKo hat den Kiosk inzwischen schon an drei unterschiedlichen Orten in Berlin-Neukölln bespielt. Foto © Monika Keiler
Abb.2

Der Kiosk im Juni 2023 in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, bespielt vom Gesundheitskollektiv Berlin (GeKo). Das GeKo ist Teil des Poliklinik-Syndikats, setzt sich seit 2016 für den Abbau gesundheitlicher und gesellschaftlicher Ungleichheiten ein und eröffnete 2020 ein Gesundheitszentrum im Rollbergkiez. Dort bietet ein multiprofessionelles Team Versorgung für alle an und schafft mit mobilen Angeboten und dem Café Praxis zusätzliche niedrigschwellige Zugänge und Begegnungsmöglichkeiten für die Nachbarschaft. Das GeKo hat den Kiosk inzwischen schon an drei unterschiedlichen Orten in Berlin-Neukölln bespielt. Foto © Monika Keiler

Das „Bündnis gemeinsam gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen“ bei einer Soli-Aktion vor einem Gerichtsverfahren gegen den 85-Jährigen Mann vor dem Amtsgericht in Berlin-Mitte. Dieser sollte sein Haus in Berlin-Reinickendorf, in dem er geboren wurde, verlassen. Das Bündnis setzt sich für die Rechte von obdachlosen und von Zwangsräumung bedrohten Menschen ein, indem es gegen die Verdrängung und für solidarische Lösungen kämpft. Es verbindet verschiedene Initiativen und engagiert sich für eine gerechte Wohnpolitik sowie die direkte Unterstützung von Betroffenen in Form von Aufklärung, Widerstand und politischem Druck. Das Bündnis hat den Kiosk schon an drei unterschiedlichen Orten in Berlin-Mitte bespielt. Foto © Monika Keiler
Abb.3

Das „Bündnis gemeinsam gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen“ bei einer Soli-Aktion vor einem Gerichtsverfahren gegen den 85-Jährigen Mann vor dem Amtsgericht in Berlin-Mitte. Dieser sollte sein Haus in Berlin-Reinickendorf, in dem er geboren wurde, verlassen. Das Bündnis setzt sich für die Rechte von obdachlosen und von Zwangsräumung bedrohten Menschen ein, indem es gegen die Verdrängung und für solidarische Lösungen kämpft. Es verbindet verschiedene Initiativen und engagiert sich für eine gerechte Wohnpolitik sowie die direkte Unterstützung von Betroffenen in Form von Aufklärung, Widerstand und politischem Druck. Das Bündnis hat den Kiosk schon an drei unterschiedlichen Orten in Berlin-Mitte bespielt. Foto © Monika Keiler

Der Revolutionäre Anwohner*innen Rat – kurz RAR – ist ein Zusammenschluss der Anwohner*innen und Kultur- und Gewerbetreibenden am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg. RAR steht für eine solidarische und selbstorganisierte Nachbarschaft, die sich für Veränderung im Sinne der Anwohner*innen einsetzt. 2023 hat RAR den Kiosk für eine Protestversammlung am Mehringplatz genutzt. Foto © Monika Keiler
Abb.4

Der Revolutionäre Anwohner*innen Rat – kurz RAR – ist ein Zusammenschluss der Anwohner*innen und Kultur- und Gewerbetreibenden am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg. RAR steht für eine solidarische und selbstorganisierte Nachbarschaft, die sich für Veränderung im Sinne der Anwohner*innen einsetzt. 2023 hat RAR den Kiosk für eine Protestversammlung am Mehringplatz genutzt. Foto © Monika Keiler

Das Bona Peiser am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg ist ein sozio-kultureller Projektraum, der als offenes, inklusives Zentrum für nachbarschaftliche kreative und politische Projekte dient. Es fördert den Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen und bietet Raum für Veranstaltungen, Workshops und kulturelle Aktivitäten, die lokale Gemeinschaften stärken und solidarische Netzwerke aufbauen. Foto © Monika Keiler
Abb.5

Das Bona Peiser am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg ist ein sozio-kultureller Projektraum, der als offenes, inklusives Zentrum für nachbarschaftliche kreative und politische Projekte dient. Es fördert den Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen und bietet Raum für Veranstaltungen, Workshops und kulturelle Aktivitäten, die lokale Gemeinschaften stärken und solidarische Netzwerke aufbauen. Foto © Monika Keiler

1

Haseleu, Melina: Solidarisch(e) Räume gestalten? Urbane Gestaltungspraxis zwischen Menschen, Räumen, Wissen, Architektur und Design am Beispiel des Kiosk of Solidarity, 2025, Band 1, S. 15.

2

Diese Interviews wurden im Rahmen der Masterarbeit von Melina Haseleu, der Ko-Autorin dieses Textes, am Institut für Architektur an der TU Berlin 2025 durchgeführt.

3

Diese zusammenfassende Begriffsdefinition basiert auf: Ulrike Kluge und Robin Celikates, Vortrag auf der BUA-Statuskonferenz „Social Cohesion“, im Rahmen der Konferenz Transforming Solidarities. Praktiken und Infrastrukturen in der Migrationsgesellschaft, 19. Mai 2022.

4

Das Programm des Kiosk der Solidarität wird entwickelt von Berliner Initiativen und kuratiert von Moritz Ahlert (Transforming Solidarities/Habitat Unit – TU Berlin), zusammen mit dem Constructlab e.V. und Studierenden der Habitat Unit (TU Berlin). Constructlab hat den Kiosk 2023 entworfen und gebaut. Der Kiosk folgt einem parteiischen Designansatz als gestalterische Haltung, bei der sich Designer*innen bewusst auf eine Seite stellen – also nicht neutral, sondern engagiert, sozial positioniert und politisch motiviert arbeiten. Dieser Ansatz ist Teil einer kritisch-reflektierten Designpraxis, die soziale Verantwortung übernimmt; siehe: Fezer, Jesko: Parteiisches Design. Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK), 9, Hamburg 2019, S. 73–79.

5

Bisher dient der Constructlab Berlin e.V. als Trägerstruktur des Kiosk of Solidarity-Projekts.

6

Haseleu 2005, S. 162.

7

Haseleu 2025, S. 6f.

8

Die Antragstrategie ist, sich möglichst breit aufzustellen, insbesondere in Zeiten von drastischen Haushaltskürzungen in den Bereichen Bildung, Kultur und Soziales. 2023 und 2024 wurde der Kiosk finanziert vom Berliner Projektfonds Urbane Praxis. 2023 wurde er ko-finanziert aus dem Forschungsprojekt Transforming Solidarities. 2025 wird der Kiosk finanziert durch die Postcode Lotterie, den Fonds Soziokultur und einer Förderung des TD-Labs (Berlin University Alliance).

9

Haseleu 2005, S. 170.

Blinde Flecken

eine interventionskritische Befragung des Kiosk of Solidarity

Berlin ist dreckig, hektisch und anonym – jeder lebt scheinbar für sich: selten miteinander, manchmal gegeneinander, häufig nebeneinander. Doch mitten im Chaos steht der Kiosk of Solidarity, mal hier, mal dort, häufig an Konfliktorten, an denen gerade wichtige Themen der Stadt verhandelt werden. Dort, wo es brennt. Wie jeder andere Kiosk bietet er etwas an – aber statt Waren gibt es hier Solidarität, Austausch und Vernetzung.

„Kiosk ist ja völlig klar, Schlagladen hoch und dann geht es los. Haben Sie hier einmal Pommes Rot-Weiß? Nee, heute haben wir Solidarität. Und die Währung ist Gerechtigkeit.“1 (Daniel, IG Habersaathstraße).

Der Kiosk of Solidarity ist ein urbanes Interventionsprojekt, das Solidarität im städtischen Raum erfahrbar macht und soziale Ausschlüsse sichtbar werden lässt. Als niederschwellige Alltagstypologie markiert er eine besondere Form der soziokulturellen Stadtproduktion: In Kollaboration mit Initiativen entstehen temporäre Orte der Begegnung, Gestaltung, Kultur, Vernetzung, Wissensproduktion, des Protests und der Aneignung im öffentlichen Raum. Die beteiligten Initiativen bespielen den Kiosk für einige Tage, gestalten Formate frei und passen ihn an ihre Bedürfnisse an. Das Kiosk-Team unterstützt bei der Gestaltung, Ideenentwicklung, Dokumentation, Pressearbeit, Transport und Standgenehmigungen.

Blinde Flecken?

Das Kiosk-Projekt geht gerade in das dritte Jahr. Ein guter Zeitpunkt, den Kiosk kritisch zu befragen, um herauszufinden, wo sich die möglichen blinden Flecken des eigenen Projekts befinden. Der Kiosk of Solidarity hat den Anspruch, ein inklusiver Raum der Teilhabe zu sein. Deshalb lohnt es, unbeachtete Dimensionen der Interventionen in den Blick zu nehmen. Er hat das Ziel, gesellschaftliche Ausschlüsse sichtbar zu machen. Doch wo sind die blinden Flecken der Kiosk-Intervention selbst? Bei der Suche danach geben Interviews mit beteiligten Initiativen und Akteur*innen Hinweise.2

Der Kiosk ist aus dem Forschungsprojekt Transforming Solidarities entstanden, einer Kooperation Berliner Universitäten. Dort wurde mit folgendem Solidaritätsbegriff gearbeitet: „Solidarität bedeutet, füreinander einzustehen, weil wir wechselseitig voneinander abhängig sind und gemeinsame Herausforderungen teilen. Sie entsteht aus sozialen Spannungen, Konflikten und politischen Auseinandersetzungen und ist eine transformative Kraft, die soziale Infrastrukturen verändert. Solidarität kann nicht von oben verordnet werden, sondern wird von unten gelebt, gestaltet und in alltäglichen Praktiken sowie politischen Kämpfen verwirklicht. Sie ist kein abstraktes Prinzip, sondern eine konkrete Praxis, die gerechtes und nachhaltiges Zusammenleben ermöglicht.“3

Auf der Suche nach diesen Modellen des gerechten Zusammenlebens ist der Kiosk of Solidarity seit 2023 als Spin-Off des Forschungsprojekts Transforming Solidarities als explorative Plattform in der Stadt unterwegs, um Solidarität sichtbar und erfahrbar zu machen. Der Kiosk fungiert als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Aktivismus und Design4 und ermöglicht niedrigschwellige Dialoge über gesellschaftliche Ausschlüsse und städtische Transformationsprozesse direkt im öffentlichen Raum zu führen. Er trägt das Wissen der Initiativen in die Stadt und lädt dazu ein, es zu ergänzen, es weiterzuentwickeln, infrage zu stellen oder auch zu widersprechen.

2023 wurde der Kiosk vor allem von Initiativen bespielt, die bereits mit dem Transforming-Solidarities-Projekt transdisziplinär zusammenarbeiten. Sie waren Ausgangspunkt für ein stetig wachsendes Netzwerk. 2024 entschied sich das Projektteam für ein organisches Wachstumsmodell: Statt über einen möglichen Open Call for Participation wurden die Initiativen des ersten Jahres eingeladen, bei Interesse den Kiosk erneut zu bespielen und weitere Vorschläge für Kooperationen einzubringen. Weitere Impulse kamen von Studierenden der TU, die im Rahmen eines Seminars eigene Ideen und Initiativen einbrachten. Nach der Saison 2024 wurden in einem Evaluationsworkshop mit allen bisher Beteiligten diskutiert, welche thematischen Schwerpunkte 2025 gesetzt und welche neuen Akteur*innen eingebunden werden sollten. Auf dieser Grundlage entstand ein neuer Förderantrag. So wächst das Netzwerk organisch und basiert auf beteiligenden Beziehungen sowie solidarischen Strukturen aus der Praxis. Gleichzeitig zeigt sich ein struktureller blinder Fleck, der zum Nachdenken einlädt: Der bisherige Prozess kann wenig transparent und selektiv wirken.

Noch nicht alle Prozesse im Kiosk-Projekt erfüllen den eigenen Anspruch an einen solidarischen Gestaltungsprozess, in dem alle Beteiligten gleichberechtigt und gemeinschaftlich über sämtliche Belange entscheiden.

Bisherige blinde Flecken zeigen sich etwa beim Verfassen von Förderanträgen, in der externen Kommunikation, der Kalenderkoordination sowie bei der Auswahl der beteiligten Initiativen. Eine Umwandlung dieser in sichtbare, wenn auch noch nicht entfernbarer Flecken wäre die Gründung eines Vereins5 des Kiosk of Solidarity. Als agierende Trägerstruktur, Förderan­trags­steller, Entscheidungsfinder und Ressourcenverwalter könnte dieser nun auch aktive Menschen und Initiativen einbinden. Auch würde sich der Kiosk-Prozess als solcher offener, partizipativer und inklusiver gestalten als bisher.

Kiosk-Methode als offener Prozess

Der Kiosk versteht sich als offene Plattform, bei der die Bedürfnisse und Ideen der beteiligten Initiativen im Vordergrund stehen. Sie bestimmen Termine, Orte, Zielgruppen sowie die Inhalte der einzelnen Kiosk-Aktionen: Stimmen aus den Interviews zeigen, dass Solidarität hier keiner festen Definition folgt, sondern als Begriff eher einen inhaltlichen Bezugsrahmen bildet. In verschiedenen Aktionen – ob als Gesundheitsberatungs-Kiosk, Protest-Kiosk, Tauschaktions-Kiosk oder DIY-Workshops-Kiosk – wird Solidarität immer neu interpretiert. Dabei dient der Kiosk als Katalysator und nicht als vorgefertigte Struktur. Eine Aktion mit dem Gesundheitskollektiv Neukölln (GeKo) im Juni 2023 an der Neuköllner Sonnenallee zeigte dies eindrucksvoll: Eine schlichte Zitronenpresse und frische Limo an einem heißen Sommertag wurden zum verbindenden Element zwischen einer migrantisch-geprägten Nachbarschaft, der Initiative und dem Kiosk – und schufen Raum für informelle Gespräche über Sorgen und Gesundheitsversorgung im Kiez.

„Es ist ein super Format, um Projekte und Initiativen zu unterstützen, um einen anderen Zugang zu den Leuten zu schaffen. Der Zugang ist meist die größte Hürde. Mit dem Kiosk schafft man eine Alternative dazu.“6 (Georgina – GeKo) Den Initiativen wird nicht vorgegeben, wie sie den Kiosk nutzen sollen: Die einen bieten „tausche Sorgen gegen Limo“ an, andere schaffen spielerisch Begegnungen zwischen Menschen. Wieder andere nutzen den Kiosk als Plattform für Protest und servieren heißen Filterkaffee. Auch bei der Gestaltung des Kiosks gibt es keine festen Vorgaben: Das Leipziger Grafikbüro Bureau Est hat sogenannte Templates – Postervorlagen mit gestalterischen Elementen – entwickelt, um die Initiativen zu unterstützen. Viele sind dankbar dafür, da ihnen oft die Kapazitäten oder die Erfahrung fehlen, um eigene Poster zu entwerfen. Gleichzeitig sorgt die einheitliche Gestaltung für Wiedererkennbarkeit und ermöglicht es den Initiativen, Poster oder visuelle Materialien auch für andere Aktionen weiterzuverwenden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Vielsprachigkeit der Poster, um je nach Ort und Thema unterschiedliche Menschen anzusprechen.

Der Kiosk verfolgt das erklärte Ziel, marginalisierten Gruppen – etwa migrantischen, geflüchteten, queeren Communities oder wohnungslosen Menschen – Sichtbarkeit zu verschaffen und sie mit anderen Initiativen zu vernetzen. Doch wie offen ist der Prozess tatsächlich und wer darf ihn mitgestalten? Sind die betroffenen Gruppen wirklich Teil des Projekts oder bleibt ihre Teilnahme ein initiierter Akt, der selbst als Intervention zu verstehen ist?

Nicole und Steffen vom „Bündnis gemeinsam gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen“ erinnern sich an den Kiosk am Tag der Obdachlosigkeit direkt unter dem Fernsehturm. Es war kalt, der Abend dämmerte, das leuchtend gelbe Schild „Kiosk of Solidarity“ zog viele wohnungslose Menschen an, die sich dort mit heißem Kaffee versorgten. Gleichzeitig versammelten sich Schulklassen aus den Niederlanden, die interessiert den Kiosk betrachteten. Einer der Schüler sang ein Lied, das durch die Lautsprecher des Bündnisses hallte. Auch Bahnmitarbeiter, die in der Nähe arbeiteten, kamen vorbei, um sich während ihrer Schicht einen Kaffee zu holen. Nicole und Steffen erinnern sich gerne an dieses Gesamtbild. Nicole erzählt: „Das Beste am Kiosk finde ich, dass es dem Kiosk völlig egal ist, ob jemand Geld hat oder nicht. Er ist einfach für alle da. Unabhängig vom Auf­enthaltsstatus.“

Vieles an der Kiosk-Methode funktioniert bereits sehr gut, doch ein weiterer blinder Fleck bleibt: Der Prozess könnte noch niedrigschwelliger sein. Häufig wird der Kiosk von Initiativen genutzt, die sich für marginalisierte Gruppen engagieren – doch noch partizipativer wäre es, diese Gruppen selbst aktiv in die Gestaltung einzubeziehen, anstatt sie nur anzusprechen oder für sie zu sprechen. Häufig fehlen dafür jedoch die Ressourcen, insbesondere für die notwendige aufsuchende Arbeit im Vorfeld, um eine direkte Beteiligung zu ermöglichen.

Wirkungen

„Ey, das ist so eine kalte Welt geworden. Deswegen ist der Kiosk der Solidarität essenziell. Der bringt Wärme, auch wenn er aus Metall ist.“7 (Nicole, Bündnis gemeinsam gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräu­mungen)

Eines wurde bei allen Kiosk-Aktionen deutlich: Solidarität braucht Räume, um erfahrbar zu werden. Aus sozialen Praktiken von unten entstehen offene, kollektive und nicht-kommerzielle Räume, in denen ein solidarisches Miteinander Wirklichkeit wird. Solche Räume helfen, Vereinzelung zu überwinden und neue Beziehungsweisen zu erproben. Doch diese Beziehungsweisen brauchen Kontinuität. Deshalb ist die Vision für den Kiosk, ihn als langfristige, gemeinwohlorientierte und solidarische Infrastruktur für zivilgesellschaftliche Initiativen in Berlin zu etablieren.

Denn er ist gefragt: 2023 und 2024 gab es deutlich mehr Anfragen, als zeitlich, personell und finanziell realisierbar war. Damit rückt ein zentraler blinder Fleck in den Fokus: Der Kiosk nimmt kein Geld ein, sondern verteilt es.8 Doch wie kann sich so ein Projekt langfristig finanzieren und dabei trotz Antragslogiken kritisch gegenüber sich selbst bleiben? Die Idee einer langfristigen solidarischen Infrastruktur wird durch die Herausforderung der Finanzierung sowie der Balance zwischen Autonomie und institutioneller Abhängigkeit auf die Probe gestellt.

Ein Mitglied des RAR (Revolutionärer Anwohner*innenrat) beschreibt in einem Gespräch, der Kiosk „leuchte“ – wortwörtlich – aber auch durch die bunten, wechselnden Plakate, die hoch in den Himmel ragen. Es handelt sich zwar um eine einfache Metallstruktur, die dennoch nicht übersehen werden kann, gerade weil sie nicht überall präsent ist. Das zeigt auch die Fotografie von Monika Keiler, die – wie sie selbst sagt – immer wieder um den Kiosk „tanzt“, um die Reaktionen der Passant*innen und die Atmosphäre rund um den Kiosk einzufangen. Ihre dokumentarische Bildsprache zeigt keine Gesichter, sondern das, was den Kiosk umgibt: den Raum, den er im öffentlichen Leben einnimmt – und genau dieser bleibt bestehen: mit all seinen Herausforderungen, Stimmen und Möglichkeiten.

Eine andere wichtige Frage im Projekt ist, wer eigentlich vom Kiosk profitiert. Was bewirkt er als Intervention für die beteiligten Initiativen? Daniel von der IG Habersaathstraße berichtet, dass sich im ersten Jahr Nachbar*innen vor allem am Kiosk informierten, um zu verstehen, was mit dem Haus und den Plänen des Investors auf sich hat. Da das Erdgeschoss des Hauses sonst keine Kommunikationsräume bietet, war der Kiosk ein wichtiger Ort, um über den drohenden Abriss und die Konflikte ums Haus aufzuklären. Im zweiten Jahr fragten die Nachbar*innen bereits, wie sie die Initiative konkret unterstützen könnten. Daniel und andere Beteiligte führten Strichlisten über die geführten Gespräche. Ergebnis: durchschnittlich 50 Gespräche pro Tag über je fünf Tage – für ihn ein großer Erfolg und ein Beispiel für gelebte Solidarität auf Nachbarschaftsebene.

Auch gut vernetzte Initiativen nutzen den Kiosk, wobei viele in Interviews betonten, dass gerade dessen unerwartetes Auftauchen als Intervention im öffentlichen Raum viel Aufmerksamkeit erzeugt. Amira von Bona Peiser, einem soziokulturellen Projektraum in Berlin-Kreuzberg, erzählt, dass die Kiosk-Aktion langfristig zu 20 Prozent mehr Besucher*innen in ihren Räumen führte – ein direkter, sehr positiver Effekt für ihr Projekt.

Die Wirkung der über 30 bisherigen Kiosk-Aktionen lässt sich oft aber schwer messen, doch eines ist sicher: Der Kiosk hat unzählige Menschen zusammengebracht, Akteur*innen vernetzt und Freundschaften entstehen lassen.

Die Stadtforscherin Anna Steigemann bringt es auf den Punkt: „Mit einem Projekt, wie dem Kiosk, kann man die Gesellschaft nicht sofort verändern, aber man kann gesellschaftliche Prozesse anstoßen, Menschen zusammenbringen, die sich vorher nicht gekannt haben, einen Austausch von Ideen ermöglichen und Räume schaffen, die wiederum Menschen verbinden.“9

Gerade in dieser Offenheit liegt die Stärke der raumbildenden Intervention – nicht als fertiges Format, sondern als offener Prozess, der soziale Nähe schafft, neue Allianzen ermöglicht und bestehende Strukturen sowie blinde Flecken hinterfragt. Der Kiosk wird die sozioökonomischen Strukturen der Konfliktorte durch seine Anwesenheit nicht ad hoc bearbeiten können, er kann aber sehr wohl – gerade durch den Moment der Überraschung in seinem interventionistischen Charakter – Räume der Solidarität hervorrufen. Durch eine Verstetigung seiner Struktur in einem etwaigen Kiosk of Solidarity-Verein und seinem inzwischen ausgeprägten Netzwerk ist der Kiosk jedoch mehr, als die unmittelbare Intervention – und auf dieser Ebene kann er vielleicht eben doch auch grundlegendere, systemischere Wirkmächtigkeit entfalten.

Literaturverzeichnis

Celikates, Robin & Kluge, Ulrike: Vortrag auf der BUA-Statuskonferenz „Social Cohesion“, im Rahmen der Konferenz Transforming Solidarities. Praktiken und Infrastrukturen in der Migrationsgesellschaft, 19. Mai 2022.


Fezer, Jesko: Parteiisches Design. Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK), 9, S. 73–79. Hamburg 2019.


Haseleu, Melina: Solidarisch(e) Räume gestalten? Urbane Gestaltungspraxis zwischen Menschen, Räumen, Wissen, Architektur und Design am Beispiel des Kiosk of Solidarity (Masterarbeit Architektur, TU Berlin), Berlin 2025.

Kurzvita

Moritz Ahlert (er/ihn)

ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Habitat Unit am Institut für Architektur an der TU Berlin. Er ist studierter Architekt und promovierte an der HFBK Hamburg. Seine Themenfelder sind akteursbasierte Stadtentwicklung, Mapping als kooperatives Entwurf- und Analysewerkzeug sowie urbane Interventionen. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Forschungsprojekt Urbane Interventionen. Als Post-Doc im Projekt Transforming Solidarities (Berlin University Alliance) hat er die Ausstellung Spaces of Solidarity im DAZ kuratiert und zusammen mit Constructlab den Kiosk of Solidarity initiiert.

Melina Haseleu (sie/ihr)
schloss im Juni 2025 ihr Architekturstudium mit dem Schwerpunkt Städtebau an der TU Berlin ab. In ihrer Masterarbeit mit dem Titel Solidarisch(e) Räume gestalten? Urbane Gestaltungspraxis zwischen Menschen, Räumen, Wissen, Architektur und Design am Beispiel des Kiosk of Solidarity untersuchte sie das Projekt aus einem multimethodischen Ansatz. Im Zentrum stand die Frage, wie der Kiosk als mobiles Gestaltungstool fungiert, welche Räume er öffnet und welche Formen von Austausch, Praktiken und Wissen er ermöglicht – und wie er selbst als Raum verstanden werden kann.