Design als Intra-vention
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Der Beitrag
Dieser Beitrag erklärt nicht, er erzählt. Er erzählt eine Geschichte, die nicht von Unterbrechungen handelt, sondern von Verbindungen. Hierzu bedienen wir uns der Denkmuster von Tunneln, Geflechten, Maschen, Verstrickungen, Pfaden, Strängen, Linien und wenden uns ab von Bruchkanten, Wänden, Enden, Unterbrechungen, Störungen.1 Wir erschaffen etwas durch Verbundenheit und nicht durch Trennung. Wie wir sehen werden, verbinden wir nichts, sondern lassen etwas durch Verbundenheit entstehen.2
Navigations-/ Erkundungshilfe
Der Text ist keine Checkboxliste, nach deren Rezeption Sie an jedem Punkt einen Haken gemacht haben, sondern vielmehr ein offenes Angebot, ein Mesh, in das Sie sich reinverweben können. Wie bei einem Textil ist es so, dass es durchlässig ist und mit steigender Fadenzahl dichter wird. Verstehen Sie also die vielen Querverweise und vermeintlichen „Sprünge“ als Fäden, mit denen unser Textkörper dichter wird.
Glossar
Zitate
Zitate in diesem Beitrag fungieren nicht als akademische Währung oder lückenlose Beweiskette, wie beim Lösen eines Kriminalfalls3. Sie sollen in einem nachbarschaftlich-freundlichen Verhältnis stehen4. Sie sind eine Wertschätzung der Mehrstimmigkeit5.
Fußnoten
Ich kann nicht ohne Fußnoten schreiben. Kein Satz kommt geradeheraus, alles verläuft ein wenig schräg und verwinkelt. Ich brauche Fußnoten für die Fußnoten: mehr Füße als Beine, mehr als ein Textkörper eigentlich zum Gehen braucht. Schreiben heißt für mich, hineinzuzoomen in Bezüge, Beziehungen, Nebensätze, Tunnel. Manchmal denke ich mir Texte nur aus, um Fußnoten schreiben zu können. Ein Text, der fast nur noch aus Rändern besteht. Vielleicht heißen sie ja FußNOTEN, weil sie dem Text erst Klang verleihen. Sie spielen die Melodie, die durch den Text hindurch klingt. Für mich unterbrechen Fußnoten nicht, sie erweitern. Sie lenken nicht ab, sondern zeigen eine Richtung. Jede Fußnote verwebt, verschiebt, verknüpft und eröffnet neue Räume der Auseinandersetzung. So unterstützen die Fußnoten in diesem Text die Aussagen durch den Lesefluss, der nicht kaskadierend von oben herabstürzt, sondern Bezüge sprunghaft, ermöglichend und mit viel Bewegung zum Klingen bringt.
Richtung
Der Beitrag bearbeitet den Begriff der Inter-vention zum Begriff der Intra-vention. Er liefert eine wirklich kurze und nahezu lächerlich unvollständige Einführung in den agentiellen Realismus von Karen Barad6, auf dem dieser Neologismus beruht. Der Beitrag erzählt davon, dass jede Unterbrechung als Öffnung eines Potenzialraums verstanden werden kann. Als Bewegung hin zu etwas Anderem, das nicht notwendigerweise in Konkurrenz zum bislang Verfolgten steht.
Während der Begriff Intervention oft mit Vorstellungen von Störung, Abbruch oder unfreiwilliger Ablenkung assoziiert wird, plädiert der Beitrag dafür, solche Momente als produktive Zuwendungen zu begreifen. Nicht Abwendung, sondern Erweiterung; nicht Verlust, sondern Möglichkeit.
Intervention
Interventionen sind keine Eingriffe von außen, sondern Bewegungen innerhalb eines Phänomens. Sie zeigen sich nicht als Abbrüche oder Unterbrechungen, sondern Verzweigungen und Verdichtungen, Momente, in denen sich das Gewebe der Welt neu spannt. Wo sich etwas verhakt, entsteht keine Lücke, sondern ein Knoten. Jede vermeintliche Pause ist ein Ort des Übergangs, ein Zwischen, das nicht leer bleibt, sondern Verbindungspotenzial trägt. Design7 schafft hierfür die Bedingungen, es fragt: Wie entsteht dieses Zwischen, wer ist dafür verantwortlich? Wer wird unterbrochen und wodurch? Und was heißt es, für eine Unterbrechung Verantwortung zu tragen? Ich nenne diesen Beitrag eine Intra-vention, bewusst in Abweichung zur klassischen Inter-vention. Denn ich möchte die Topologie8 dieses Begriffes umarbeiten: Weg vom Eingriff, hin zur Teilhabe. Nicht dazwischen gehen, sondern Teil des Dazwischen werden.
Hierzu wenden wir uns der Theorie des agentiellen Realismus der Quantenphysiker*in Karen Barad zu. Bevor wir zur Einführung der Theorie und des dazugehörigen Vokabulars kommen, würde ich die Leserschaft gerne auf ein Zitat des deutschen Medienwissenschaftler Thomas Nyckel über Barads Agentiellen Realismus aufmerksam machen:
„Barads Begriffe lassen sich also nicht nur nicht voneinander isoliert und gleichsam einzeln oder nacheinander aus sich selbst heraus vermitteln, es fällt auch schwer, einen bestimmten Begriff auszuwählen, an dem eine solche Auseinandersetzung beginnen sollte.“9
Dies ist kein Mangel, sondern eine Methode. Es ist eine Theorie, die eine gewisse Emergenz10 in sich trägt.
Barads Theorie ist eine Theorie in Bewegung11, in der die Begriffe sich ko-konstituieren12. Dies hat den Vorteil, dass wir uns dem widersetzen können, was Alexander Bogner in soziologendeutsch als Epistemokratie beschreibt: Die Vorstellung, dass politische Probleme vor allem dann sinnvoll formulierbar und lösbar seien, wenn sie als Wissensprobleme behandelt werden.13 Bogner legt in seinem Buch Die Epistemisierung des Politischen – Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet überzeugend dar, wie politische Probleme primär als Erkenntnisprobleme behandelt werden. Diese Haltung vernachlässigt, dass Konflikte oft auf Wertdifferenzen und Machtfragen beruhen, nicht auf fehlendem Wissen. Der Agentielle Realismus bietet hier einen alternativen Zugang, da er Wissen, Macht und Sein nicht als getrennte Bereiche sieht, sondern als ko-konstitutiv / untrennbar / verstrickt / verschränkt / entangled denkt. Um dieses zu ermöglichen, muss aber die Kritik an dem Alleingültigkeitsanspruch der Kategorie Wissen erfinderisch werden. Claudia Brunner beschreibt es wie folgt:
„Epistemische Systeme nachhaltig und substanziell zu verändern, erfordert also einen offensiven und kreativen Umgang mit der erwartbaren sozialen, politischen, vor allem aber epistemischen Resilienz der Systeme.“14 Um ein etwas kürzeres Zitat von Escobar durch dieses hindurchzulesen15: „Science organized the format of dissent.“16 Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, nicht nur neue Antworten zu formulieren, sondern die Bedingungen des Fragens selbst infrage zu stellen.
Wenn, wie Escobar bemerkt, selbst der Widerspruch bereits innerhalb wissenschaftlich vorstrukturierter Formate organisiert ist, und wenn, wie Brunner fordert, epistemische Systeme nicht nur kritisiert, sondern aktiv umgestaltet werden müssen, dann braucht es Praktiken, die nicht nur Inhalte verhandeln, sondern die Bedingungen von Wissen selbst in Bewegung bringt: kreativ, offensiv und relational/ko-konstitutiv.
Intra-action und Intra-vention:
„The notion of intra-action is a key element of my agential realist framework. The neologism ‚intra-action‘ signifies the mutual constitution of entangled agencies. That is, in contrast to the usual ‚interaction‘, which assumes that there are separate individual agencies that precede their interaction, the notion of intra-action recognizes that distinct agencies do not precede, but rather emerge through, their intra-action.“17
Barads Begriff der Intra-Aktion stellt nicht nur eine begriffliche Unterscheidung zur klassischen Interaktion dar, sondern unterbricht ein tief eingeschriebenes Denkmuster: Die Annahme, dass Entitäten vor ihren Beziehungen (oder im Fall der Intervention: ihrem Aufeinandertreffen) existieren. Barad hingegen schlägt vor: Beziehung ist nicht nachgeordnet: sie ist konstitutiv. Entitäten entstehen durch ihr Beziehungsgeflecht, nicht davor.18 Im Folgenden möchte ich einen Gedankenstrang von Tim Ingold nachzeichnen und hierzu verweben19: Während klassische Netzwerkmetaphern, etwa in Soziologie, Ökologie oder materieller Kulturforschung, die Verbindungen in den Vordergrund rücken, gehen sie dennoch meist von vorgegebenen, unterscheidbaren Einheiten aus, die durch Linien oder Relationen verbunden, aber nicht hervorgebracht werden. Genau hier setzt die Kritik von Frances Larson, Alison Petch und David Zeitlyn20 an: Selbst, wenn Relationen betont werden, bleiben die verbundenen Elemente in der Logik des Netzwerks in ihrem Sein vorausgesetzt. Es gibt keine Bezüge, ohne dass vorher getrennte Entitäten gedacht werden.
Barads Begriff der Intra-Aktion zielt genau auf diese epistemologische Konvention: Er hebt die Trennung von Elementen und Relationen auf. Intra-Aktion meint nicht das Zusammenwirken getrennter Akteure, sondern die gegenseitige Hervorbringung von Relata innerhalb eines Phänomens. Die beteiligten Größen (Subjekt, Objekt, Apparat etc.) sind nicht vorgängig, sondern entstehen erst im Vollzug. Damit unterläuft Barad nicht nur die Subjekt-Objekt-Dichotomie sondern auch das ontologische Grundmodell vieler Netzwerkansätze: Sie ersetzt verbindende Linien zwischen Punkten durch materiell-diskursive Verflechtungen, in denen Relation und Phänomene zugleich entstehen. Wenn Beziehungen nicht nachträglich hinzugefügt, sondern konstituierend sind, dann ist auch jede Unterbrechung nicht bloß Störung, sondern Moment der Möglichkeitsbildung, ein agentieller Schnitt, in dem sich die Welt neu (an-)ordnet.
Meshwork
Eine Visualisierung dieser auf den ersten Blick abstrakten Verschiebung findet sich in dem Konzept des Meshworks des britischen Anthropologen Tim Ingold. In seinen Arbeiten stellt Ingold ein Denken in Maschen, Knoten und Bewegungen dem statischen Bild des Netzwerks gegenüber. Den Begriff des Meshwork entlehnt er dem französischen Philosophen Henri Lefebvre. Während Netzwerke auf das Verbundensein vorgegebener Punkte zielen, betont das Meshwork die prozessuale Verflechtung und das Entstehen durch Bewegung.
In diesem Denken wird auch Unterbrechung neu gerahmt: Nicht als Abbruch, sondern als Umschlagspunkt, an dem sich etwas neu knüpft. Unterbrechung wird so Teil des Phänomens selbst, nicht sein äußerlicher „Feind“. Es gilt, Unterbrechungen zu entnaturalisieren und stattdessen als verantwortbare Momente zu begreifen.
So kann ein Streik beispielsweise nicht nur als „Störung“ eines Arbeitsflusses verstanden werden, sondern als agentielle Intra-vention in bestehende Machtverhältnisse. Wir bewegen uns jedoch in einem kulturellen und politischen Klima, das durch kapitalistisch-koloniale Denkmuster geprägt ist,21 in der Unterbrechung nicht als Ermöglichung, sondern als Sabotage gelesen wird. In diesem Sinne schreibt der österreichische Soziologe Hubert Christian Ehalt in einem Vorwort in von einem Buch zu Claudia von Werlhof:
„In den gegenwärtigen Gesellschaften, in denen der Produktivitäts- und Effizienzdruck ständig wächst, geraten Bürgerinnen und Bürger mit einer kritischen Perspektive leicht unter Verdacht, das Projekt des klaglosen Funktionierens sabotieren zu wollen. Der Kontroll- und Disziplinierungsdruck, der auf Individuen ausgeübt wird, wächst ständig. Humanität, Solidarität und Kritik werden als Produktions- und Funktionshindernis denunziert.“22
Was hier diskreditiert wird, ist das Potenzial der Unterbrechung: Sie könnte der Raum sein, in dem Solidarität und Humanität überhaupt erst auftauchen können.
Das Doppelspaltexperiment: Über das Konzept der Störung
Das sogenannte Doppelspaltexperiment23 zeigt eindrücklich, dass Beobachtung keine bloße Repräsentation oder Spiegelung von Realität ist, sondern dass Apparate Wirklichkeit kokonstituieren.
Sendet man einzelne Quantenobjekte (etwa Elektronen) durch zwei Spalten, entsteht auf einem Schirm ein Muster. Wird dabei nicht gemessen, durch welchen Spalt ein Teilchen24 „geht“, zeigt sich ein wellenförmiges Interferenzbild. Wird jedoch ein Messapparat installiert, der den Weg bestimmen soll, verschwindet dieses Muster: das Teilchen „entscheidet“ sich. Was sich hier verschiebt, ist nicht nur ein Messwert, sondern die Logik von Sein und Wissen: Es gibt kein Teilchen-an-sich, welches wir durch eine Messung stören. Vielmehr ist es die Messpraxis selbst, die Realität konfiguriert, was Barad als Intra-Aktion beschreibt. Subjekt, Objekt, Apparat: Sie stehen nicht fest, sondern entstehen miteinander: relational, situativ, verschränkt. Ob etwas Teilchen oder Welle ist, hängt also davon ab, ob wir es beobachten oder nicht.
Entscheidend ist dabei: Die Messung ist kein bloßer Eingriff in bereits Bestehendes, sondern ein konstitutiver Akt. Beobachtung ist eine Intra-Aktion, durch die sich das, was beobachtet werden kann, überhaupt erst formiert. Subjekt und Objekt, Apparat und Ergebnis entstehen nicht unabhängig voneinander, sondern konstituieren sich gegenseitig.
„Apparate sind die Bedingung der Möglichkeit für bestimmte Grenzen und Eigenschaften von Objekten und Bedeutungen verkörperter Begriffe innerhalb des Phänomens.“25
Barads Perspektive kehrt damit ein vertrautes Denken um: Was in der klassischen Physik als Störung verstanden wird, also als Verzerrung eines neutralen Zustands durch Beobachtung, ist in ihrer Lesart Teil der Hervorbringung von Wirklichkeit selbst. Apparate produzieren oder lesen nicht nur Daten, sondern setzen die Bedingungen dessen, was als Realität gelten kann. Wenn wir also von Störung sprechen, dann häufig, weil wir eine Vorstellung von stabiler, unabhängiger Realität nicht aufgeben wollen. Andersherum formuliert: Das Narrativ der Störung ist eines, welches eine unabhängige Realität/Ordnung versucht, aufrechtzuerhalten.26 Verstehen wir die Welt(en) aber nicht als von uns unabhängig, sondern als durch uns (mit-)hervorgebracht, können wir sie auch verändern. Die Welt ist nicht unabhängig von uns und wir sind ihr nicht unterworfen, sondern bringen sie mit hervor.
Literaturverzeichnis
Barad, Karen: Meeting the Universe Halfway: Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Duke University Press. Durham 2007.
Barad, Karen: Verschränkungen. Trans. Jennifer Sophia Theodor. Merve Verlag. Berlin 2015.
Barad, Karen: Agentieller Realismus: Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken. 5. Auflage, Deutsche Erstausgabe. Edition Unseld 45. Translated by Jürgen Schröder. Suhrkamp. Berlin 2023.
Bogner, Alexander: Die Epistemisierung des Politischen: Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet. 4. Aufl., Reclam. Ditzingen 2023.
Brunner, Claudia: Epistemische Gewalt: Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne. transcript. Bielefeld 2020.
Escobar, Artur: Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds. Duke University Press. Durham 2018.
Haraway, Donna J: Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Duke University Press. Durham 2020.
Ingold, Tim: Being Alive: Essays on Movement, Knowledge and Description. Routledge. London 2011.
Ingold, Tim: Eine kurze Geschichte der Linien. Ethnographien. Konstanz University Press. Göttingen 2007.
Jullien, François: Vom Sein zum Leben: Euro-chinesisches Lexikon des Denkens. Matthes & Seitz. Berlin 2018.
Kaiser, Anja & Stephany, Rebecca (eds): Glossary of Undisciplined Design. Spector Books. Leipzig 2021.
Lather, Patti: Getting Smart: Feminist Research and Pedagogy with/in the Postmodern. Routledge. New York 1991.
Loh, Jan: Trans- und Posthumanismus zur Einführung. Junius. Hamburg 2018.
Nyckel, Thomas: Der agentielle Realismus Karen Barads: Materie, Bedeutung und Ethik im Kontext einer Theorie ontologischer Verwobenheit. Dissertation, TU Braunschweig, 2022.
Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp. Berlin 2021.
Renn, Jürgen: Die Evolution des Wissens: Eine Neubestimmung der Wissenschaft für das Anthropozän. Suhrkamp. Berlin 2022.
Schirach, Alexander von: Die psychotische Gesellschaft: Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden. Tropen. Stuttgart 2021.
Werlhof, Claudia von: Alternativen zur neoliberalen Globalisierung oder die Globalisierung des Neoliberalismus und seine Folgen: Vortrag anlässlich der Podiumsdiskussion mit Ferdinand Lacina und Ewald Nowotny im Rahmen des „Dallinger-Symposiums“ vom 21.–23.11.2005, AK Wien, 21.11.2005. Wiener Vorlesungen im Rathaus Edition Gesellschaftskritik 1. Picus-Verlag. Wien 2007.
Werlhof, Claudia von: West-End: Das Scheitern der Moderne als „kapitalistisches Patriarchat“ und die Logik der Alternativen. PapyRossa. Köln 2010.