Die erste Statue, auf die ich für dieses Projekt klettern wollte und die Letzte, bei dir ich es geschafft habe. Danach zittern meine Knie und mein Bein hat sich so verkrampft, dass ich es noch tagelang spüre. Absurderweise ist die Reaktion gelinde gesagt verhalten: An diesem Hauptverkehrsknotenpunkt von Athens Straßen, U-Bahnen, Bussen und Geschichte, dem „Platz der Weisheit“ interessiert sich natürlich niemand für einen weiteren deutschen Touristen, der sich irgendwie daneben benimmt. Die ersten Male, als ich hier 2023 wie 2024 mit dieser Absicht stand, habe ich mich nicht getraut, weil die Polizei über den Platz patrouillierte. Im Nachhinein frage ich mich, ob sie mein Krisenexperiment überhaupt bemerkt hätten. Platia Omonias, Athen, 2024, Foto: Nik Haberstock
Abb.1

Die erste Statue, auf die ich für dieses Projekt klettern wollte und die Letzte, bei dir ich es geschafft habe. Danach zittern meine Knie und mein Bein hat sich so verkrampft, dass ich es noch tagelang spüre. Absurderweise ist die Reaktion gelinde gesagt verhalten: An diesem Hauptverkehrsknotenpunkt von Athens Straßen, U-Bahnen, Bussen und Geschichte, dem „Platz der Weisheit“ interessiert sich natürlich niemand für einen weiteren deutschen Touristen, der sich irgendwie daneben benimmt. Die ersten Male, als ich hier 2023 wie 2024 mit dieser Absicht stand, habe ich mich nicht getraut, weil die Polizei über den Platz patrouillierte. Im Nachhinein frage ich mich, ob sie mein Krisenexperiment überhaupt bemerkt hätten. Platia Omonias, Athen, 2024, Foto: Nik Haberstock

Ich blicke von den Schultern des Rheins aus auf den Eingang des K21-Museums Düsseldorf. Vater Rhein und seine Töchter, Ständehausstraße, Düsseldorf, 2024, Foto: Elena Landschützer
Abb.3

Ich blicke von den Schultern des Rheins aus auf den Eingang des K21-Museums Düsseldorf. Vater Rhein und seine Töchter, Ständehausstraße, Düsseldorf, 2024, Foto: Elena Landschützer

Hier ist es mir das erste Mal nicht möglich, ohne Hilfsmittel ganz nach oben zu gelangen. Reiterstatue von Friedrich Wilhelm III, Heumarkt, Köln, 2024, Foto: Niklas Haberstock und Gustav Henno Stolze
Abb.4

Hier ist es mir das erste Mal nicht möglich, ohne Hilfsmittel ganz nach oben zu gelangen. Reiterstatue von Friedrich Wilhelm III, Heumarkt, Köln, 2024, Foto: Niklas Haberstock und Gustav Henno Stolze

Monumento a las Capitulaciones, Plaza Isabel Católica, Granada, 2024, Foto: Dolores Martín Hidalgo und Marce
Abb.5

Monumento a las Capitulaciones, Plaza Isabel Católica, Granada, 2024, Foto: Dolores Martín Hidalgo und Marce

Die Blicke und Worte der Shoppenden und in Cafés-Sitzdenden sagen das selbe, wie ich über diese Skulptur: „Was zur Hölle?“ 100 Arne der Guan-Yin, Marienplatz, Münster, 2024, Fotos: Nik Haberstock
Abb.6

Die Blicke und Worte der Shoppenden und in Cafés-Sitzdenden sagen das selbe, wie ich über diese Skulptur: „Was zur Hölle?“ 100 Arne der Guan-Yin, Marienplatz, Münster, 2024, Fotos: Nik Haberstock

Neptunbrunnen, Schloss Schönbrunn, Wien 2024, Foto: Gustav Henno Stolze
Abb.7

Neptunbrunnen, Schloss Schönbrunn, Wien 2024, Foto: Gustav Henno Stolze

Als Dolores Martín Hidalgo mich hier fotografierte, sagte dey: Per que non giocci con la scultura? (Warum spielst du nicht mit der Skulptur?) Ich: Per me non é un gioccio. (Für mich ist es kein Spiel.) DMH: Qué tedesco, quest’opera. (Wie deutsch, diese Arbeit.) Das war das erste mal in unserer langen Zusammenarbeit und in all unseren Gesprächen, dass unsere Nationalität im Bezug auf meine Arbeit erwähnt wurde. Und das am “Surinameplein” in Amsterdam. (Suriname als ehemalige Kolonie der Niederlande) Das hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt: Mein Umgang scheint stark von der vermeintlichen Neutralität oder zumindest analytischer Sterilität und Geplantheit von Personen wie Gregor Schneider oder Wermke und Leinkauf geprägt zu sein. Bei all meiner Abneigung gegenüber dem nationalistischen Konstrukt habe ich wohl die volle männliche deutsche Kunstriegen-Logik abbekommen?
André Theo Aart, Volten‘s Skulptur, Surinameplein, Amsterdam 2024 Foto: Dolores Martín Hidalgo
Abb.8

Als Dolores Martín Hidalgo mich hier fotografierte, sagte dey: Per que non giocci con la scultura? (Warum spielst du nicht mit der Skulptur?) Ich: Per me non é un gioccio. (Für mich ist es kein Spiel.) DMH: Qué tedesco, quest’opera. (Wie deutsch, diese Arbeit.) Das war das erste mal in unserer langen Zusammenarbeit und in all unseren Gesprächen, dass unsere Nationalität im Bezug auf meine Arbeit erwähnt wurde. Und das am “Surinameplein” in Amsterdam. (Suriname als ehemalige Kolonie der Niederlande) Das hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt: Mein Umgang scheint stark von der vermeintlichen Neutralität oder zumindest analytischer Sterilität und Geplantheit von Personen wie Gregor Schneider oder Wermke und Leinkauf geprägt zu sein. Bei all meiner Abneigung gegenüber dem nationalistischen Konstrukt habe ich wohl die volle männliche deutsche Kunstriegen-Logik abbekommen?
André Theo Aart, Volten‘s Skulptur, Surinameplein, Amsterdam 2024 Foto: Dolores Martín Hidalgo

Industriebrunnen, Fürstenplatz, Düsseldorf, 2024, Foto: Elena Landschützer
Abb.9

Industriebrunnen, Fürstenplatz, Düsseldorf, 2024, Foto: Elena Landschützer

Diese Mal war ich sehr froh darüber eine direkte negative Antwort auf mein Klettern bekommen habe. Es ist interessant: Viele der „kleineren“ Skulputuren auf die ich geklettert bin haben mich im Nachhiniein nicht so interessiert und die Fotos sehe ich nicht als aussagekräftig an, aber ein Gutes haben sie unweigerlich: Die Menschen sehen sie und können Kontakt zu mir aufnehmen, während ich oben bin, während ich auf größeren Skulpturen tatsächlich oft optisch zu verschwinden scheine. Ist eine Intervention eine Intervention, wenn sie so subversiv ist, dass niemand sie mitbekommt außer mir?
Schloss Schönbrunn, Wien, 2024, Foto: Gustav Henno Stolze
Abb.10

Diese Mal war ich sehr froh darüber eine direkte negative Antwort auf mein Klettern bekommen habe. Es ist interessant: Viele der „kleineren“ Skulputuren auf die ich geklettert bin haben mich im Nachhiniein nicht so interessiert und die Fotos sehe ich nicht als aussagekräftig an, aber ein Gutes haben sie unweigerlich: Die Menschen sehen sie und können Kontakt zu mir aufnehmen, während ich oben bin, während ich auf größeren Skulpturen tatsächlich oft optisch zu verschwinden scheine. Ist eine Intervention eine Intervention, wenn sie so subversiv ist, dass niemand sie mitbekommt außer mir?
Schloss Schönbrunn, Wien, 2024, Foto: Gustav Henno Stolze

Die Personen, die um mich in der Sonne sitzen und spazieren gehen schauen mich irritiert bis verständnislos an. Hermann Scheuernstuhl, „Mann mit Pferd“, Am Hohen Ufer, Hannover, 2024, Foto: Nik Haberstock
Abb.11

Die Personen, die um mich in der Sonne sitzen und spazieren gehen schauen mich irritiert bis verständnislos an. Hermann Scheuernstuhl, „Mann mit Pferd“, Am Hohen Ufer, Hannover, 2024, Foto: Nik Haberstock

Die Giganten, auf deren Schultern wir stehen, liegen

Einführung in das Kitzeln der Geschichte

Das Problem, das ich mit raumgreifenden Gebilden der Vergangenheit habe ist schon da seit dem ich mich erinnern kann. Ich will diese Monster kitzeln. Ich würde sie auch in Schutt und Asche legen und vielleicht gelingt mir das auch noch, aber ich fange erst einmal mit einer Destabilisierung durch Kitzeln an. Um sie kitzeln zu können muss ich an sie rankommen. Deswegen klettere ich auf sie. Nachdem ich zwanzig dieser Gebilde hochgeklettert bin kann ich klar sagen: Geschichte ist dreckig. Geschichte wird nicht gereinigt. An meine Hände gelangt hier der Staub von Jahrhunderten. Aber außer dass ich sie ungewollt ein wenig sauber mache, was tue ich da eigentlich? Verhalte ich mich gemäß einer Erwartung, die an mich als männlich gelesenen, jungen, weißen, deutschen Künstler gestellt wird, während sich die Skulptur, die Zuschauenden und die Kunstwelt um mich ihrer Rolle gemäß verhält? „Interveniere“ ich somit von Erwartbarkeit aus in Erwartbarkeit hinein?

Kurzvita

Thomas Rieger (alle Pronomen, *1996 in München).

Ich bin es leid, in Biografien von Errungenschaften zu schreiben. Ich bin auch schlecht darin, meine Fehlschläge anzuerkennen, aber habe mindestens Folgende zu verantworten: Zerstörerisch leben inklusive Unmengen an Ressourcen für mich beanspruchen, Zutritt verschaffen ohne Recht, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Fremdgehen, Menschen sehr unglücklich machen, kein Rückgrat haben in Situationen, in denen ich hätte helfen müssen. Kontern durch Handeln!