Dazwischen Design
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Dazwischen Design
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Ein spezifischer Zustand des Dazwischen prägt das Leben von Millionen von Menschen in Deutschland, deren Bleiberechtsstatus ungeklärt oder prekarisiert ist. Wie kann Design in Lebenswelten eines (entkoppelten) Dazwischen aktiv werden und versuchen, Bruch- und Schnittstellen zu identifizieren, zu unterstützen und möglicherweise vorzuschlagen? Dieser Text ist der Versuch, Erfahrungen eines Dazwischen-Gehens zu beschreiben, Design als Handlungsform des Übergangs einzubinden und – wo möglich – als relationale Praxis Verbindungsformen in Zwischenräume zu tragen und diese zu testen. Lösungen sind hierbei kaum zu erwarten.
A _ Da
In zehn Stockwerken eines ehemaligen Wohnheims in Berlin Lichtenberg leben ca. 300 Menschen temporär zusammen. Viele kommen aus der Republik Moldau und Rumänien. Ca. 100 Jugendliche und Kinder sind hier einquartiert. Auch für sie hat der Winter-Abschiebestopp, der bis Ende Februar durch die Berliner Innenverwaltung galt, Konsequenzen. Denn „Im Winter soll auf Abschiebungen verzichtet werden, wenn Witterungsverhältnisse dies humanitär gebieten“1, so die innenpolitische Begründung.
Der Begriff „Abschiebestopp“ in Kombination mit einem Enddatum impliziert, einen beständig laufenden Prozess temporär zum Halt zu bringen – um ihn im Folgenden zu einem gesetzten Zeitpunkt ggf. wieder aufzunehmen. Die zeitlich begrenzte Nicht-Abschiebung wirkt so wie ein organisatorischer Sonderfall mit einem definierten, planbaren, vorhersehbaren Ende. Migration – immer ein Prozess des Übergangs – wird hier von den Fluchtgründen und Bedingungen entkoppelt, entpolitisiert und organisatorisch an den Lauf der Jahreszeiten bzw. an Witterungsverhältnisse gekoppelt. Das geschaffene Dazwischen wird unausweichlich konstruiert.
„When is the border?“, fragen die Aktivist*-/Theoretiker*innen Bridget Anderson, Nadita Sharma & Cynthia Wright im Editorial zum Refuge Magazin Volume 26 mit dem Titel „Why No Borders“: „Temporal aspects of migration and their consequences can pass unnoticed by scholars, but they structure people’s experiences of borders and, increasingly, state responses to migration.“2 Die Möglichkeit, eine Zukunft zu denken, zu planen, sich Alternativen vorzustellen, abzuwägen und Risiken einzugehen, um Möglichkeiten zu verfolgen, werden im Text als grundsätzliche menschliche Bedürfnisse abgebildet. Restriktive Migrationspolitik zwinge geflüchtete Menschen in einen unendlichen Moment, der sie von ihrer Möglichkeit der Planung entkoppelt ([…] „they can force people to live in an eternal present.”3 ).
Die Autor*innen beziehen sich auf den französischen Philosophen Étienne Balibar, der Grenzen wie folgt beschreibt: „Borders exist not only at the edge of the territory, marking the point where it ends but have been transported into the middle of political space.“4 und „Borders follow people and surround them as they try to access paid labour, welfare benefits, health, labour protections, education, civil associations, and justice.”5
Die AWO betreibt die Unterkunft in Lichtenberg, genannt Refugium. Der Berliner Senat finanziert sie. Die Flure sind leer, manche Tapeten fallen ab, im Eingangsbereich weht Flatterband in einem leeren Türrahmen (eine stabilere Blockade ist nicht möglich, da bei den häufigen Feueralarmen der Fluchtweg frei bleiben muss, wird uns erklärt). Uns wird gesagt, die Alarme erklängen deshalb so häufig, weil Menschen in ihren Wohnräumen kochten. Im Erdgeschoss existiert nur eine offene Küche. Aufgrund der hohen Auslastung wird Essen oft geliefert und in Aluschalen ausgegeben. Gemeinschaftsflächen sind hier rar. Ein bunter Kinderbereich wird halbtags betreut. Für Jugendliche gibt es einen Raum mit Boxsack, Playstation und Bastelecke im 5. Obergeschoss. Dort finden auch ab und zu Sprachkurse statt oder Mitarbeitende wärmen ihr mitgebrachtes Essen auf.
Die Aufenthaltsdauer der Familien variiert zwischen wenigen Tagen und mehreren Monaten. Richtig ankommen will hier niemand. Die Menschen sind auf der Durchreise. Manche werden nach Ende des Abschiebestopps zurückgeschickt, andere werden weiterziehen. Schulausbildung und Arbeit sind für sie pausiert. Der weitere Bleiberechtsstatus ist oft ungewiss.
Die Menschen, die in dem sogenannten Refugium Zeit verbringen, leben in einer spezifischen Situation des Dazwischen. Sie haben ihre Herkunftssituation hinter sich gelassen, sind aber noch nirgends angekommen. Ihr Bleiberechtsstatus und der Zugang zu Bildung, Infrastruktur und Arbeit sind in Berlin juristisch eingeschränkt. Sie leben temporär am Rand einer Stadt in einem Land, das sie (vorerst) nicht als vollwertig anwesend definiert. Gesellschaftlich zwischen Sprachen, Rollen und Lebensphasen. Räumlich zwischen industriellen Nutzflächen und Achsen des Pendelverkehrs – irgendwie deutlich am Rand einer undeutlich definierten Mitte; Kinder und Jugendliche mehr noch als ihre erwachsenen Familienmitglieder, zudem noch zwischen Entwicklungsphasen, Identitätsbildung und Lebensentscheidungen.6
B _ Zwischen / Schritte
Der Begriff der Intervention beschreibt ein Gehen in ein Zwischen. Inter – Zwischen – und venire – gehen/schreiten. Wir begannen im Oktober 2022 mit den partizipativen Designworkshops unter dem Titel Solidarische Design Stationen [SDS] – Kiezveränderer*innen im AWO-Refugium. Im März 2023 fand die Ausstellung der Ergebnisse an der Volksbühne Berlin statt. Bereits zu Projektbeginn war ungewiss bis unwahrscheinlich, ob die Menschen, mit denen wir einen Designprozess entwickeln wollten, zur Ausstellungseröffnung noch da sein würden.
Mit den Workshops verfolgten wir als Kollektiv criticalform7, bestehend aus Anis Looalian, Felix Schreiber, Sebastian van Vugt und mir, den Ansatz in räumlichen, organisatorischen und zeitlichen „Dazwischen“ Design als Methode für einen gemeinsamen Prozess zu denken, der das Zwischen-Den-Dingen-Sein als Möglichkeitsraum begreift. Wie kann Dazwischen ein produktiver Raum sein? Und: Wie können wir als Designer*innen in diesem Dazwischen aktiv sein? Welche spezifischen Herausforderungen stellen Dazwischen – gedacht als vielschichtige, sozialpolitisch marginalisierte Kontexte – an gestalterische Praxis? Was brauchen wir, um gemeinsam zu gestalten?
Über ein 5-Schritte-Protokoll luden wir ein, gemeinsam zu gestalten.
1. Sammeln (Was soll gestaltet werden?)
2. Zeichnen (Wie könnte eine Idee aussehen?)
3. Modellieren (Welche Proportionen und Materialien sind denkbar?)
4. Planen (Was wird gebraucht und ist der Entwurf umsetzbar?)
5. Umsetzen (Gemeinsam bauen)
+ feiern.
Zum ersten Termin suchten und benannten wir gemeinsam eine Nische oder einen Bereich in den Räumen und strukturierten sie als Designstudio. Hier konnten Ideen gesammelt und entwickelt werden. In verschiedenen Sprachen druckten und klebten wir diese aus, entwarfen Zeichnungen und Modelle, machten Listen, bestellten Material und setzten Veränderungen um. Die meisten davon blieben bis zuletzt Zwischenlösungen und Prototypen.
Im Wintersemester 2022/23 arbeitete noch vor der Ausstellung eine Gruppe aus den gestalterischen Grundlagen8 im Format „Gemeinsam Gestalten“ der Studiengruppe Informationsdesign (SI) mit uns zu den Fragestellungen in der AWO und den [SDS]. Im Mai 2024 wurde mit dem Kiosk of Solidarity eine Folgeumfrage zu Gestaltungsansätzen zu den umgebenden Grünflächen durchgeführt und Ideen gesammelt. Für den Sommer 2025 sind prototypische Interventionen weiterer Ansätze geplant.
C _ Strukturgebende Verfahren des Dazwischen
Was macht Dazwischen aus? Wie steht es zwischen Zuvor und Danach? Zur Beschreibung der Relationen, die ein Dazwischen bilden, müssen die Rahmenbedingungen – also das Vorher und Nachher im Falle des zeitlichen Dazwischen und das Neben im Falle räumlicher Beziehungen – umrissen werden. Hierfür lohnt es sich, zwei mögliche Beziehungsformen, die als Dazwischen bezeichnet werden können, zu umkreisen.
V1 _ relationales DazwischenGrafik 1 _relationales Dazwischen9
Der Übergang eines Vorher zu einem Nachher ergibt sich über eine Übergangsphase von Gegenwart/Jetzt. Das Vorher wird durch relative Systemstabilität und Balance gekennzeichnet. Das System steht mit den es bildenden Strukturen so in Verbindung, dass ein relatives und kontextbezogenes Gleichgewicht besteht. Systemimmanente Veränderungen können durch Bezüge auf die Sub-Systeme ausbalanciert werden. Wird ein System durch interne oder externe Verschiebungen zur Veränderung bewegt, deutet sich der Übergang in ein Dazwischen an. In diesem Stadium ist das System tendenziell offener als im Zustand der Vorher-Balance. Es muss durch Such- und Adaptionsbewegungen neue Beziehungen in Betracht ziehen, um wieder in Balance zu kommen. Die erhöhte Relationsfähigkeit geht mit der Chance auf Wachstum, aber auch mit dem Risiko eines Strukturverlusts einher. Oder anders: Die gesteigerte Plastizität geht mit der Veränderungsverletzlichkeit einher. Ob diese Veränderung nun als produktiv und gewinnbringend betrachtet werden kann, hängt von den erkennbaren Möglichkeiten zu Wachstum und erneuter Strukturbildung – dem Lernen – ab. Sofern in Übergängen die Aussicht auf proaktive Anpassung besteht, kann ein Dazwischen also vielversprechend sein.
Das relationale Dazwischen ist in stetiger Verbindung, lernend und projizierend aktiv und kann die Chance zur Veränderung eigenständig umsetzen und folglich in einen Zustand der Nachher-Balance gelangen.
V2 _ entkoppeltes DazwischenGrafik 2 _entkoppeltes Dazwischen10
Die prekarisierte Form des Dazwischen, in dem es an Verbindungen zu Zugängen mangelt, zeichnet sich im Kontrast zum relationalen Dazwischen durch unterbrochene Verbindungen aus. Möglichkeiten zur Systemstabilisierung befinden sich nicht im Einzugsradius des destabilisierten Systems. Dies kann an der Unterschiedlichkeit der Zugangsmodi (Sprache, Kulturpraxis, Kaufkraft etc.) festgemacht werden oder auch an räumlichen Nicht-Beziehungen, also der Entfernung der Verbindungsmöglichkeiten von Räumen (Wohnen am Stadtrand oder in vorbelasteten Stadtteilen, wenig Zugang zu öffentlichen Flächen, etc.). Das entstandene Dazwischen wird in seinem Übergang festgehalten, in einem Zustand der Unsicherheit stabilisiert und an der Neufindung einer plausiblen Balance hindert. Die Entfernung zu Ressourcen wie Bildung, sozialem Austausch oder sinnstiftender Arbeit entkoppelt das System von einem produktiven Empfinden eines Danach und lässt es unverbunden im Ungewissen treiben.
Die Entkopplung findet strukturell auch durch das Schaffen und Organisieren klar definierter Funktionsräume statt – wie zum Beispiel der Essensausgabe. Diese löst zwar das Problem der Grundernährung, passiviert jedoch die Bedürfnisse der auf Unterstützung angewiesenen Menschen. Essen wird verteilt und nicht selbst gemacht. Es wird für das Nötigste gesorgt, jedoch auf Kosten von Teilhabe, Mitsprache, Einflussnahme, eigenem Tun und dem Zugang dazu. Kollektivmitglied Sebastian van Vugt drückt es in unserem SDS-Bericht mit folgendem Satz aus: „Die hegemoniale Strategie zielt mitunter auf die Passivierung der untergebenen Subjekte ab.“11
Die strukturgebenden Verfahren des passivierenden Dazwischen sind nicht grundsätzlich von Hilfsangeboten zu unterscheiden und lassen sich am besten durch ihre Reduktion an Handlungsmöglichkeit beschreiben. Die organisatorische Silhouette des entkoppelten Dazwischen wird durch Nicht-Anwesenheiten und Unmöglichkeiten erkennbar. Es gibt im Stadium des entkoppelten Dazwischen keine umfassende Planbarkeit, keine Aussicht auf Zugang zu Bildung und Infrastruktur, keine direkte Nähe zu Austausch, Mitsprache oder produktivem Wirken auf Strukturebene. Die bestehenden Unterschiede des Davor und des erhofften Danach werden nicht als Ressource oder Chance beschreibbar, sondern treten als Risse und Brüche in Erscheinung, die nicht überbrückbar scheinen.12
D _ Dazwischen Design / Die Gestaltung von Bezügen
Das Entwerfen von Bezügen und Verbindungsformen zeichnet Design als Handlungsform des produktiven Übergangs aus. Veränderungsmomente als potenziell positiv zu werten, ist eine der Grundannahmen gestalterischer Praxis. Selbst wenn es sich um kritische Praxis handelt, geht diese zumindest davon aus, dass es sich lohnt, überhaupt etwas Anderes oder Neues zu entwerfen.
Das zeitliche und räumliche Dazwischen von Erstaufnahmezentren am Stadtrand ist als System durch seine Entkopplung weniger verbunden als ein relationales System. Diese Entkopplung zu benennen sowie neue mögliche Verbindungen zu beschreiben, zu verhandeln und vorzuschlagen, kann Designpraxis sein. Und:
„Trennungen als Möglichkeiten der Verbindungen ernst zu nehmen, nicht als immerwährend und unüberbrückbar13 “, sollte Aufgabe professionellen und experimentellen Entwerfens werden, welches Probleme als Aufforderungen und nicht als Hindernis identifiziert. Folglich sollten auch das Denken und Verhandeln von Detail- und Zwischenlösungen als wertvolle Richtungsimpulse begriffen werden.
Unsere Rolle als gestaltende Gäste und Einladende zur Gestaltung im Prozess der [SDS] war so auch der Versuch, uns in spezifischen Dazwischen zu positionieren, um mögliche Verbindungslinien zu zeichnen – durch Bezugssetzungen zwischen sozialer Reibung und Kulturarbeit, zwischen Gestaltungspraxis und den Alltagserfahrungen von Exklusion. Die Foren kunstnaher Ausstellungsräume von Kunsthochschuldiskursen, aktivistischen Netzwerken, potenziellen Bildungsträgern und Praktikumsplätzen für die Jugendlichen sollten sich berühren und der spürbare und denkbare Verbindungshorizont durch neue Denkfiguren – primär für die teilnehmenden Jugendlichen, aber auch andere Entwerfende – beschrieben werden.
Design als interventionistische Praxis bietet die Chance, gesellschaftliche Felder miteinander in Beziehung zu setzen. Es schafft Oberflächen, Berührungsbereiche und Spiegelungen durch die Konstruktion von offenen Fragen und offenen Antworten. Es löst damit nicht – oder zumindest selten – wirklich Probleme, sondern löst bestenfalls Diskussion aus und stellt Fragen. Es öffnet Diskurs- und Handlungsräume und schafft Schnittstellen, die nicht organisatorisch sind, sondern symbolisch und kommunikativ organisiert werden.
Mit Design (Da)Zwischensphären zu entdecken, zu beschreiben und in ihnen aktiv zu werden ist aufregend, meist unkomfortabel, vielschichtig, wirr und manchmal aufschlussreich. Die Suche nach den Verbindungspunkten lohnt sich. Dazwischen ist überall, aber manches deutlich mehr.
Literaturverzeichnis
Anderson, B., Sharma, N., & Wright, C.: Editorial: Why No Borders? Refuge: Canada’s Journal on Refugees, 26(2), 2011, S. 5–18. https://doi.org/10.25071/1920-7336.32074
Étienne Balibar, We, the People of Europe? Reflections on Transnational Citizenship.Princeton University Press. Princeton and Oxford 2004.
rbb24 Inforadio, Berliner Asylbewerber werden bis Ende Februar nicht abgeschoben. Abgerufen am 22.12.2023 von https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2023/12/berlin-abschiebestopp-ausreisepflichtige-asylbewerber.html
Simmel, Georg: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Duncker & Humblot. Berlin 1908.
van Vugt, Sebastian: Erodierende Aneignung, Projektbericht Solidarische Design Stationen, criticalform 2023.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 3:
Keiler, Monika (Hg.): Kiosk of Solidarity Berlin, TT.MM.JJJJ, Foto.
Abb. 8:
Egle, Felix (Hg.): Relationales Dazwischen, eigene Grafik, TT.MM.JJJJ.
Abb. 9:
Egle, Felix (Hg.): Entkoppeltes Dazwischen, eigene Grafik, TT.MM.JJJJ.