Editorial
von
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Interventionen prägen unsere Lebensrealitäten überall – in Stadträumen, Institutionen, Diskursen, Ökosystemen. Besonders Design möchte eingreifen. Es möchte ordnen, formen, Bedeutungen prägen und verschieben. Kaum ein Begriff scheint daher so anschlussfähig, so verheißungsvoll und zugleich so abgegriffen wie die „(gestalterische) Intervention“. Sie verspricht Tatkraft und Bewegung, Hoffnung und Emanzipation, (ent-)wirft jedoch hinter sich stets auch den Schatten des eigentlichen Eingriffs. Denn wer interveniert, verändert.
Der Begriff hat eine lange und diverse Geschichte. Bereits im 3. Jahrhundert n. Chr. taucht er im juristischen Kontext auf,1 im 17. Jahrhundert wird er im französischen Sprachraum erstmals im Zusammenhang mit militärischen Auseinandersetzungen prominent genutzt.2 Im Ringen um Macht und Einfluss in Europa und im Zuge kolonialer Besitznahme wurde er im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend politisiert.3 Ab den 1980er-Jahren eignen sich politische Akteur*innen den Begriff als Bezeichnung widerständiger Aktionen und Ausdruck von Selbstbestimmung an. Von hier aus fand die Intervention langsam ihren Weg ins Design, wo sie seither Konjunktur hat.4 Da die Grenzen traditioneller Entwurfsprozesse weitgehend ausgereizt sind, scheint der Weg der Intervention ein vielversprechender – einer, der mit Reproduktion und Solidarität wirbt.5
Das gezielte Intervenieren in vorhandene Systeme wurde als Werkzeug des Eingreifens mit utopischem Potential gedacht.6 Die sozialen, kulturellen, urbanen, technologischen, politischen, epistemischen und ökologischen Facetten dieses Eingreifens eröffneten Gestalter*innen neue Handlungsmöglichkeiten. Angesichts der sich langsam durchsetzenden Überzeugung, dass Gestaltung immer auch Schaden produziert,7 bot die Intervention als Methode Gestaltenden die Möglichkeit, eine positiv verstandene Deutungshoheit über ihr eigenes Tun zurückzuerlangen und gleichzeitig ein schützendes Selbstverständnis aufzubauen. Ein Refugium für die hochmotivierten Designer:innen bzw. Interventionist:innen sollte seinerzeit das „mehr oder minder fiktive“ Institut für urbane Intervention (IUI) bieten, das im Kontext des Forschungsprojekts „Urbane Interventionen“8 erdacht wurde.
Dieses Institut sollte ein Ort für Idealist:innen sein, welche die Welt verbessern wollen und hier nicht belächelt, sondern für ihren Idealismus gefördert und geschätzt werden. Hier als auch in mehreren Publikationen9 wirft der im Kontext des Forschungsprojekts eher unkritisch bejubelte ästhetische Zugriff in andere Lebensrealitäten Fragen nach einer Überheblichkeit des Designs auf, wenn er im großmaßstäblichen Modus der „Weltverbesserung“ operiert. Demgegenüber steht eine machtkritische Betrachtung von Design, die seine Position in gesellschaftlichen Hierarchien reflektiert. Muss man dann nicht zum Schluss kommen, dass eine „radikale Intervention unwahrscheinlich sei“?10
Design, gepaart mit dem Begriff der Intervention, oszilliert zwischen den Polen Weltverbesserung und Selbstkritik. Was ist also aus ihr geworden, der großen Utopie des Systemwechsels, durch den einen geschickt platzierten, „kleinstmöglichen“11 oder „umfassenden“12 Eingriff? Dazu haben wir Anfang 2025 in einem Open Call zu Beiträgen aus Kunst, Design, Architektur und Wissenschaft aufgerufen und Einreichungen über eine Bandbreite von mehr als 50 Positionen erhalten – hauptsächlich aus dem deutschsprachigen, aber auch aus dem internationalen Raum, weshalb einige Texte auf Englisch erscheinen. Wir freuen uns, 20 dieser Einreichungen zusammenführen und mit dieser 12. Ausgabe des Neuwerk, dem Magazin für Designwissenschaften, erscheinen lassen zu können.
Die Redaktion begrüßte insbesondere Beiträge, die sich aus intersektionaler und/oder marginalisierter Perspektive dem Thema annähern. Uns war es darüber hinaus wichtig, einen Raum für das Aufeinandertreffen verschiedener Wissenspraktiken zu öffnen: So lassen sich neben klassischen akademischen Texten (wie des Beitrags des kalifornischen Anthropologen Keith M. Murphy) auch künstlerisch-gestalterische Forschungen (wie beispielsweise die Protokollserie der Typografinnen Susanne Beck und Anna Lena von Helldorff), Fotostrecken oder poetische Positionen (wie die Garteninterventionen „Windswept“ der Fotografin Sasha Velich oder der „Walze“ von Luise Schuhmann) im Heft finden. Die Unterstützung von Transdisziplinarität gehört also gleichfalls zum Selbstverständnis der Redaktion, wie der Versuch, auch nicht-akademische Wege der Wissensproduktion aufzugreifen.
Eine Kategorisierung der eingereichten Werke offenbart verschiedene Perspektiven auf den gestalterischen Interventionsbegriff, die wir exemplarisch vier Dimensionen zugeordnet haben, die auch die Kapitelstruktur dieses Heftes prägen: 1. Aktionen und Allianzen, 2. Spuren und Schichten, 3. Risse und Resonanzen und 4. Artikulationen und Anmutung. Das Ergebnis ist ein Sammelsurium aus Positionen, das die Wirkungsfelder der Interventionen aufzuzeigen und durch eine Gegenüberstellung von Beiträgen die tatsächlichen Wirk(un)mächtigkeiten zu befragen versucht. Denn wir haben Fragen. Fragen an unsere Disziplin, Fragen an die Hochschule, Fragen an unsere Ausbildung, Fragen an die Praxis, Fragen an normalisierte Vorstellungen unserer Branche, Fragen an uns selbst. Diese Ausgabe ist keine Bibel, die diese Fragen monolithisch zu beantworten versucht. Aber sie stellt sie und fechtet damit an, was wir in der gestalterischen Intervention als emanzipatorische Praxis jahrelang – wir glauben: viel zu unbefragt – bejubelt haben.
In Aktionen und Allianzen halten Felix Egle, Alex Römer von Constructlab, Moritz Ahlert vom Kiosk of Solidarity, Melina Haseleu, Constanze Lorenz, Josephine Dishoni und Jasmin Schauer dagegen und beschreiben, wie Interventionen Teilhabe für Bürger*innen im öffentlichen Raum ermöglichen. Felix Egle berichtet dabei von transdisziplinären Workshops in temporären Berliner Refugien, die den Zustand des Dazwischenseins gestalterisch aufarbeiten. Alex Römer zeigt mit dem Vergleich unterschiedlicher partizipatorischer Projekte des Netzwerks Constructlab, dass die Intervention auch eine nahbare Seite hat, die anpassungsfähig und einfühlsam mit menschlichen Bedürfnissen agiert – ganz nach dem Prinzip der „Soft Interventions“. Moritz Ahlert und Melina Haseleu verarbeiten Erfahrungen, die mit dem Kiosk of Solidarity – einem Interventionsprojekt in Berlin – gemacht wurden und befragen sich selbst und den Kiosk: Inwiefern kann Solidarität Teil des öffentlichen Raums werden und bei Projekten wie dem Kiosk ganzheitlich in der Planung mitgedacht und umgesetzt werden?
Auch in Spuren und Schichten formulieren Luise Schuhmann und Monica Tușinean alternative Blickwinkel auf die gestalterische Intervention. Ja, es gibt sie, die Leerstellen im System. Diese Stellen gilt es aber nicht zu füllen und zu bebauen, um die Brüche unserer Stadtoberflächen zu glätten, wie Luise Schuhmann in ihrem Beitrag „Die Walze“ berichtet. Vielmehr sollten diese Leerstellen als raumöffnende Maßnahmen für Solidarität und Austausch genutzt werden, wie bereits im Kapitel Aktionen und Allianzen ausgeführt wurde. Und Monica Tușinean sieht in ihnen sogar eine Möglichkeit der „Protection through Intervention“. Zudem haben wir am 20. Juni 2025 einen Roundtable mit Akteur*innen aus Halle und der umliegenden Region geführt, der die lokalen Handlungs- und Wirkungsweisen der Interviewten – Lori Hartleb und Hans Henninger von Gesellschaftsdenken e. V., Sandy Kaltenborn, Maike Fraas, Julie Ternus und Lena Stüber sowie Ni Yang – befragt. In einem Multilog, co-moderiert von Lena Beetz (im Interview Leni) und Christian Dietz (im Interview Chris), verdeutlichen Lori und Hans, dass Intervention eine Begegnung auf Augenhöhe – wie es der Fall beim Projekt „Auf die Plätze, Fertig, Los“ war – werden kann, während Sandy Kaltenborn beharrlich anmerkte, dass eine von außen stammende Intervention in soziale Gefüge häufig in engem Zusammenhang mit klassistischen Strukturen stehe, die zu oft unreflektiert bleiben. Maike Fraas berichtete auch von Lobbyarbeit, die sich in Projektzusammenhängen zwangsläufig ergeben. Mit dem Verein Kaleidoskop Südpark ist sie in der Hallenser Neustadt aktiv. Julie Ternus und Lena Stüber geben Einblicke in das Projekt Schwunginsel, das ebenfalls in Halle Neustadt angesiedelt war. Außerdem berichtet Ni Yang, welche Herausforderungen sein Projekt „HaNeu Fashion“ in sich barg, bei dem er gemeinsam mit Jugendlichen Taschen entwickelte.
In Risse und Resonanzen eröffnet Justine Ohlhöft „Räume eines produktiven Unbehagens“, indem sie der heutigen liberalen demokratischen Politik unterstellt, zunehmend unter Druck der rechtsextremen Bewegung zu gelangen, die das gesellschaftliche Unbehagen ästhetisch kanalisiert und Alternativen zum Status Quo schafft. Deshalb scheint es ihr mehr oder minder notwendig, dass demokratische Akteur*innen ästhetische Interventionen kreativ nutzen, um demokratische Strukturen zu schützen und gesellschaftliche Selbstvergewisserung zu ermöglichen. Hagen Verleger – Buchgestalter, Dozent und Designforscher – blickt zurück auf acht erfolgversprechende Jahre des „Renamings“ und beschreibt in seinem Beitrag, wie Publizieren selbst zur institutionskritischen Intervention werden kann. Anhand der „Margaret van Eyck Academie“ verdeutlicht er, wie ein minimaler, typografischer Eingriff – die ergänzende Umbenennung von Werkstätten und Laboren der „Jan van Eyck Academie“ – ambige Zustände erzeugt, dominante Namenspolitiken irritiert und feministische wie dekoloniale Perspektiven einschreibt. Verleger analysiert zudem, wie das Medium Buch mit all seinen gestalterischen Implikationen als Speicher und zugleich als „Trojanisches Pferd“ funktioniert: Es dokumentiert nicht nur Interventionen, sondern kann mit seiner scheinbar neutralen Form Institutionen infiltrieren und kritische Inhalte zirkulieren lassen. Lena Würsching thematisiert ein Projekt der Studiengruppe Informationsdesign an der Burg Giebichenstein, das im Kontext des antirassistischen Lern- und Erinnerungsortes Keupstraße in Köln verortet ist. Die Intervention „Der Kampf um das Mahnmal ist das Mahnmal“ versteht Gestaltung als politisch-ethische Praxis: Sie macht Machtverhältnisse und strukturelle Ungleichheiten sichtbar, zentriert die Stimmen der Betroffenen und positioniert Design als aktives Instrument kritischer Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Transformation. Janaina Pessoa vom Sonderforschungsbereich „Intervenierende Künste“ der FU Berlin führt in die vielschichtige Welt von Denilson Baniwa ein. Sie zeigt, wie der indigene Künstler durch Eingriffe in koloniale Bildarchive, hybride Skulpturen wie Barbie/Ritxoko oder Performances wie „Pajé Onça hackeando a Bienal“ westliche Wahrnehmungsmuster irritiert und indigene Perspektiven sichtbar macht. Pessoa macht in „Relationale Interventionen“ deutlich, dass Baniwas Arbeiten nicht nur künstlerische Experimente, sondern gezielte künstlerisch-gestalterische sowie stets politische Interventionen sind.
Abschließend führen Elsa Westreicher, Anna Erhard und Florian Bremer in Artikulationen und Anmutung die Debatte auf eine Metaebene, wenn sie über das Wissen schreiben, das durch die gestalterische Intervention hervorgebracht wird oder in das hinein sie mit befragendem Gestus arbeitet. Elsa Westreicher, Grafikdesignerin und Designresearcher zwischen Berlin, Halle und Kinshasa, befragt dazu in „minor gestures“ Erin Mannings gleichnamiges Konzept und versucht zu erfassen, wie sich Gestaltung von der Figur des heroischen Einzelgenies löst und als transindividuelle Praxis des Werdens begreifen lässt. Westreicher verknüpft gestalterische Theorie und verkörpertes Wissen, um Entwerfen als politische Haltung zu beschreiben, die gegen modern-koloniale Paradigmen arbeitet, subtile Verschiebungen im „major“ provoziert und neue Praxisökologien ermöglicht. Anna Erhard untersucht, wie soziologische Raumtheorien die Konzeption gestalterischer Interventionen prägen können. Ausgehend vom spatial turn versteht sie Raum als prozessuales Gefüge sozialer Relationen. Mithilfe der Rhizom-Theorie von Deleuze/Guattari und Spivaks postkolonialem Konzept der Subalternität wird gezeigt, dass Interventionen nicht nur räumliche Eingriffe, sondern auch reflexive Praktiken sind: Sie hinterfragen Machtverhältnisse, erzeugen neue Sichtbarkeiten und initiieren Lernprozesse für alle Beteiligten. Florian Bremer entwickelt in seinem Beitrag „Design als Intra-vention“ auf Basis von Karen Barads agentiellem Realismus ein Verständnis von Gestaltung als Teilhabe statt Eingriff. Anstelle von Inter-vention – dem Eingreifen von außen – beschreibt Intra-vention die Mit-Hervorbringung von Welt durch Beziehungen, Materie und Bedeutung. Design wird hier als relationaler, verantwortlicher Prozess begriffen, in dem Unterbrechung nicht Störung, sondern Möglichkeit und ethisch-materieller Akt der gemeinsamen Wirklichkeitsbildung ist. Der amerikanische Anthropologe Keith M. Murphy schließt das Heft mit dem „Papanek Glitch“ ab, indem er der Vorstellung, dass nur bestimmte, ideologisch begründete Projekte als Design-Interventionen gelten – nämlich meist solche, die es von sich selbst behaupten und sich damit selbstbestimmt einen progressiven Wert zuschreiben – aus anthropologischer Perspektive die Annahme gegenüberstellt, dass in Wahrheit jedem Design ein interventionistischer Kern innewohnt. Design tritt laut Murphy stets zwischen Menschen und ihre Welt und formt so ihre Erfahrungen und Zugänge. Wenn die Intervention tatsächlich so eine grundlegende Eigenschaft von Gestaltung ist, was wird dann aus all den Projekten, die im Namen des sozialen Impacts einen interventionistischen Ansatz von sich behaupten? Murphy sieht in dieser Einsicht eine besondere Verpflichtung von Designer*innen zu einer kontinuierlichen – und nicht optionalen – ethischen Verantwortung ihrer Arbeit.
Die Redaktion des Neuwerk Magazins für Designwissenschaften setzt sich zusammen aus Studierenden des Masterstudiengangs Design Studies der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Diese 12. Ausgabe editierten Lena Beetz, Christian Dietz, Miriam Hantzko, Aaron Wunner und Miriam Zimmermann mit großer Freude. Das Editorial verfassten Lena Beetz, Christian Dietz und Miriam Zimmermann. Nun wünschen wir Ihnen ebenso große Freude bei der Lektüre!