„Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“
Publizieren als (institutions-)kritische Intervention1
von
„Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“
Publizieren als (institutions-)kritische Intervention1
von
Am 27. Januar 2021 tritt nach einem mehrjährigen Prozess der neue Name des 1990 als Witte de With Centrum voor Hedendaagse Kunst gegründeten Zentrums für zeitgenössische Kunst in Kraft: Kunstinstituut Melly.2 Tags darauf, am 28. Januar 2021, wird auf dem YouTube-Kanal der Rotterdamer Institution das Video „Melly TV Episode 1: Kwetsbaarheid | Vulnerability“ veröffentlicht. Es enthält u.a. ein Gespräch der Journalistin Hasna El Maroudi mit Sofía Hernández Chong Cuy (von Januar 2018 bis Dezember 2023 Direktorin des Kunstinstituut Melly), das die Vorgeschichte der lange überfälligen Umbenennung beleuchtet.3 Auf dem Tisch zwischen beiden Gesprächsteilnehmerinnen liegen dabei zahlreiche Bücher – unter ihnen die zweibändige Publikation „Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“, die ich im März respektive September 2018 herausgegeben habeAbb. 1.
„Kleinstmöglicher Eingriff“ mit „umfassenden“ Folgen
Die beiden BücherAbb. 2 sind Teil von und dokumentieren das kollaborative Kunstprojekt Margaret van Eyck, das an der Schnittstelle von feministischer Intervention, Institutionskritik und der (Um-)Benennung öffentlicher Räume und Einrichtungen angesiedelt ist. Das Projekt lässt sich als „kleinstmöglicher Eingriff“4 mit „umfassenden“5 Folgen bzw. Effekten beschreiben: An der Fassade und auf den Innenwänden des Gebäudes der Maastrichter Jan van Eyck Academie6 ließ ich während meiner Zeit als Artist-in-Residence 2017/2018 in Ergänzung der durchweg nach männlichen*7 Personen benannten Werkstätten und Labore8 die Namen weiblicher* Pendants anbringen. Aus der Jan van Eyck Academie wurde so am 12. Mai 20179 die Margaret van Eyck AcademieAbb. 3,10 aus dem Charles Nypels Lab (der Druckwerkstatt) das Anne Pétronille Nypels Lab, aus dem Werner Mantz Lab (dem Photostudio und Videolabor) das Elsa Stansfield LabAbb. 4, aus dem Heimo Lab (der Holz- und Metallwerkstatt) das Luzia Hartsuyker-Curjel Lab, aus dem Pierre Kemp Lab (der Bibliothek) das Thérèse Cornips Lab und aus dem Jac. P. Thijsse Lab (dem „Lab for Nature Research“) das Wilhelmina Minis-van de Geijn Lab.
Durch diese typographische Intervention in das Erscheinungsbild der Akademie, die (zunächst) nicht offiziell kommuniziert oder kontextualisiert wurde, entstand eine von Ambiguitäten geprägte Situation: Die Institution als solche wie auch jedes ihrer Teile sah sich mit der Tatsache konfrontiert, fortan zwei Namen zu tragen, also auf zweierlei Weise „ansprechbar“ zu sein – und das sowohl offline (am bzw. im Gebäude) als auch online (auf der offiziellen Website der Akademie). Die bereits bestehenden Namen wurden indes nicht etwa entfernt oder überschrieben, sondern ergänzt.11 Dabei sind genau jene (impliziten) Auswahlkriterien angewandt worden, die sich aus der Summe der männlichen* Namengeber haben ableiten lassen: sie sind durchweg (cis-)männlich*, weiß,12 bereits verstorben und weisen sowohl einen biographischen Bezug zur Stadt Maastricht (bzw. zur Provinz Limburg) als auch einen professionellen Bezug zum Fachgebiet der jeweiligen Werkstatt bzw. des jeweiligen Labors auf.13 Auch hinsichtlich der Gestaltung wurde sich genau an der vorgefundenen Situation orientiert, d.h. an der (damaligen) visuellen Identität der Akademie. Dies hatte zur Folge, dass die Intervention – abgesehen von der Farbgebung (orangefarbene statt schwarze Lettern) – nicht von den offiziellen Beschriftungen zu unterscheiden war.
Die Auswirkungen dieses ambigen Zustands habe ich über einen Zeitraum von mehreren Monaten untersucht und die Ergebnisse jener Untersuchung in der eingangs erwähnten Doppel-Publikation (die wiederum eine Intervention darstellt und selbst verschiedene Interventionen enthält14) veröffentlicht.15 Band 1 – „Research, Interventions, and Effects“16 – dokumentiert Recherche und Vorbereitungen, die eigentliche Installation bzw. Intervention und deren Effekte. Neben dem Eingang der neuen, zusätzlichen Namen in den Sprach- und Schriftgebrauch inner- und außerhalb der Institution17 zählt auch das Zustandekommen eines kritischen Diskursraums in der Akademie zu den kurz- und mittelfristigen Effekten der Intervention.18 Im sechs Monate darauf publizierten Band 2 – „Comments, Contexts, and Connections“19 – kommentieren Künstler*innen, Autor*innen und Forscher*innen das Projekt in Form von wissenschaftlichen Aufsätzen, Essays, Gesprächen und Gedichten aus ihrer je spezifischen Perspektive, betten es in unterschiedliche Diskurse ein, stellen vielfältige Verbindungen her und bringen es in Kritik.20
Acht Jahre nach den geschilderten Ereignissen verfasst, unternimmt der vorliegende Essay den Versuch einer Evaluation der Intervention Margaret van Eyck – und legt dabei einen Fokus auf das (institutions-)kritische Potenzial buchförmiger Strategien des Publizierens, des Öffentlichmachens. Gestalten und Öffentlichmachen verstehe ich dabei als eng miteinander verwobene Praktiken, deren je spezifisches Zusammenspiel an der Hervorbringung von Realitäten beteiligt ist: Gestaltung bevölkert nicht nur den öffentlichen Raum (beispielsweise in Form von Plakaten), sie ist letztlich sogar an seiner Konstitution beteiligt.21
Das gedruckte Buch als Speicher und als Medium von Interventionen
„Intervenieren“ bedeutet, so der Duden, „vermittelnd [in einen Streit o.ä.] eingreifen, sich [als Mittler] einschalten“, aber auch „sich protestierend in bestimmte Vorgänge einschalten“.22 Die Publikation „Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“ beansprucht beide Bedeutungsgehalte für sich: Indem sie eine als Protest konzipierte typografische Intervention (die ergänzende Um- bzw. Neubenennung der Jan van Eyck Academie) dokumentiert und kontextualisiert, macht sie diese losgelöst vom spezifischen, räumlich situierten Entstehungszusammenhang rezipierbar – und kann somit potenziell vermittelnd in Diskurse und Prozesse (wie etwa in der Einleitung beschriebenen) eingreifen.
Das Medium Buch, genauer gesagt das gedruckte Buch als „Raum-Zeit-Folge“,23 ist dafür in mehrfacher Hinsicht prädestiniert: Durch seine Speicherfunktion ist eine Verstetigung, ein Fortleben der ephemeren Intervention (vgl. Fußnote 10) gewährleistet; durch seinen multiplen Charakter (d.h. das Erscheinen in Auflage) wird eine weitläufige Zirkulation und Rezeption ermöglicht. Dies trifft umso mehr auf die beiden „Margaret van Eyck“-Bände zu, die bewusst so gestaltet sind, dass auf der materialästhetischen Ebene eingelöst wird, was Johanna Drucker wie folgt beschreibt: „Books […] have the power to introduce non-standard thought into the arena of public discourse through the Trojan horse of an ordinary appearance.“24 So wie sich die Vinylbuchstaben als „Virus“ begreifen lassen, der das allgegenwärtige visuelle Erscheinungsbild, die Identität der Akademie gewissermaßen mit ihren eigenen Mitteln (der typografischen Beschriftung) „infiziert“ hat, können auch die beiden Bücher eben jene Institution(en), die sie kritisieren, auf parasitäre Weise (nämlich als metaphorisches Trojanisches Pferd) „infiltrieren“25 – indem sie sich ihren Leser*innen als standardisierte, professionell produzierte, klebegebundene Taschenbücher präsentieren, welche die Konventionen des Buchhandels und buchbezogener Einrichtungen wie Bibliotheken und Archive bedienen. Auf diese Weise gelingt es den Büchern, unter dem sprichwörtlichen Radar zu bleiben und ‚durchzugehen‘: Ihre unscheinbare, gewöhnliche äußere Form versetzt sie in die Lage, institutionelle Schwellen und Auswahlprozesse zu überwinden und so ihre subversiven, kritischen Inhalte ungehindert in eben diese Institutionen einzutragen.26
Gleichzeitig ist dieser Prozess von bestimmten Phänomenen begleitet gewesen, die eine retrospektive Problematisierung des Projektes nahelegen. Durch die Publikation als gedrucktes Buch wird die programmatisch von radikaler Offenheit und produktiver Unbestimmtheit gekennzeichnete Intervention Margaret van Eyck widersprüchlicherweise in ein autoritatives mediales Korsett gezwängt, das wirkmächtig Legitimität verleiht, Objektivität signalisiert und (tendenziell) Komplexität(en) reduziert. Und auch die Intervention als solche ist nicht frei von problematischen Vereinfachungen: So wurde beispielsweise durch die unveränderte Übernahme der Auswahlkriterien bei der Namenswahl (s.o.) die Fortschreibung binärer Geschlechterkategorien betrieben und Weißsein als (zunächst) unbenannte Norm gesetzt.27 Zudem ist das gedruckte Buch weitaus weniger zugänglich als etwa unter Open-Access-Bedingungen publizierte PDFs, E-Books oder Hörbücher und kann auf unterschiedlichen Ebenen als exkludierend beschrieben werden: Um sich mit einem Buch überhaupt in der intendierten Art und Weise auseinandersetzen zu können, muss man zunächst (sofern es sich nicht um einen Band in Tastschrift handelt) sehend und in den meisten Fällen zudem alphabetisiert (also des Lesens mächtig) sein, sowie über die finanziellen Mittel verfügen, Bücher käuflich zu erwerben bzw. Zugang zu Einrichtungen haben, die sie gebührenfrei verleihen.28
Dennoch ist dem Publizieren (im Sinne des Öffentlichmachens mit buchgestalterischen Mitteln), wie sich am Beispiel des Projekts Margaret van Eyck gezeigt hat, ein institutionskritisches Potenzial zu eigen, das sich in der Doppelfunktion des Mediums Buch ausdrückt: Es kann gleichsam als Speicher bereits erfolgter Interventionen fungieren und – aufgrund seiner naturalisierten (d.h. weitgehend invisibilisierten) äußeren Form – selbst interventionistische agency erlangen. Dabei gilt allerdings zu beachten, dass dem erwähnten Potenzial Grenzen gesetzt sind: Das herkömmliche gedruckte Buch ist, anders als „der Mythos vom demokratischen Multiple“ (vgl. Fußnote 24) suggeriert, kein durch und durch barrierefreies Format, sondern – auch das hat sich am untersuchten Fallbeispiel gezeigt – es generiert Ausschlüsse und muss sich dem Vorwurf stellen, subversive Inhalte durch seine konventionelle Form zu „entschärfen“.
Ausgehend von diesen Betrachtungen, stellen sich zwei Fragen, die als Bewertungsmaßstab für den (gestalterischen) Umgang mit (künstlerischen) Interventionen gelten können: Wird die Dokumentation künstlerisch-gestalterischer Interventionen zum Selbstzweck (im Sinne einer weitestgehend entpolitisierten l’art-pour-l’art-Haltung) – also zu einer „passiven“, utilitaristischen Aufzeichnung bzw. oberflächlichen Stilübung ohne subversiven, emanzipatorischen Anspruch? Oder gelingt es ihr – in Form einer ‚aktiven‘, ja ‚aktivierenden‘ (weil ihrerseits intervenierenden) Dokumentation –, kritischer und selbstreflexiver Teil der dokumentierten Intervention zu werden?
Epilog
Ungeachtet dessen hat sich die feministisch und dekolonial motivierte Praxis der (Um-)Benennung öffentlicher Räume und Einrichtungen als Modus institutionskritischer Intervention zwischenzeitlich weiter etabliert. Zu den jüngeren Beispielen zählt etwa der Fall des Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW): Im Juni 2023 gab das HKW unter der Überschrift „Andere Geschichten schreiben“ bekannt, dass die Institution ihre Räume anlässlich der Wiedereröffnung unter dem neuen Intendanten und Chefkurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung „einer Reihe von Frauen aus verschiedensten Welten“ widmen würdeAbb. 5, von denen viele „aus der kollektiven Erinnerung getilgt oder marginalisiert“ worden seien.29 Welche langfristigen Effekte diese Intervention zeitigen wird und welche Formen des Publizierens dabei eine Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten.
Literaturverzeichnis
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Burckhardt, Lucius: Der kleinstmögliche Eingriff [1982], in: Ritter, M. / Schmitz, M. (Hg.): Lucius Burckhardt. Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung der Planung auf das Planbare, Berlin: Martin Schmitz Verlag, 2013, S. 167–174.
Carrión, Ulises: Die neue Kunst des Büchermachens (Übersetzung: Kretschmer, H.), in: Wolkenkratzer. Frankfurter Kulturelle Anzeigen, Jg. 2, Nr. 3, 1982, S. 35–36.
Drucker, Johanna: The Myth of the Democratic Multiple [1997], in: dies.: Figuring the Word: Essays on Books, Writing, and Visual Poetics, New York: Granary Books, 1998, S. 175–183.
Dudenredaktion (Hg.): Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in sechs Bänden, Mannheim (u.a.): Dudenverlag, Bd. 3 (G-Kal), 1977.
Eggers, Maureen Maisha et al. (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland (2. Aufl.), Münster: Unrast Verlag, 2009.
Kunstinstituut Melly (Hg.): Melly TV Episode 1: Kwetsbaarheid | Vulnerability, 2021. Abgerufen am 5.8.2025 von https://youtu.be/CDTXyvs26JE.
Murphy, Kevin / O’Driscoll, Sally: Introduction: „Fugitive Pieces“ and „Gaudy Books“: Textual, Historical, and Visual Interpretations of Ephemera in the Long Eighteenth Century, in: dies. (Hg.): Studies in Ephemera: Text and Image in Eighteenth-Century Print, Lanham: Bucknell University Press, 2013, S. 1–30.
o. V.: Andere Geschichten schreiben: Zur Benennung der Räume am HKW, 2023. Abgerufen am 5.8.2025 von www.hkw.de/the-house/the-building/resignifying-hkw.
Pater, Ruben: The Politics of Design. A (Not So) Global Manual for Visual Communication [2016] (4. Aufl.), Amsterdam: BIS Publishers, 2018.
Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume One: Research, Interventions, and Effects), New York: Peradam Press, 2018a.
Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume Two: Comments, Contexts, and Connections), New York: Peradam Press, 2018b.
von Borries, Friedrich / Recklies, Mara: IUI. Propädeutik der Intervention, Leipzig: Merve Verlag, 2017.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Screenshot, https://youtu.be/CDTXyvs26JE, 2025.
Abb. 2:
© Hagen Verleger, 2018.
Abb. 3:
© Hagen Verleger, 2017.
Abb. 4:
© Hagen Verleger, 2017.
Abb. 5:
Screenshot, https://www.hkw.de/the-house/the-building/resignifying-hkw, 2025.