Melly TV: Hasna El Maroudi im Gespräch mit Sofía Hernández Chong Cuy, 28. Januar 2021.
Abb.1

Melly TV: Hasna El Maroudi im Gespräch mit Sofía Hernández Chong Cuy, 28. Januar 2021.

Hagen Verleger (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study; zwei Bände, 2018.
Abb.2

Hagen Verleger (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study; zwei Bände, 2018.

Hagen Verleger: Margaret van Eyck; orangefarbene Vinyllettern, ca. 80 cm × 550 cm, 2017.
Abb.3

Hagen Verleger: Margaret van Eyck; orangefarbene Vinyllettern, ca. 80 cm × 550 cm, 2017.

Hagen Verleger: Elsa Stansfield Lab; orangefarbene Vinyllettern, ca. 15 cm × 110 cm, 2017.
Abb.4

Hagen Verleger: Elsa Stansfield Lab; orangefarbene Vinyllettern, ca. 15 cm × 110 cm, 2017.

Haus der Kulturen der Welt / Aziza Ahmad: „Andere Geschichten schreiben“, Juni 2023.
Abb.5

Haus der Kulturen der Welt / Aziza Ahmad: „Andere Geschichten schreiben“, Juni 2023.

1

Der folgende Essay basiert in Teilen auf einem Vortrag, der am 18. November 2018 an der Margaret van Eyck Academie in Maastricht, Niederlande, gehalten wurde.

2

Dieser war bereits am 2. Oktober 2020 offiziell bekanntgegeben worden, nachdem am 27. Juni 2020 der alte Name – eine Referenz auf den niederländischen Marineoffizier der Kolonialzeit Witte Corneliszoon de With – mit sofortiger Wirkung zurückgezogen worden war. Auslöser hierfür war u.a. ein offener Brief an das Kunstzentrum vom 14. Juni 2017, mit dem zahlreiche Unterzeichner*innen ihre Kritik am problematischen Namen der Institution formuliert hatten.

3

Vgl. Kunstinstituut Melly (Hg.): Melly TV Episode 1: Kwetsbaarheid | Vulnerability, 2021. Abgerufen am 5.8.2025 von https://youtu.be/CDTXyvs26JE.

4

Vgl. Burckhardt, Lucius: Der kleinstmögliche Eingriff [1982], in: Ritter, M. / Schmitz, M. (Hg.): Lucius Burckhardt. Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung der Planung auf das Planbare. Martin Schmitz Verlag. Berlin 2013, S. 167–174.

5

Vgl. von Borries, Friedrich / Recklies, Mara: IUI. Propädeutik der Intervention. Merve Verlag. Leipzig 2017, S. 44.

6

Am 13. Mai 1948 gründeten Leo Willem Linssen, Emile Clément Mathieu Alphonse Batta und Gerardus Peter Johannes van Meyel in Maastricht die Sint Bernulphus Stichting. Ziel dieser Stiftung war laut Gründungsurkunde die Errichtung einer katholischen Akademie für bildende und angewandte Künste mit dem Namen Jan van Eyck Academie. Benannt nach dem Renaissancemaler aus Maaseik, einem Dorf nördlich von Maastricht, war das Institut ursprünglich als Gegenstück zur überkonfessionellen Rijksakademie in Amsterdam konzipiert und besteht heute als Artist Residency und postakademisches Institut für Kunst, Design und Theorie fort.

7

Die Zuschreibung der Adjektive „weiblich“ und „männlich“ orientiert sich an den in Selbst- und Fremdbeschreibungen der betreffenden Personen gewählten Personalpronomen. Die Asterisken am Wortende markieren, dass neben Cis- auch Trans-Weiblich- und -Männlichkeiten existieren – ebenso wie weitere Formen geschlechtlicher Identität, die jenseits der binären Geschlechterordnung verortet sind.

8

Ungewollt passend für eine Akademie, die – damals wie heute (Stand August 2025) – ausschließlich von Männern* geführt wurde bzw. wird (vgl. die Positionen des Direktors, des Geschäftsführers und des Leiters des künstlerischen Programms) und zugleich ein verstörender, wie aus der Zeit gefallener Zustand.

9

Und damit pünktlich zum 69. Jahrestag der Unterzeichnung der Gründungsurkunde am 13. Mai 1948; vgl. Fußnote 6.

10

Im Gegensatz zu den im Innern des Gebäudes angebrachten Namen, blätterte der aus Vinyllettern gesetzte Schriftzug „MARGARET“ bereits nach elf Tagen aufgrund einer Anti-Graffiti-Beschichtung, mit der die Wand grundiert war, von der Fassade ab. Die übrigen Namen wurden erst im März 2020 entfernt: Im Zuge einer Neuausrichtung des visuellen Erscheinungsbilds der Akademie sind sowohl die ursprünglichen männlichen* als auch die neuen weiblichen* Namen der Werkstätten und Labore durch den Hausmeister der Institution von den Wänden gekratzt worden.

11

Im Rahmen ihrer „möglichen Theorie der Intervention“ (von Borries / Recklies 2017, S. 14) charakterisieren Friedrich von Borries und Maja Recklies Intervention(en) als „ein Handeln, das sich nicht auf sich selbst bezieht, sondern sich als relationale Praxis über den Bezug auf das Bestehende definiert.“ (ebd.). Dies trifft, wie beschrieben, in besonderem Maße auf das Projekt Margaret van Eyck zu.

12

Das Adjektiv „weiß“ ist hier – in Anlehnung an die Erkenntnisse der Kritischen Weißseinsforschung – durch Kursivierung hervorgehoben, um zu verdeutlichen, dass der Begriff nicht auf äußerliche Zuschreibungen abzielt, sondern vielmehr eine wirkmächtige soziale Kategorie (die häufig unbenannt bleibt) beschreibt: das Weißsein. (Vgl. dazu u.a. Eggers, Maureen Maisha et al. (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland (2. Aufl.). Unrast Verlag. Münster 2009, S. 13.)

13

So war etwa die Bibliothek – das Pierre Kemp Lab – nach einem Maastrichter Dichter benannt; das Fotostudio und Videolabor hingegen – das Werner Mantz Lab – war nach einem jüdischen deutsch-niederländischen Fotografen benannt, der in den 1930er-Jahren von Köln nach Maastricht emigrierte; usw.

14

Ein Beispiel: Der Musiker und Autor Nick Currie (alias Momus) hat für alle Beitragenden fiktive Biographien verfasst. Diese vermischen sich unkommentiert mit den tatsächlichen und verwandeln so einen Teil des Vitae-Abschnitt in „Volume Two“ in eine eigene Parallelwelt.

15

Die Zweigliedrigkeit der Publikation entspricht dabei konzeptionell dem Ansatz der zugrundeliegenden Intervention, bestehende (institutionelle) Strukturen zu kommentieren und alternative Bedeutungsebenen hinzuzufügen.

16

Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume One: Research, Interventions, and Effects), Peradam Press. New York 2018a [vgl.: https://vimeo.com/hagenverleger/margaret1].

17

So verzeichnete die Akademie ab dem Sommer 2017 Bewerbungen prospektiver Artists-in-Residence, die explizit an die Margaret (und nicht an die Jan) van Eyck Academie adressiert waren; außerdem wurde in den Impressen einiger Publikationen als Herausgeberin die Margaret van Eyck Academie und als Druckerei das Anne Pétronille Nypels Lab angegeben.

18

Diesem verdankt sich u.a. die kollektive Intervention A Library, Rearranged (Verleger 2018a, S. 131–164) in der Bibliothek, dem Thérèse Cornips Lab, im Zuge derer eine Gruppe von zehn Artists-in-Residence beinahe 34 000 Bücher bzw. Medien sichtete und alle männlich* dominierten Publikationen in den Regalen umdrehte, sodass die Buchrücken zur Wand zeigten und damit das beträchtliche Ungleichgewicht in Hinblick auf die Dimension Gender visualisierten – was wiederum in einer angepassten Anschaffungspolitik der Bibliothek resultierte, die diesem Zustand entgegenwirken soll.

19

Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume Two: Comments, Contexts, and Connections), New York 2018b: Peradam Press [vgl.: https://vimeo.com/hagenverleger/margaret2].

20

Die Beitragenden in alphabetischer Folge: Afro Xylanthé, Alexandra Phillips, An Onghena, Bernke Klein Zandvoort, Cannach MacBride, Dominique Hurth, Hagen Verleger, Jessica Segall, Levi de Kleer, Luca Soudant, Madelon Hooykaas, Martino Morandi, Matylda Krzykowski, Mia Melvær, Nick Currie, Nina Glockner, Raewyn Martyn und Sachi Miyachi.

21

Vgl. Murphy, Kevin & O’Driscoll, Sally: Introduction: „Fugitive Pieces“ and „Gaudy Books“: Textual, Historical, and Visual Interpretations of Ephemera in the Long Eighteenth Century, in: dies. (Hg.): Studies in Ephemera: Text and Image in Eighteenth-Century Print. Bucknell University Press. Lanham 2013, S. 1–30, hier: S. 8.

22

Dudenredaktion (Hg.): Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in
sechs Bänden, Bd. 3 (G–Kal). Dudenverlag. Mannheim 1977, S. 1357.

23

Carrión, Ulises: Die neue Kunst des Büchermachens (Übersetzung: Kretschmer, H.), in: Wolkenkratzer. Frankfurter Kulturelle Anzeigen, Jg. 2, Nr. 3, 1982, S. 35–36, hier: S. 35.

24

Drucker, Johanna: The Myth of the Democratic Multiple [1997], in: dies.: Figuring the Word: Essays on Books, Writing, and Visual Poetics, Granary Books. New York 1998, S. 175–183, hier: S. 178.

25

Von Borries und Recklies sprechen in diesem Zusammenhang (unter der Zwischenüberschrift „Infiltration unerwünschter Institutionen“) von „Methoden der Camouflage“ (von Borries / Recklies 2017, S. 34).

26

Vgl. Adema, Janneke / Hall, Gary: The Political Nature of the Book: On Artists’ Books and Radical Open Access, in: New Formations, Bd. 78, 2013, S. 138–156.

27

Dies kam einer Gratwanderung gleich: Die unkommentierte Übernahme der Auswahlkriterien als Form der Kritik, die gleichzeitig fortschreibt, was sie kritisiert. Insofern kann die Intervention auch als ‚Werkzeug‘ begriffen werden, mittels dessen Widerstand und Diskussion hervorgerufen wurden.

28

Vgl. Pater, Ruben: The Politics of Design. A (Not So) Global Manual for Visual Communication [2016] (4. Aufl.), BIS Publishers. Amsterdam 2018, S. 1.

29

o.V.: Andere Geschichten schreiben: Zur Benennung der Räume am HKW, 2023. Abgerufen am 5.8.2025 von www.hkw.de/the-house/the-building/resignifying-hkw.
Zu den insgesamt 38 neu benannten Räumen bzw. Orten des HKW gehören beispielsweise der Hedwig-Dohm-Eingang, der Semra-Ertan-Garten und das Miriam-Makeba-Auditorium.

„Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“

Publizieren als (institutions-)kritische Intervention1

Am 27. Januar 2021 tritt nach einem mehrjährigen Prozess der neue Name des 1990 als Witte de With Centrum voor Hedendaagse Kunst gegründeten Zentrums für zeitgenössische Kunst in Kraft: Kunstinstituut Melly.2 Tags darauf, am 28. Januar 2021, wird auf dem YouTube-Kanal der Rotterdamer Institution das Video „Melly TV Episode 1: Kwetsbaarheid | Vulnerability“ veröffentlicht. Es enthält u.a. ein Gespräch der Journalistin Hasna El Maroudi mit Sofía Hernández Chong Cuy (von Januar 2018 bis Dezember 2023 Direktorin des Kunstinstituut Melly), das die Vorgeschichte der lange überfälligen Umbenennung beleuchtet.3 Auf dem Tisch zwischen beiden Gesprächsteilnehmerinnen liegen dabei zahlreiche Bücher – unter ihnen die zweibändige Publikation „Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“, die ich im März respektive September 2018 herausgegeben habeAbb. 1.

„Kleinstmöglicher Eingriff“ mit „umfassenden“ Folgen

Die beiden BücherAbb. 2 sind Teil von und dokumentieren das kollaborative Kunstprojekt Margaret van Eyck, das an der Schnittstelle von feministischer Intervention, Institutionskritik und der (Um-)Benennung öffentlicher Räume und Einrichtungen angesiedelt ist. Das Projekt lässt sich als „kleinstmöglicher Eingriff“4 mit „umfassenden“5 Folgen bzw. Effekten beschreiben: An der Fassade und auf den Innenwänden des Gebäudes der Maastrichter Jan van Eyck Academie6 ließ ich während meiner Zeit als Artist-in-Residence 2017/2018 in Ergänzung der durchweg nach männlichen*7 Personen benannten Werkstätten und Labore8 die Namen weiblicher* Pendants anbringen. Aus der Jan van Eyck Academie wurde so am 12. Mai 20179 die Margaret van Eyck AcademieAbb. 3,10 aus dem Charles Nypels Lab (der Druckwerkstatt) das Anne Pétronille Nypels Lab, aus dem Werner Mantz Lab (dem Photostudio und Videolabor) das Elsa Stansfield LabAbb. 4, aus dem Heimo Lab (der Holz- und Metallwerkstatt) das Luzia Hartsuyker-Curjel Lab, aus dem Pierre Kemp Lab (der Bibliothek) das Thérèse Cornips Lab und aus dem Jac. P. Thijsse Lab (dem „Lab for Nature Research“) das Wilhelmina Minis-van de Geijn Lab.

Durch diese typographische Intervention in das Erscheinungsbild der Akademie, die (zunächst) nicht offiziell kommuniziert oder kontextualisiert wurde, entstand eine von Ambiguitäten geprägte Situation: Die Institution als solche wie auch jedes ihrer Teile sah sich mit der Tatsache konfrontiert, fortan zwei Namen zu tragen, also auf zweierlei Weise „ansprechbar“ zu sein – und das sowohl offline (am bzw. im Gebäude) als auch online (auf der offiziellen Website der Akademie). Die bereits bestehenden Namen wurden indes nicht etwa entfernt oder überschrieben, sondern ergänzt.11 Dabei sind genau jene (impliziten) Auswahlkriterien angewandt worden, die sich aus der Summe der männlichen* Namengeber haben ableiten lassen: sie sind durchweg (cis-)männlich*, weiß,12 bereits verstorben und weisen sowohl einen biographischen Bezug zur Stadt Maastricht (bzw. zur Provinz Limburg) als auch einen professionellen Bezug zum Fachgebiet der jeweiligen Werkstatt bzw. des jeweiligen Labors auf.13 Auch hinsichtlich der Gestaltung wurde sich genau an der vorgefundenen Situation orientiert, d.h. an der (damaligen) visuellen Identität der Akademie. Dies hatte zur Folge, dass die Intervention – abgesehen von der Farbgebung (orangefarbene statt schwarze Lettern) – nicht von den offiziellen Beschriftungen zu unterscheiden war.

Die Auswirkungen dieses ambigen Zustands habe ich über einen Zeitraum von mehreren Monaten untersucht und die Ergebnisse jener Untersuchung in der eingangs erwähnten Doppel-Publikation (die wiederum eine Intervention darstellt und selbst verschiedene Interventionen enthält14) veröffentlicht.15 Band 1 – „Research, Interventions, and Effects“16 – dokumentiert Recherche und Vorbereitungen, die eigentliche Installation bzw. Intervention und deren Effekte. Neben dem Eingang der neuen, zusätzlichen Namen in den Sprach- und Schriftgebrauch inner- und außerhalb der Institution17 zählt auch das Zustandekommen eines kritischen Diskursraums in der Akademie zu den kurz- und mittelfristigen Effekten der Intervention.18 Im sechs Monate darauf publizierten Band 2 – „Comments, Contexts, and Connections“19 – kommentieren Künstler*innen, Autor*innen und Forscher*innen das Projekt in Form von wissenschaftlichen Aufsätzen, Essays, Gesprächen und Gedichten aus ihrer je spezifischen Perspektive, betten es in unterschiedliche Diskurse ein, stellen vielfältige Verbindungen her und bringen es in Kritik.20

Acht Jahre nach den geschilderten Ereignissen verfasst, unternimmt der vorliegende Essay den Versuch einer Evaluation der Intervention Margaret van Eyck – und legt dabei einen Fokus auf das (institutions-)kritische Potenzial buchförmiger Strategien des Publizierens, des Öffentlichmachens. Gestalten und Öffentlichmachen verstehe ich dabei als eng miteinander verwobene Praktiken, deren je spezifisches Zusammenspiel an der Hervorbringung von Realitäten beteiligt ist: Gestaltung bevölkert nicht nur den öffentlichen Raum (beispielsweise in Form von Plakaten), sie ist letztlich sogar an seiner Konstitution beteiligt.21

Das gedruckte Buch als Speicher und als Medium von Interventionen

„Intervenieren“ bedeutet, so der Duden, „vermittelnd [in einen Streit o.ä.] eingreifen, sich [als Mittler] einschalten“, aber auch „sich protestierend in bestimmte Vorgänge einschalten“.22 Die Publikation „Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study“ beansprucht beide Bedeutungsgehalte für sich: Indem sie eine als Protest konzipierte typografische Intervention (die ergänzende Um- bzw. Neubenennung der Jan van Eyck Academie) dokumentiert und kontextualisiert, macht sie diese losgelöst vom spezifischen, räumlich situierten Entstehungszusammenhang rezipierbar – und kann somit potenziell vermittelnd in Diskurse und Prozesse (wie etwa in der Einleitung beschriebenen) eingreifen.

Das Medium Buch, genauer gesagt das gedruckte Buch als „Raum-Zeit-Folge“,23 ist dafür in mehrfacher Hinsicht prädestiniert: Durch seine Speicherfunktion ist eine Verstetigung, ein Fortleben der ephemeren Intervention (vgl. Fußnote 10) gewährleistet; durch seinen multiplen Charakter (d.h. das Erscheinen in Auflage) wird eine weitläufige Zirkulation und Rezeption ermöglicht. Dies trifft umso mehr auf die beiden „Margaret van Eyck“-Bände zu, die bewusst so gestaltet sind, dass auf der materialästhetischen Ebene eingelöst wird, was Johanna Drucker wie folgt beschreibt: „Books […] have the power to introduce non-standard thought into the arena of public discourse through the Trojan horse of an ordinary appearance.“24 So wie sich die Vinylbuchstaben als „Virus“ begreifen lassen, der das allgegenwärtige visuelle Erscheinungsbild, die Identität der Akademie gewissermaßen mit ihren eigenen Mitteln (der typografischen Beschriftung) „infiziert“ hat, können auch die beiden Bücher eben jene Institution(en), die sie kritisieren, auf parasitäre Weise (nämlich als metaphorisches Trojanisches Pferd) „infiltrieren“25 – indem sie sich ihren Leser*innen als standardisierte, professionell produzierte, klebegebundene Taschenbücher präsentieren, welche die Konventionen des Buchhandels und buchbezogener Einrichtungen wie Bibliotheken und Archive bedienen. Auf diese Weise gelingt es den Büchern, unter dem sprichwörtlichen Radar zu bleiben und ‚durchzugehen‘: Ihre unscheinbare, gewöhnliche äußere Form versetzt sie in die Lage, institutionelle Schwellen und Auswahlprozesse zu überwinden und so ihre subversiven, kritischen Inhalte ungehindert in eben diese Institutionen einzutragen.26

Gleichzeitig ist dieser Prozess von bestimmten Phänomenen begleitet gewesen, die eine retrospektive Problematisierung des Projektes nahelegen. Durch die Publikation als gedrucktes Buch wird die programmatisch von radikaler Offenheit und produktiver Unbestimmtheit gekennzeichnete Intervention Margaret van Eyck widersprüchlicherweise in ein autoritatives mediales Korsett gezwängt, das wirkmächtig Legitimität verleiht, Objektivität signalisiert und (tendenziell) Komplexität(en) reduziert. Und auch die Intervention als solche ist nicht frei von problematischen Vereinfachungen: So wurde beispielsweise durch die unveränderte Übernahme der Auswahlkriterien bei der Namenswahl (s.o.) die Fortschreibung binärer Geschlechterkategorien betrieben und Weißsein als (zunächst) unbenannte Norm gesetzt.27 Zudem ist das gedruckte Buch weitaus weniger zugänglich als etwa unter Open-Access-Bedingungen publizierte PDFs, E-Books oder Hörbücher und kann auf unterschiedlichen Ebenen als exkludierend beschrieben werden: Um sich mit einem Buch überhaupt in der intendierten Art und Weise auseinandersetzen zu können, muss man zunächst (sofern es sich nicht um einen Band in Tastschrift handelt) sehend und in den meisten Fällen zudem alphabetisiert (also des Lesens mächtig) sein, sowie über die finanziellen Mittel verfügen, Bücher käuflich zu erwerben bzw. Zugang zu Einrichtungen haben, die sie gebührenfrei verleihen.28

Dennoch ist dem Publizieren (im Sinne des Öffentlichmachens mit buchgestalterischen Mitteln), wie sich am Beispiel des Projekts Margaret van Eyck gezeigt hat, ein institutionskritisches Potenzial zu eigen, das sich in der Doppelfunktion des Mediums Buch ausdrückt: Es kann gleichsam als Speicher bereits erfolgter Interventionen fungieren und – aufgrund seiner naturalisierten (d.h. weitgehend invisibilisierten) äußeren Form – selbst interventionistische agency erlangen. Dabei gilt allerdings zu beachten, dass dem erwähnten Potenzial Grenzen gesetzt sind: Das herkömmliche gedruckte Buch ist, anders als „der Mythos vom demokratischen Multiple“ (vgl. Fußnote 24) suggeriert, kein durch und durch barrierefreies Format, sondern – auch das hat sich am untersuchten Fallbeispiel gezeigt – es generiert Ausschlüsse und muss sich dem Vorwurf stellen, subversive Inhalte durch seine konventionelle Form zu „entschärfen“.

Ausgehend von diesen Betrachtungen, stellen sich zwei Fragen, die als Bewertungsmaßstab für den (gestalterischen) Umgang mit (künstlerischen) Interventionen gelten können: Wird die Dokumentation künstlerisch-gestalterischer Interventionen zum Selbstzweck (im Sinne einer weitestgehend entpolitisierten l’art-pour-l’art-Haltung) – also zu einer „passiven“, utilitaristischen Aufzeichnung bzw. oberflächlichen Stilübung ohne subversiven, emanzipatorischen Anspruch? Oder gelingt es ihr – in Form einer ‚aktiven‘, ja ‚aktivierenden‘ (weil ihrerseits intervenierenden) Dokumentation –, kritischer und selbstreflexiver Teil der dokumentierten Intervention zu werden?

Epilog

Ungeachtet dessen hat sich die feministisch und dekolonial motivierte Praxis der (Um-)Benennung öffentlicher Räume und Einrichtungen als Modus institutionskritischer Intervention zwischenzeitlich weiter etabliert. Zu den jüngeren Beispielen zählt etwa der Fall des Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW): Im Juni 2023 gab das HKW unter der Überschrift „Andere Geschichten schreiben“ bekannt, dass die Institution ihre Räume anlässlich der Wiedereröffnung unter dem neuen Intendanten und Chefkurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung „einer Reihe von Frauen aus verschiedensten Welten“ widmen würdeAbb. 5, von denen viele „aus der kollektiven Erinnerung getilgt oder marginalisiert“ worden seien.29 Welche langfristigen Effekte diese Intervention zeitigen wird und welche Formen des Publizierens dabei eine Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten.

Literaturverzeichnis

Adema, Janneke / Hall, Gary: The Political Nature of the Book: On Artists’ Books and Radical Open Access, in: New Formations, Bd. 78, 2013, S. 138–156.


Burckhardt, Lucius: Der kleinstmögliche Eingriff [1982], in: Ritter, M. / Schmitz, M. (Hg.): Lucius Burckhardt. Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung der Planung auf das Planbare, Berlin: Martin Schmitz Verlag, 2013, S. 167–174.


Carrión, Ulises: Die neue Kunst des Büchermachens (Übersetzung: Kretschmer, H.), in: Wolkenkratzer. Frankfurter Kulturelle Anzeigen, Jg. 2, Nr. 3, 1982, S. 35–36.


Drucker, Johanna: The Myth of the Democratic Multiple [1997], in: dies.: Figuring the Word: Essays on Books, Writing, and Visual Poetics, New York: Granary Books, 1998, S. 175–183.


Dudenredaktion (Hg.): Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in sechs Bänden, Mannheim (u.a.): Dudenverlag, Bd. 3 (G-Kal), 1977.


Eggers, Maureen Maisha et al. (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland (2. Aufl.), Münster: Unrast Verlag, 2009.


Kunstinstituut Melly (Hg.): Melly TV Episode 1: Kwetsbaarheid | Vulnerability, 2021. Abgerufen am 5.8.2025 von https://youtu.be/CDTXyvs26JE.


Murphy, Kevin / O’Driscoll, Sally: Introduction: „Fugitive Pieces“ and „Gaudy Books“: Textual, Historical, and Visual Interpretations of Ephemera in the Long Eighteenth Century, in: dies. (Hg.): Studies in Ephemera: Text and Image in Eighteenth-Century Print, Lanham: Bucknell University Press, 2013, S. 1–30.


o. V.: Andere Geschichten schreiben: Zur Benennung der Räume am HKW, 2023. Abgerufen am 5.8.2025 von www.hkw.de/the-house/the-building/resignifying-hkw.


Pater, Ruben: The Politics of Design. A (Not So) Global Manual for Visual Communication [2016] (4. Aufl.), Amsterdam: BIS Publishers, 2018.


Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume One: Research, Interventions, and Effects), New York: Peradam Press, 2018a.


Verleger, Hagen (Hg.): Margaret van Eyck – Renaming an Institution, a Case Study (Volume Two: Comments, Contexts, and Connections), New York: Peradam Press, 2018b.


von Borries, Friedrich / Recklies, Mara: IUI. Propädeutik der Intervention, Leipzig: Merve Verlag, 2017.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Screenshot, https://youtu.be/CDTXyvs26JE, 2025.

Abb. 2: © Hagen Verleger, 2018.

Abb. 3: © Hagen Verleger, 2017.

Abb. 4: © Hagen Verleger, 2017.

Abb. 5: Screenshot, https://www.hkw.de/the-house/the-building/resignifying-hkw, 2025.

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Kurzvita

Hagen Verleger (er/ihm)

lebt in Berlin und ist als Buchgestalter für Künstler*innen, Kulturinstitutionen und Verlage tätig. Als Dozent an Kunst- und Designhochschulen bietet er Seminare u.a. zu ideologie- und diskriminierungskritischen Perspektiven auf Grafikdesigngeschichte(n) an. Seine künstlerische und forschende Arbeit setzt sich mit Machtstrukturen innerhalb von Institutionen, Formen kollektiver Autor*innenschaft und der Materialität von Schriftlichkeit auseinander.

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