Spatial noise
Beiträge aus der soziologischen Raumtheorie zur Konzeption von Interventionen
von
Spatial noise
Beiträge aus der soziologischen Raumtheorie zur Konzeption von Interventionen
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Interventionen sind Eingriffe in einen Raum. Für Planung, Intention und inhärente Hoffnung auf Veränderung der Intervention sind unsere Grundannahmen über den Raum basal. Dabei setzen wir die Prämissen, wie wir den Raum als Gefüge annehmen, oft implizit voraus. In politisch-sozialen Debatten ist zwar von „Raum“ die Rede (bspw. „Schutzräume“, „Räume eröffnen“, etwas Raum geben, …), doch die Definition von „Raum“ bleibt unscharf.1 Die Annahme, dass die eigene Definition die allgemein genutzte sei, führt zu grundlegenden Missverständnissen. Bei der Planung einer Intervention kann dies bewirken, dass die intendierte Wirkung aufgrund irriger Raumannahmen nicht ihre Kraft entfaltet oder unbeabsichtigte Folgen nach sich zieht. Eine Intervention soll etwas unterbrechen, irritieren, eine Umlenkung und Neu-Ordnen bewirken – bei diesem potenziell chaotischen Element ist es ratsam, die Kontrolle über andere Faktoren anzustreben.
Eine Annahme der Interventionskunst lautet „Ohne Szene keine Sichtbarkeit […] in der globalen Gesellschaft“2. Wie bereiten wir uns diese Szene? Mit Raumtheorien können wir die Mechanismen der „Öffentlichkeit“ und weniger zugänglichen sozialen Räumen studieren und nutzen. Dieser Beitrag greift zwei Ansätze aus der Raumtheorie auf. Diese stellen einerseits komplexe soziale Zusammenhänge sowie das Verhältnis von Raum und Zeit zueinander dar (Rhizom-Theorie von Deleuze und Guattari), andererseits wird die Sichtbarmachung derjenigen Akteur*innen, die aus intersektionaler Perspektive in hegemonialen sozialen Räumen unsichtbar bleiben, thematisiert (Subalternität nach Spivak). Beide Ansätze beleuchten konzeptionelle Leerstellen der geläufigen Raumannahmen. Die epistemologischen Ansätze sind bewusst stark unterschiedlich gewählt, um die Bandbreite möglicher Faktoren von Raumtheorie aufzuzeigen.
In der Soziologie gibt es vielfältige Definitionen davon, was ein „Raum“ ist. Zur Jahrtausendwende vollzog sich mit dem „spatial turn“ ein Umdenken vom starren, strukturgebenden Container-Modell (Raum als statische Box, die das Handlungsfeld haptisch begrenzt) hin zur Annahme des Raums als prozessuale Wechselbeziehung.3 Digitale Räume und globale Mobilität relativieren physische Grenzen teils komplett. Im postmodernen Kontext wird Raum nicht mehr nur als Rahmen für Handlungen, sondern als eine von den Akteur*innen durch ihr Handeln hervorgebrachte Struktur gefasst. Dennoch ist Raum nicht ausschließlich sozial hervorgebracht und beliebig veränderbar. Der soziale Raum wirkt formend auf die Akteur*innen und hat damit vorstrukturierende Qualitäten.4 Die Raummodelle unterscheiden sich durch Mechanismen des Ein- und Ausschlusses. Der Soziologe Pierre Bourdieu betrachtet die Gesellschaft als soziale Felder mit Regeln, die Machtverhältnisse mittels sozialer Schließung und Distinktion reproduzieren. Interventionen können diese verinnerlichten Normen sichtbar machen und Ungleichheiten im Raum herausfordern.
Steht in der Soziologie das soziale Handeln im Mittelpunkt, so nähert sich die Geographie aus der entgegengesetzten Richtung, vollzieht aber einen ähnlichen „spatial turn“, indem mit der „Radical Geography“ ab den 1970er-Jahren der Raum nicht mehr nur als Standortfaktor, sondern als Abbild der sozialen Verhältnisse verstanden wird. Aus beiden Perspektiven bilden Raum und das Soziale eine Wechselbeziehung entlang der Zeitachse.5 In gestalterischen Prozessen wird die Wechselwirkung zwischen Akteur*innen und Raum oder Gegenstand als zentral betrachtet. Ein gestalterischer Eingriff mithilfe von Objekten, der Gestaltung und Lenkung sozialer Prozesse, auch bewusste Reduktion – alles, was den Raum und seine Akteur*innen ändert – bedeutet unter diesen Annahmen ein Einwirken und damit eine Intervention in den Raum. Intendiert Gestalten heißt intervenieren.
Gleichzeitigkeit im Rhizom
Eine Alternative zum dichotomen, linearen Raum-Zeit-Modell ist das „Rhizom“. Vorgestellt von Philosoph Gilles Deleuze und Psychoanalytiker Félix Guattari, verbildlicht es eine Denkstruktur, die Gleichzeitigkeiten zulässt.6
Im Rhizom sind Akteur*innen mittels verschiedener Themen, Intentionen, Intensitäten und Dauer verbunden. Mit der Rhizom-Struktur lassen sich Gleichzeitigkeiten und Widersprüche in sozialen Beziehungen darstellen. Es können sich Knollen von Punkten bilden (im Raum: Interessengemeinschaften), die in ihren Eigenschaften nah beieinander liegen, aber weiterhin immer mit anderen Punkten im Rhizom verbunden sind. Ein*e Akteur*in ist nicht losgelöst aus der Struktur denkbar.
Das Rhizom ist ein Gegenentwurf zur faschistischen „geglätteten“ Struktur.7 Bereits der Versuch, einen Ausschnitt des Gesellschafts-Rhizoms zu kartografieren, ist normativ: Man muss sich auf Ausschnitt und Perspektive festlegen. Interessant für Interventionen ist das “Prinzip des asignifikanten Bruchs”: Wenn Linien des Rhizoms durchbrochen werden, wachsen neue Verbindungen (De- und Reterritorialisierung). Alles, was gestört und unterbrochen wird, sucht sich neue Wege. Eine Wiederherstellung der ursprünglichen Form ist nicht ausgeschlossen und die Planung neuer Verbindungen, die sich durch das Abschneiden oder Umlenken einer Intervention ergeben, ist kaum möglich. Im Rhizom ist es eine Illusion, die*der Intervenierende könne planerisch in die soziale Struktur eingreifen.
Einen sozialen Raum als Rhizom zu betrachten, erlaubt es, die sozialen Realitäten als prozesshaft, beweglich und kontingent zu erfassen und Strukturen intersektional darzustellen.
Interventionen haben oft das Ziel, tradierte Strukturen zu überwinden und marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Wie können diese im sozialen erkannt, und das Zentrum der Szene auf diese Akteur*innen verschoben werden?
Raumnahme marginalisierter Positionen
Die postkoloniale Denkerin Gayatri Chakravorty Spivak untersucht, mit welchen Mitteln im hegemonialen Raum Autonomie für kolonialisierte und intersektional diskriminierte Positionen geschaffen werden kann. Sie begreift, entsprechend dem Wortlaut, Post-Kolonialismus nicht als abgeschlossene Phase, sondern als Zeitschiene der andauernden Auswirkungen des Kolonialismus auf gegenwärtige Realitäten. Während das Rhizom ein antistrukturalistisches, antirepräsentationales Raummodell ist, analysiert Spivak hingegen dezidiert Repräsentation, Macht und Diskurs innerhalb postkolonialer Strukturen.
Anstatt der Dichotomie zwischen Unterdrücker*innen und Kolonialisierten spricht sie von „Subalternen“8, die zwischen diese Schichten fallen und von beiden diskriminiert werden. Am Beispiel ritueller Witwenverbrennung (Sati) zeigt Spivak, wie subalterne Gruppen zwischen patriarchalen Eliten und Kolonialmächten untergehen. Das Subalterne ist ein Raum, der in einem kolonisierten Land von Mobilitätslinien sowohl der indigenen Elite, als auch der kolonialen Elite (und so von jeder Bewegungsmöglichkeit) abgeschnitten ist. Jeder Moment der Krise oder des Widerstands, in der Subalterne in der Öffentlichkeit sichtbar werden, ist schon ein Moment des Aufstiegs. Subalternität ist aufgrund der Unmöglichkeit, zwischen den Mächten Platz einzunehmen, per definitionem unsichtbar.
Die Schwierigkeit des Sichtbarmachens beschreibt Spivak im Aufsatz „Can the Subaltern Speak?“ (1988): Das titelgebende „Sprechen“ ist eine gelungene Wissenstransaktion von Sprecher*in auf Hörer*in. Um Subalterne zu rezipieren, um keine Anpassung oder Umdeutung des Gehörten vorzunehmen, um mit dem verstehenden Hören den Sprechakt der subalternen Position zu vollenden, muss ich meine hegemoniale Deutung infrage stellen.9 Die kritische Dekonstruktion hegemonialer Diskurse ist der erste Schritt, um subalterne Positionen hörbar zu machen. Weiterhin braucht es eine sensible, kontextgebundene Übersetzungsarbeit, die die Diversität respektiert und hegemoniale Kategorien hinterfragt.
Spivaks zweiter, vorübergehender10 interventionistischer Schritt ist Repräsentation, unterschieden in „Vertreten“ (politisch) und „Darstellen“ (repräsentativ). Die Intervention öffnet einen Raum, der autonom von subalternen Positionen genutzt werden kann und über die Repräsentation durch die Planer*innen hinausgeht. Bereits die Entscheidung, wer die*der auserwählte Subalterne ist, der*dem das sinnbildliche Mikrofon vorgehalten wird, ist eine durchweg politische und normative Entscheidung. Planer*innen von Interventionen laufen Gefahr, „[…] eine Art Bauchredner für unterprivilegierte Gruppen [zu spielen], wobei sie gleichzeitig so tun, als seien sie selbst gar nicht da. Die anderen ‚für sich selbst sprechen‘ zu lassen ist […] eine uneingestandene Geste der Selbsterhöhung“.11
Das Nicht-Mitdenken-Müssen der Subalternen ist ein Privileg, das erst durch die Arbeitsteilung und Ausbeutung (Unsichtbarmachung) des globalen Südens möglich ist: eine „gestattete Ignoranz“. Als Intervention schlägt sie hier die Praxis des Verlernens vor: Wir müssen verlernen, Privilegien wie Externalisierung als Gewinn zu sehen. Privilegien sind nämlich auch ein Verlust: Ein Verlust von Perspektive auf die Welt. Interventionen können durch neue Perspektiven und kritische Positionen ein Verlernen katalysieren12 und Positionen fördern, die in subalternen kulturellen, ästhetischen oder kollektiven Formen sprechen.13
Diese beiden, stark differenten Beispiele zeigen: Die Vorannahmen über den Aufbau des Raumes haben für die*den Planer*in des Eingriffs Auswirkungen auf die Konzeption und die ethischen Leitlinien der Intervention. Das Rhizom regt an, soziale Strukturen als dezentral und ambivalent zu denken; Spivak hinterfragt tradierte Machtstrukturen. Interventionen sind Lernakte für alle Beteiligten. Eine Intervention ist nicht nur ein gestalterisches, transformatorisches Anliegen, sondern auch eine kritisch-reflexive Praxis.
Literaturverzeichnis
Austen, Merlin: Dritte Räume als Gesellschaftsmodell. Eine epistemologische Untersuchung des Thirdspace, in: Dürr, Eveline et al. (Hg.): Studien aus dem Münchner Institut für Ethnologie, Band 8. München 2014, S. 8 – 16.
Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Rhizom. Übersetzt von Dagmar Berger. Merve Verlag: Berlin 1977.
Do Mar Castro Varela, Maria; Dhawan, Nikita: Postkoloniale Theorie - eine kritische Einführung. Transcript Verlag, Bielefeld 2020.
Massey, Doreen: Politik und Raum/Zeit, in: Belina, Bernd (Hg.): Raumproduktionen: Beiträge der Radical Geography; eine Zwischenbilanz. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, S. 111-132.
Schroer, Markus: Räume der Gesellschaft. Soziologische Studien. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2019.
Scorzin, Pamela: Szenografie der Erregungskultur, in: Bohn, Ralf; Wilharm, Heiner (Hg.): Inszenierung und Politik. Szenografie im Sozialen Feld. Transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 121-144.
Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Verlag Turia + Kant, Wien & Berlin 2008.
Steyerl, Hito: Die Gegenwart der Subalternen, in: Spivak, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Verlag Turia + Kant, Wien & Berlin 2008, S. 5-16.