Denk mal
Sie haben uns ein Denkmal gebaut1
von
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Im April 2025 wurde auf dem Lindenauer Markt in Leipzig ein neuer Gedenkort eingeweiht: das „Meuten Memorial“. Es erinnert an die Leipziger Meuten, oppositionelle Jugendgruppen aus der Arbeiterklasse, die sich in den 1930er-Jahren dem Nationalsozialismus widersetzten. Diese Jugendlichen lehnten die NS-Jugendkultur ab und lebten alternative Lebensstile. Viele von ihnen wurden dafür verfolgt, verhaftet oder deportiert. Das Memorial wurde auf Initiative des Jugendparlaments Leipzig realisiert und entstand im Rahmen des Projekts „Sounds of Resistance“ in Zusammenarbeit mit dem Theater der Jungen Welt und dem Kollektiv Plus X. Es besteht aus Findlingen mit LED-Laufschrift, die sowohl historische Zitate als auch aktuelle Botschaften und gesellschaftliche Anliegen junger Menschen zeigen, die jährlich neu hinterfragt werden sollen.2 Begleitet wurde die Einweihung von der Performance „Meuten Memorial Movement“, einer begehbaren Konzertinstallation unter der Leitung von Schorsch Kamerun.
Das „Meuten Memorial“ greift in seiner Beschaffenheit auf den Rochlitzer Porphyr zurück – ein rot-violettes Vulkangestein mit starker regionaler Verankerung. Er wird seit Jahrhunderten im Raum Leipzig abgebaut und findet in zahlreichen bedeutenden Bauwerken der Stadt Verwendung, wie zum Beispiel dem Alten Rathaus, der Thomaskirche oder dem Grassi Museum. In der Denkmalgestaltung wird dieser Stein aus der traditionellen Machtarchitektur neu kontextualisiert: als Trägermaterial für die Erinnerung an widerständige Jugendliche, die einst die Steinbrüche um Leipzig als Treffpunkt fernab staatlicher Kontrolle nutzten.3
Bemerkenswert und doch so eklatant ist die Entscheidung für einen Stein. Wie tief die Vorstellung in unserem kollektiven Gedächtnis verankert ist, dass Denkmäler Steine sind.Abb. 1: Meuten Memorial, Leipzig
Der öffentliche Raum ist ein Spiegel unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Er zeigt, wie wir als Individuen Teil eines großen Ganzen sind. Hier können wir uns verlieren, aber ebenso sichtbar werden und Verantwortung übernehmen. Besonders in Zeiten politischer Spannungen wird deutlich, wie sehr dieser Raum umkämpft ist: Einerseits erleben wir hier gelebte Solidarität, Versammlungen für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Andererseits nutzen auch antidemokratische Bewegungen, darunter zunehmend erstarkende rechte Parteien, diesen Raum, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, sich zu inszenieren und an Einfluss zu gewinnen.
Ich muss nicht erklären, wie fragil demokratische Errungenschaften sind. Der öffentliche Raum ist kein neutraler Ort und war es auch nie – er wird verhandelt und geformt. Denkmäler, als sichtbare Zeichen kollektiver Erinnerung, stehen mitten in diesem Spannungsfeld. Sie können Orientierung bieten, aber auch Ausschluss erzeugen. Umso wichtiger ist es, neue Formen des Erinnerns zu schaffen, die Offenheit ermöglichen, Dialog fördern und demokratische Werte aktiv verteidigen.
Was fangen wir also mit all den bedeutungsvollen Steinen da draußen an?
Gedenkkultur bildet sich über verschiedenste Ebenen. Auf der impliziten Ebene erfolgt die Vermittlung von Gedenkkultur über unsere Sozialisation bzw. das Lernen im örtlichen Kontext in einer Gesellschaft. Auch politische Inszenierungen, wie z.B. ein Jahresgedenktag, der zelebriert und medial vermittelt wird, zählen dazu. In Schulen und Gedenkstätten wird explizite Erinnerungsarbeit geleistet, die zu ganz unterschiedlichen Themenfeldern zur Gedenkkultur in einer Gesellschaft beiträgt.4
Für mich definiert sich meine Rolle als Gestalterin genau dazwischen. Im Rahmen meiner Masterarbeit möchte ich den Wandel der Erinnerungskultur untersuchen und das kollektive Gedächtnis herausfordern. Die Verortung der Intervention mit Denkmälern im öffentlichen Raum soll dazu anregen, die Sichtweise auf die gelebten Narrative der Erinnerungskultur zu hinterfragen, um eine sensibilisierte Gemeinschaft aufzubauen, die aktiv das Miteinander sucht. Dabei nützt uns die gestalterische Perspektive, um entwickelte Visionen für alle sichtbar und erlebbar zu machen. Ich möchte einen Raum für Erinnerungsdiskurse schaffen, der als Ausgangspunkt für ein gegenwärtiges Sprechen und zukünftiges Denken über die Vergangenheit dient. An was wollen wir uns in Zukunft erinnern? Kann ein Denkmal der Gegenwart zum Denkraum werden?
Mich persönlich interessiert, wie Erinnerungskultur zeitgemäß gestaltet werden kann. Ich hinterfrage dabei den Entstehungsprozess einzelner Denkmäler für die Ewigkeit.
Ich maße mir nicht an, mich allein auf den Weg zu begeben. Stattdessen begebe ich mich auf die Suche nach Designstrategien für eine zeitgemäße Erinnerungskultur, suche gezielt das Gespräch, das Miteinander im Diskurs, und halte Augen und Ohren offen für alles, was mich umgibt.
Der Mut der Gestaltung liegt darin, sich in Kontexte zu werfen und das Nicht-Verstehen auszuhalten. Vor allem nicht das Nicht-Verstehen als Angst zu betreiben, sondern es radikal zuzulassen: desorientiert sein, keine Antwort haben, daraufhin Prototypen bauen. Was ich empfunden, gefühlt und wahrgenommen habe, übersetzte ich in einen Vorschlag gestalterischer Natur.
Zu Beginn der Analysephase meiner Masterarbeit begegnen mir zwei Themen, die mich beschäftigen und im öffentlichen Raum präsent sind.
Zum einen der Klimaschutz mit den fest verbuchten „Fridays for Future“-Streiks auf den Straßen vieler Städte. Hier stelle ich vermeintlich die Frage in die Zukunft: Würden wir Greta Thunberg in Stein meißeln? Vermutlich nicht, denn wir haben gelernt, uns nicht an den Held*innen unserer Zeit abzuarbeiten, sondern selbst aktiv zu werden.
Diese Überlegungen rund um den Personenkult führen mich zu einem zentralen Punkt: Erinnerung ist nie neutral. Sie wird selektiert, inszeniert und oft instrumentalisiert. Wer erinnert wird und wie, ist Ausdruck von Machtverhältnissen – damals wie heute.
Der globale Klimastreik am 24.9.2021 wurde für mich zum Anlass, auf den Straßen Halles auf diesen Umstand aufmerksam zu machen und ein erstes Stimmungsbild einzufangen. Als Umfrage-Tool wird eine Sänfte durch die Stadt getragen. So wurden früher hoch angesehene Menschen sanft über das Kopfsteinpflaster durch die Stadt befördert. Der leere Stuhl in Verbindung mit der Analogie eines Plumpsklos symbolisiert die überflüssige Praxis, eine Person als Held*in auf eine höhere Stufe zu stellen. Mit der Aufschrift „Denk_mal!“ und einem QR-Code auf der Sänfte wird man zur digitalen Umfrage geleitet. Gleichzeitig kann die Umfrage auf zwei analogen Abreißblöcken ausgefüllt werden.
Deutlicher als im öffentlichen Raum zeigt sich in meinem Alltag die unterschiedliche Ost-West-Sozialisierung meines Umfelds und meiner eigenen Person. Jährlich am 3. Oktober wiederholt sich bei mir das Gefühl, die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nicht miterlebt zu haben, nicht genug darüber zu wissen und diese Zeit noch nicht überwunden zu haben. Im luftleeren Raum steht der Begriff der „Deutschen Einheit“.
Im Jahr 2021, zum 31. Jahrestag der Deutschen Einheit, war Halle (Saale) Ausrichtungsort der zentralen Feierlichkeiten. Unter dem Motto „Gemeinsam Zukunft formen“ präsentierte sich die Bundesrepublik auf neun Themenwegen durch die Innenstadt. In gläsernen Containern wurden Themen wie Nachhaltigkeit, Umwelt, Digitalisierung und soziales Miteinander inszeniert – eingebettet in die EinheitsEXPO vom 17. September bis 3. Oktober 2021.5 Doch während die Ausstellung auf Transparenz setzte, blieb sie in ihrer Form doch seltsam unnahbar. Widersprüche – etwa zwischen wirtschaftlichem Wachstum und ökologischer Verantwortung, zwischen kolonialem Erbe und demokratischem Anspruch – fanden kaum Raum. Ich fühle mich gefangen im Spiegelbild staatlicher Selbstvergewisserung, nicht kollektiver Auseinandersetzung. Wo bleibt der Platz für Zweifel, für Reibung, für jene Stimmen, die im gesamtdeutschen Konsens zu oft ungehört bleiben? Inmitten des Schachbretts der Aufstellung der Bundesländer wollte ich einen Kontrapunkt setzen – offen, partizipativ, irritierend. Zwischen der Freilichtausstellung aus Glaskuben und Informationsbannern befinden sich verschieden hohe, ein Quadratmeter große Podeste. Sie dienen als Ablage für Einkaufstaschen oder zum kurzen Verweilen der Besucher*innen.
Für mich wird der eine Quadratmeter zur Bühne. Die Sänfte von der Demo zum Klimastreik ist umgebaut zu einem einarmigen Thron. Auf der Armlehne lässt sich der Fragebogen sowohl bequem im Sitzen als auch im Stehen ausfüllen. Es tut so, als würde es dazu gehören und tatsächlich stellt niemand eben das auch nur ansatzweise in Frage.
Was ich hier beschreibe, könnte man in Kürze als Macht der Prototypen betiteln. Es erscheint alles gewollt und mutig genug. Mit großen Gesten der Interpretation in den Zwischenzeilen, die nicht in Frage gestellt werden. Für mich unausgeschöpftes Potenzial des öffentlichen Raums. Eine Ermutigung, sich diesen öfter anzueignen. Im Grunde geht es darum, das Gestaltete mit sich und anderen ins Verhältnis zu setzen. Wir analysieren einen Kontext, in dem wir selbst fremd sind oder uns zu Fremden machen, um sensibler aufzunehmen und wahrgenommen zu werden. Aufgrund dessen werden Prototypen erstellt, um zu begreifen, wie Zusammenhänge aufeinander reagieren. Vor allem dies gemeinsam mit anderen zu tun, liefert hier den größten Lerneffekt für den Prozess. Das Momentum der Partizipation entsteht selbst durch Aggression in Befragung, die Destruktion des Vorhabens, aber vor allem durch den sichtbaren Prototypen – den Vorschlag. Menschen beginnen zu beschreiben, wie sie es selbst machen würden, was sie sehen oder nicht sehen und teilen ihre Imagination. Sich selbst dem auszusetzen, an die Grenze bringen und dabei schlicht radikal offen bleiben.6
In der weiteren Analysephase meiner Arbeit wechselt das passive Fragen von beiläufig Interessierten zu einem aktiven gemeinsamen Austausch. Zuerst findet ein Workshop mit Fachpublikum des Vereins Zeit-Geschichte(n) e.V. in Halle statt. Er hat zum Ziel, kollektive Überlegungen anzustellen, wie Erinnerungen, am Beispiel der Wiedervereinigung Deutschlands im öffentlichen Raum erlebbar gemacht werden können.
Um eine Vergleichbarkeit zu schaffen, findet ein zweiter Workshop online mit der Freiwilligen Agentur in Halle statt. Hier partizipieren vor allem junge Studierende aus verschiedensten Fachrichtungen, die bis dato wenige aktive Berührungspunkte mit dem Thema hatten.
Das Thema „deutsche Einheit“ bleibt auch über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung zentral für unser Selbstverständnis sowie auch für das gesamtdeutsche Verständnis – nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich, emotional und kulturell. Die Frage, ob wir tatsächlich eine Einheit sind, ist dabei keine, die abschließend beantwortet werden kann, sondern vielmehr ein Ausgangspunkt für fortlaufende Auseinandersetzungen. Genau deshalb ist es so wichtig über eine historische Rückschau hinweg, darüber zu sprechen.
Ein Satz, der im Workshop fiel und mir bis heute präsent ist, ist: Bevor wir einen Dialog führen können, müssen wir es erst einmal schaffen, uns gegenseitig zuzuhören und im gleichen Zuge auch andere Perspektiven hören zu wollen. Das Zuhören ist die erste Schlüsselkompetenz für eine gute Kommunikationsbasis, die gerne zu kurz kommt. Deswegen lege ich fest: Erinnern heißt Zuhören!
Als Intervention im öffentlichen Raum und zur Erinnerung an die Wiedervereinigung und die Friedliche Revolution von ’89 sind temporär orange Spanngurte an zwei Orten in Ost- und Westdeutschland angebracht. Der Spanngurt ist mit dem Verweis auf eine Webseite bedruckt: www.bei-anruf-einheit.de. Dahinter verbirgt sich ein offenes auditives Archiv – also ein partizipativer Podcast, um verschiedene Perspektiven aus Ost und West abzubilden. Persönliche Erinnerungen oder Fragestellungen rund um die Wendezeit bis zur Gegenwart können per Anrufbeantworter ergänzt werden.
Das offene Format ermöglicht Einzelnen, selbst zu Wort zu kommen und fordert andere Perspektiven als die der Mehrheitsgesellschaft. Es speist Erinnerungen in das kollektive Gedächtnis und verknüpft diese mit Emotionen, die durch die eigenen Stimmen greifbar und für andere zugänglich werden. Auf der Website entsteht ein partizipativer Podcast, der sich durch das Wandern der Spanngurte in ganz Deutschland immer weiter füllt. Durch Call-Screenings der eingehenden Anrufe, ist es möglich, Hassreden und Hetze herauszufiltern, damit diese nicht auf der Website verbreitet werden.
Gedenkorte sind meist statische Gebilde, die keine Veränderung zulassen. Um eine pluralistische Erinnerungskultur zu leben, müssen Konstrukte geschaffen werden, die veränderbar und additiv bleiben. Ein weiterer notwendiger Schritt ist die Entwicklung von Formen des kritischen Bewahrens, die über ein historisches Bewahren hinausgehen. Also über jenes Bewahren, das nur die Dinge konserviert, die aus einer historischen Perspektive heraus als wichtig erscheinen. Die Zukunft der Erinnerungskultur beschreibt für mich dynamische Trägerschaften, die erlauben, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.
Ohne Erinnerungen gibt es kein Bewusstsein für die Gesellschaft, die wir sind. Ohne Erinnerungen gibt es keine Zukunftsvision. Trotzdem sind wir noch ganz am Anfang, zu verstehen, was es bedeutet, Pluralität nicht nur als Bereicherung und Karneval der Kulturen zu denken, sondern auch als eine Sache, die strukturelle Konsequenzen für unsere Gesellschaft hat.7
Am Ende ist die Arbeit eine Sehnsucht nach der Vogelperspektive. Der Versuch, gemeinsam fliegen zu lernen. Die Angst der vermeintlich leichten westdeutschen Perspektive. Aber auch die weit ausgebreiteten Arme, offenen Ohren und Zeit. Immer noch stelle ich mir die Frage: „Was kann Design denn schon ausrichten?“8
Literaturverzeichnis
Die Reklamation Labels/EMI (2003): Wir sind Helden – Denkmal [Tonaufnahme]
„Sounds of Resistance“: Meuten Memorial auf dem Lindenauer Markt eingeweiht. o. J. In: l-iz.de.
Abgerufen am 12.05.2025. von: https://www.l-iz.de/kultur/lebensart/2025/04/sounds-of-resistance-meuten-memorial-auf-dem-lindenauer-markt-eingeweiht-622956.
Kollektiv Plus X: Meuten Memorial. Abgerufen am 12.05.2025 von: https://kollektivplusx.de/meuten-memorial/.
„Gedenkkultur“ – Interview mit Dorner. o. J. In: die-debatte.org. Abgerufen am 12.05.2025 von: https://www.die-debatte.org/gedenkkultur-interview-dorner/.
EinheitsEXPO – Programm der Zivilgesellschaft. o. J. In: buerger-fuer-buerger.de. Abgerufen am 13.05.2025 von: https://www.buerger-fuer-buerger.de/programm-einheitsexpo/.
Czollek, Max (2018): „Desintegriert euch!“. In: Kulturwissenschaftliche Zeitschrift.
Abgerufen am 14.05.2025 von: https://kulturwissenschaftlichezeitschrift.de/beitrag/max-czollek-2018-desintegriert-euch/.
Design for Democracy – Auf dem Weg zur World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 (2024).
Scheuermann, Anna (Hg.); Wagner, Matthias K. (Hg.). Stuttgart: av edition GmbH.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Meuten Memorial. Kollektiv Plus X. Abgerufen am 10.08.2025 von: https://kollektivplusx.de/meuten-memorial/.
Abb. 2:
Greta-Thunberg-Statue vor der University of Winchester, England.Quelle: DER SPIEGEL. Abgerufen am 10.08.2025 von: https://www.spiegel.de/panorama/bildung/greta-thunberg-statue-sorgt-fuer-streit-an-uni-in-grossbritannien-a-3b5c476d-3d7d-4bef-9351-0041a3213661.
Abb. 3:
Demo-Sänfte im Projekt „Denk_mal“. Foto: Jasmin Schauer. o. J.
Abb. 4:
Intervention Einheits-Expo. Foto: Jasmin Schauer, 2021.
Abb. 5:
Spanngurt mit der Aufschrift „www.bei-anruf-einheit.de“ am Bürgerdenkmal für die Montagsdemonstrationen der Friedlichen Revolution 1989 in Magdeburg. Foto: Max Méndez, 2022.