Einblicke in die gestalterische Intervention in und um Halle
ein Round Table Gespräch
von
Einblicke in die gestalterische Intervention in und um Halle
ein Round Table Gespräch
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In einem zweistündigen Interview haben sich Julie, Lena, Fadi, Yang, Sandy, Hans, Lori und Maike mit der Neuwerk-Redaktion über die Bedeutung von Intervention im Kunst-, Sozial- und Designkontext unterhalten. Ausgehend von ihren jeweiligen Erfahrungen in und um Halle verhandelten sie Spannungen zwischen dem Anspruch auf Weltverbesserung, partizipativer Praxis sowie Fragen nach Überheblichkeit, Kurzfristigkeit und rein symbolischer Wirksamkeit. Der folgende Interviewausschnitt fokussiert Verantwortung, strukturelle Bedingungen und Formen der Unterstützung; das vollständige Gespräch finden Sie in der digitalen Publikation.
Wie steht ihr zum Begriff Intervention im Architektur- und Designkontext? Wirkt er euch zu stark von außen kommend oder militärisch konnotiert, und gibt es alternative Begriffe, die ihr passender fändet?
Um mal ein bisschen zu provozieren oder die Sache etwas zuzuspitzen: Ich halte das schon für strukturell bedenklich, oder zumindest für etwas, worüber man ein kleines Fragezeichen setzen sollte. Was bedeutet es, wenn Kreativarbeiterinnen, Designerinnen, Künstler*innen ihre kreative oder soziale Praxis in meist sozial benachteiligten, marginalisierten Nachbarschaften erproben – also in Quartieren, die vielleicht doppelt oder dreifach marginalisiert sind? Das muss ja nicht per se schlecht sein, aber aus meiner Sicht ist es gerade im Kontext von Social Design, und ich glaube, man kann das fast synonym verwenden, eine Frage, worum es eigentlich geht. Oft wird von Verbesserung von Gemeinschaft, Austausch oder Lebensqualität gesprochen. Schaut man genauer hin, handelt es sich in vielen Fällen aber nicht um nachhaltige, strukturelle Verbesserungen, sondern eher um punktuelle Maßnahmen: kleine soziale Interventionen oder Aufwertungen. Ich möchte das gar nicht abwerten, solche Maßnahmen sind wichtig und richtig. Aber die strukturellen Bedingungen bleiben bestehen. Gerade wenn wir nach Halle-Neustadt schauen: Maike, du bist seit 2002 dort aktiv – was hat sich durch gestalterische Arbeit im Quartier strukturell wirklich verbessert?
Ich glaube, das kann man gar nicht so komplex beantworten, weil sich in Halle-Neustadt einfach wahnsinnig viel verändert hat. Und Halle-Neustadt ist sowieso kein einheitliches Quartier. Es ist so divers, dass man gar nicht einfach sagen kann: „Da hat sich etwas verbessert“. Was heißt „verbessert“ überhaupt? 2002 war das Thema „Shrinking Cities“ bedeutend – Abriss, Wegzug, Diskussionen darüber, wie mit Brachflächen umgegangen werden soll. 2016 gab es dann wieder Zuzug, plötzlich war es wieder eine „Arrival City“, und es ging um Stadtumbau und Migrationsthemen. Da sehe ich auch die Schwierigkeit, und ich sage das mal provokativ: Wenn nicht Menschen mit Know-how Anträge stellen und Projektgelder in ein Viertel bringen, vielleicht in ein Viertel, das sonst überhaupt nicht wahrgenommen werden würde, dann kann man das auch als eine Art Lobbyarbeit verstehen. Gleichzeitig muss man als Akteurin vor Ort immer wieder die eigene Rolle hinterfragen: Was interessiert mich? Wo liegt der Moment der Gestaltung? Ich bin ja keine Sozialarbeiterin. Ich habe hier gerade ein Buch liegen: Demokratie braucht Begegnung. Und das sind Themen, die wir als Gestalterinnen wahrnehmen müssen, immer überlegt: Es gibt ein Problem – was hat sich verändert, was hat sich verbessert? Halle-Neustadt wird in der Stadt Halle tatsächlich erst seit fünf, sechs Jahren richtig wahrgenommen, erst seitdem wird dort entwickelt. Das hätte man gerne schon 2006 oder 2007 machen können, dann sähe Halle-Neustadt vielleicht heute anders aus.
Meine Arbeitsthese ist: Etwa 80 Prozent dieser Projekte gehen eigentlich nicht an die strukturellen Bedingungen heran. Vielmehr geht es oft darum, dass Kreativarbeiter*innen aus der Mittelschicht in armen Stadtteilen ihre eigene Wirkmächtigkeit und Kreativität erfahren. Und das hilft der Nachbarschaft nicht, wenn sie morgen verdrängt wird. Das ist der Konflikt, den ich hier aufmachen möchte und das strukturelle Problem, das ich sehe. Das zweite Problem ist: Einerseits bringt man Expertise in ein Quartier ein, andererseits entsteht ein Transfer von kulturellem Kapital. Man sieht das etwa an Instagram-Accounts: Viele Social-Design-Projekte sind dort deutlich sichtbarer, als dass tatsächlich nachhaltige Veränderungen in der Nachbarschaft bleiben. Die Grundfrage für mich ist daher: Wie stehen die einzelnen Projekte, von denen wir hier ja viele unterschiedliche haben, im Zusammenhang mit den größeren gesellschaftlichen und strukturellen Bedingungen, unter denen die Menschen dort leben?
Ich kann ja mal anfangen. Ich fand es interessant, auch weil ich jetzt darüber nachgedacht habe, ob ein Gespräch eine Intervention ist? Jetzt denken wir das mal im Raum Zeitz, wo wir waren. Dort gibt es sehr viel Wegzug, und die Menschen sind extrem frustriert darüber, wie leer die Fußgängerzone ist und dass sich scheinbar wenig bewegt. Wir hatten dort etwa 60 Mitwirkende aus verschiedenen Großstädten im Umkreis zu Besuch. Vielleicht hat der eine oder andere Lust, dort hinzuziehen, aber ich glaube, die meisten Menschen würden sich eher darüber freuen, dass überhaupt etwas passiert, als dass sie Angst vor Gentrifizierung haben. Das lässt sich vielleicht gut an einem Kommentar eines älteren Herrn zusammenfassen: Er sagte so in etwa: „Ihr kommt zwar von außerhalb, und dann seid ihr wieder weg, aber dafür habe ich jetzt einen Monat lang im Sommer jeden Tag etwas, das ich machen kann oder wo ich hingehen kann.“
Wo seht ihr den Schwerpunkt eurer Arbeit: eher in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, in der Gestaltung der Zukunft oder im Bewahren der Gegenwart? Und wie würdet ihr euren zeitlichen Fokus beschreiben?
Ich würde sagen, der zeitliche Fokus liegt auf jeden Fall auf der Gegenwart. Wir kommen an den Ort, beobachten, was da ist, und handeln dann. Sowohl partizipativ mit den Menschen als auch mit Materialien. Bei dem Projekt, das wir eingereicht haben, haben wir zum Beispiel Materialien verwendet, die wir im Südpark gefunden haben. Die Zukunft ist bei solchen Interventionen schwer vorhersehbar. Ich würde auch sagen, dass man gar nicht darauf hoffen sollte, dass etwas für immer dort bleibt. Es reicht schon, dass man im Moment der Zusammenarbeit mit den Menschen etwas bewirken konnte. Viel passiert schon allein durch diesen gemeinsamen Moment vor Ort.
Natürlich hofft man, dass, wenn man gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas baut oder kreiert, eine Verbundenheit entsteht. Sodass sich die Bewohnerinnen und die Kinder mit dem Objekt oder dem Projekt verbunden fühlen, darauf achten und es wertschätzen. So kann die Intervention auch dann weiter bestehen, wenn man selbst wieder abreist. Es geht also nicht nur darum, dass etwas verschwindet, sobald man selbst weg ist. Vielmehr soll es bleiben und von den Bewohnerinnen weitergeführt werden.
Natürlich hofft man, dass, wenn man gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas baut oder kreiert, eine Verbundenheit entsteht. Sodass sich die Bewohnerinnen und die Kinder mit dem Objekt oder dem Projekt verbunden fühlen, darauf achten und es wertschätzen. So kann die Intervention auch dann weiter bestehen, wenn man selbst wieder abreist. Es geht also nicht nur darum, dass etwas verschwindet, sobald man selbst weg ist. Vielmehr soll es bleiben und von den Bewohnerinnen weitergeführt werden. Sei es, dass das Objekt weiterhin steht oder dass Materialien wie Holz wiederverwendet werden, um etwas Neues zu bauen. So lebt die Intervention auf unterschiedliche Weise weiter, und man hat etwas geschaffen, das genutzt werden kann.
Ich wollte noch anknüpfend sagen: Für mich steckt im Wort „Intervention“ immer auch eine Temporalität. Wenn man ein Projekt oder eine Aktion unter diesem Begriff durchführt, finde ich es besonders wichtig, nicht den Eindruck zu erwecken, dass daraus unbedingt etwas Langfristiges entstehen muss. Natürlich ist es schön, wenn ein Projekt Anstöße gibt oder etwas bleibt, aber das Gefährliche ist, dass man den Menschen Hoffnung macht, das Projekt würde in der Form weiter bestehen oder zurückkommen. Gleichzeitig ist es wichtig, mit den Menschen darüber zu sprechen, was aus dem Projekt vielleicht entstehen oder bleiben kann. Aber eben ohne den Anspruch, dass das Projekt selbst dauerhaft existiert. Bei Beteiligungsformaten passiert schnell, dass die Leute fragen: „Was bringt das hier? Was bleibt davon?“ Deshalb ist ein guter Dialog entscheidend, damit niemand eine große Enttäuschung erlebt. Trotzdem glaube ich, dass Interventionen einen echten Mehrwert haben können – man muss nur gut moderieren und das Gespräch darüber sorgfältig führen.
Wenn wir in Forschungsprojekten arbeiten, wie zum Beispiel bei dem Projekt „Stadtumbau und Migration“, schreiben wir auch Berichte. Das war ein großes Projekt mit Cottbus, Schwerin, dem Leibniz-Institut, dem BIM (Bundesamt für Migration) und der HU. Diese Berichte fließen zurück in die Politik und werden unter anderem auch von Bundestagsabgeordneten gelesen. Ich glaube, man sollte nicht unterschätzen, welche Möglichkeiten solche Projekte, auch in der Forschung, für politische Arbeit bieten können.
Ich habe an einem Workshop von Wohnunion e. V. teilgenommen, bei dem es darum ging, wie man mit einer Software, einem Geoinformationssystem, Vorschläge für Stadtentwicklung machen kann. Dort bin ich tatsächlich auf einen anderen Begriff für Intervention gestoßen: Social Negotiation. In dem Tutorial hat der Softwareentwickler gesagt, dass die Software ein Werkzeug sei, um Menschen besser verhandeln zu lassen. Dabei habe ich vor allem gemerkt: Wenn Design eine Sprache ist, kann man durch Verhandlungen unterschiedliche Visionen und Interessen zusammenbringen. Wichtig ist auch, von Anfang an zu überlegen, dass es nicht nur temporär bleibt. Das ist natürlich eine Herausforderung – systematisch zu denken, über den Workshop hinaus, über das Netzwerk dahinter: Was trägt das Ganze langfristig? Für die Community ist das enorm wichtig.
Ich finde es sehr wichtig, dass die Menschen sich selbst äußern können, dass sie gestalten, wie sie sich ihr Leben vorstellen, und alles, was sie mitgebracht haben, auch zeigen können. Leider sind viele hierher gezwungen, weil sie nach einem sicheren Ort gesucht haben, und sie bringen ihr gesamtes Leben mit. Ein Beispiel ist das Festival der arabischen Sprache. Die Idee war, zu zeigen: Ihr könnt hier eure Sprache feiern, und gleichzeitig zeigen wir, dass eure Sprache eine wichtige Sprache ist, dass sie Toleranz schafft und Platz für andere Menschen bietet. Ich finde es wichtig, solche Feste und Orte auch für andere Menschen zu öffnen. Zum Beispiel: Heute feiern wir die arabische Sprache, morgen feiern wir andere Gruppen, die ebenfalls hier leben. So kann man sich besser kennenlernen, Vorurteile abbauen und die „wahre Sicht“ kennenlernen – nicht nur durch Annahmen, sondern indem man direkt miteinander in Kontakt kommt.
Ich finde, es ist sehr wichtig, dass wir unterscheiden, worüber wir eigentlich sprechen, wenn es um solche Interventionen, Social Design oder auch Social Negotiation geht. Letzteres ist ein interessanter Begriff, über den man sicher diskutieren kann. Es gibt punktuelle Projekte, die zeitlich sehr begrenzt sind. Das ist etwas ganz anderes, als Maike beschrieben hat, wie sie sich über ein Jahrzehnt in Halle-Neustadt engagiert hat, oder als die längeren Prozesse, die ich hier verfolgt habe. Man muss also unterscheiden: sowohl zwischen kurzfristigen Projekten als auch zwischen Research-Projekten oder längerfristigen Prozessen, und dabei immer den jeweiligen Kontext betrachten.
Ich hatte da noch eine Frage im Kopf und das ist die Frage nach dem Mandat. Es geht also darum, mit welchem Mandat man in die Realität interveniert. Das führt zurück an den Anfang unseres Gesprächs: in die Realität des Gegenübers. Wer ist dieses Gegenüber, welche Gruppe ist es, welche Gruppe bin ich, wo komme ich her und woher kommt das Gegenüber? Und was nehme ich mir vielleicht noch heraus in dem Moment, in dem ich so etwas mache?
Ich kann es nur aus meiner Perspektive sagen. Im Südpark in Halle-Neustadt gab es riesige Probleme mit den Besitzverhältnissen der einzelnen Wohnblöcke und Strukturen. Irgendwann war das Thema einfach präsent, und ich habe mir das vor Ort angeschaut. Dabei ging es gar nicht darum, jemanden zu „intervenieren“, sondern einfach darum, die Situation zu verstehen, die Gemengelage, die 2016 medial sehr hochgekocht wurde. Für mich ging es zuerst ums Verstehen und nicht darum, direkt mit jemandem zu arbeiten. Witzigerweise ist es meistens so, dass die Menschen vor Ort auf uns zukommen und uns unterstützen wollen. Sie denken oft, wir seien die „armen Hascherl“, die hier etwas machen müssen, also eine umgedrehte Situation. Wir arbeiten eigentlich meistens für uns, und dann kommen die Leute dazu. Ich finde es schwierig, das in einer linearen Logik zu beantworten: Ab wann ist man Teil eines Ortes? Wenn man eine Woche vor Ort ist? Oder erst, wenn man dort gemeldet ist und wohnt? Ich versuche nicht, die Leute zu belehren oder ihnen vorzuschreiben, wie sie etwas machen sollen. Es ist immer ein Miteinander, ein gegenseitiges Zusammenspiel. Ich finde, das lässt sich schwer in klare Worte fassen, und mir ist das manchmal zu einseitig und linear gedacht.
Die Frage nach dem „gemein machen“ ist berechtigt: Kann man als Gestaltende Teil einer Nachbarschaft sein und gleichzeitig professionell agieren? Es gibt dabei ein strukturelles Problem. Einerseits tragen wir Verantwortung gegenüber den Menschen vor Ort – es darf nicht wie eine Intervention wirken. Andererseits auch gegenüber Studierenden, die erfahren sollen, dass das Soziale Teil von Gestaltung ist. Trotzdem ist es wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass wir uns aus unterschiedlichen Bedingungen begegnen. Ein Beispiel dazu noch: Am 1. Mai gibt es seit fünf Jahren ein Format namens „Quartiersmanagement Grunewald“ als Sektion der hedonistischen Internationalen. Ihr Gedanke war weniger einen migrantischen Stadtteil zu „verändern“ als vielmehr einen reichen weißen Stadtteile zum Perspektivwechsel zu verhelfen. Wir reden ja immer von Social Design in der Mittelschicht, leben in der Designwelt und gehen auf Konferenzen oder zu Industrieverbänden, intervenieren dort. In Wahrheit tun wir das nicht. Wir gehen dorthin, wo die Armen, Schwachen und Kranken dieser Gesellschaft sind und das aus einer Position der strukturell akademischen Mittelschicht. Und das bringt eine Menge Kollateralfragen mit sich.
Natürlich haben wir unterschiedliche Hintergründe und Verständnisse, aber Verbindungen zwischen Menschen entstehen trotzdem – auch jenseits des eigenen Viertels. Dies würde nicht geschehen, würde man sich nicht trauen, soziale Schichtgrenzen zu durchbrechen. Wichtig ist, den Ort zu beobachten und Bedürfnisse wahrzunehmen. Meist beginnen Projekte klein, ziehen dann Menschen an, die mitmachen wollen. Es geht nicht darum, ganze Lebenswelten zu verändern, sondern durch kleine Interventionen Begegnungen zu schaffen – ähnlich wie ein Gespräch auf der Straße. Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Arbeitsweisen an, wo ich jetzt noch mal zu deiner Frage zurückkomme von ganz am Anfang, nämlich, wie unsere Datei aufgebaut war, dass man eben nicht mit einem großen Konzept dort ankommt, sondern erstmal schaut was ist: Ich beobachte den Raum, ich schaue wie die Leute ihren Alltag dort leben und schau mir das Umfeld an. Ich komme nicht dahin mit einem großen Plan, um die Welt zu verändern. Ich suche eher nach Kleinigkeiten, wie die Leute dort ihren Alltag leben und was Bedürfnisse dieser Menschen sind.
Ich habe mir gedacht, dass, wenn man von außen dazu kommt, eine gewisse Verantwortung mit der eigenen Position einhergeht und überlegt werden muss: Was mache ich mit dem, was ich bekomme? Lasse ich auch in meinen Kopf intervenieren, wenn ich da hingehe?
Das ist schwierig zu beantworten. Für mich als Projektverantwortlicher geht es ganz viel darum, wie ich die Menschen sensibilisiere, die bei mir mitmachen oder die diesen Ort betreten. Ich muss mich selbst fragen: was habe ich für Ansprüche daran?
Ein Beispiel: In der Kiezkonferenz treffen sich Quartiersbewohnerinnen und Akteurinnen wie Passage 13. Als der Bundespräsident nach Halle-Neustadt kam, durften diese Angestellten von Stadt und Trägern nicht sprechen – ich als Unabhängige schon. Damit hatte ich die Verantwortung, auch für andere mitzuwirken, ohne jedoch direkt für die Bewohner*innen zu sprechen. Daran wird deutlich: das ist eine…
Lobby, hast du vorhin gesagt.
Genau. Ich meine das nicht anmaßend, aber oft trauen sich Bewohner*innen nicht, in größeren Runden zu sprechen. Gerade deshalb war es wichtig, ein anderes Bild zu vermitteln – und so wurde ich später sogar von Steinmeier eingeladen, um die Situation noch einmal zu erläutern.
Das, was Hans gerade meinte – was nimmt man mit und mit wem spricht man dann über das, was man dort erfahren hat – sind nicht zu unterschätzende Kanäle, auf die man aufmerksam machen kann. Auch wenn es besser wäre, wenn nicht ich das als weiße Frau tun würde.
Man muss schon das große Ganze, das Strukturelle und die Bedingtheiten und auch die Differenz, egal ob man von außen oder aus einer anderen Klasse kommt, erkennen, denn: wir sind nicht gleich. Und nochmal eine ganz grundsätzliche Sache: Ich finde es auffällig, dass es wenig Verständnis dafür gibt, dass marginalisierte Leute einen ganz anderen bzw. anders ausgeprägten Begriff von Gemeinschaft und von Gesellschaft haben. Diese Gesellschaft hat ihnen nichts gegeben. Also diese Begriffe von Gesellschaft und Denken – und da ist euer Name ja sehr programmatisch, Hans & Lori – sind nicht starr. Sie beschreiben, wie wir Gesellschaft denken und wie wir Gesellschaft erfahren, auch geografisch, also auch über Ausgrenzung oder über Nicht-Ausgrenzung. Lange Rede kurzer Sinn – wir sollten nicht naiv sein, sondern das strukturell Große anschauen und die eigene Subjektposition kritisch hinterfragen. Was ist vielleicht soziale Arbeit, die in Richtung Empowerment, Ermächtigung und materielle Teilhabe geht und nicht nur partizipativ ist? Es herrscht sehr viel Naivität in der Design- und gestalterischen Szene, was das angeht. Und manchmal richten wir da auch mehr Schaden an. Und wenn dann das Abschöpfen vom kulturellen Kapital für das eigene Portfolio genutzt wird, habe ich damit meine Schwierigkeiten. Dann haben wir mehr daraus gezogen als wir reingetragen haben – das halte ich für problematisch.
Apropos Unterstützung und Geld. Unterstützung ist etwas, wovon die Projekte generell leben. Maike du sagtest vorher auch, dass ihr euch gewünscht hättet, dass es mehr Unterstützung gibt oder eine andere Art von Unterstützung auftritt, als die, die letztendlich nur beschreibt, wie hierarchisch das Ganze funktioniert. Was glaubst du, hätte anders laufen können, sodass Menschen vor Ort zu Wort kommen?
Also ich kann nur von meiner Seite sagen, es ist schon eine ganz schöne Abstrampelei. Ich habe das Privileg, dass ich noch lehre und dadurch Geld verdiene, aber es ist wahnsinnig viel Ehrenamt und sehr wenig Geld, was vonseiten der Projektgeber geliefert wird. Es ist kein Job, von dem man leben kann. Ich weiß aber, dass mittlerweile nach Halle-Neustadt sehr viele Gelder fließen. Yang weiß eventuell, inwieweit dort Stellen geschaffen werden, sodass Menschen vor Ort davon profitieren. Lange Zeit mussten wir um Aufmerksamkeit in Halle-Neustadt kämpfen, was sich mittlerweile auszahlt. Dafür mussten wir immer nerven und laut sein. Das fand ich auf die Dauer anstrengend und ermüdend.
Ich weiß nicht genau, wie ich die Zusammenarbeit mit den Mitstreiter*innen einordnen soll, aber mir fällt ein gutes Beispiel ein: Letzten Sommer haben wir durch einen Antrag eine gute Förderung bekommen und konnten den Passage-Raum auf zwei Etagen ausbauen und umbauen. Die innere Gestaltung lag dann bei mir. Das war super anstrengend, ich hatte oft ein schlechtes Gewissen und hab mich gefragt, was ich eigentlich aus meinem Designstudium wirklich gelernt habe. Dabei wollte ein langjähriger Mitarbeiter, früher Ingenieur in Syrien, im Eventraum seine 3D-Malerei anbringen. Das musste ich ablehnen und auch begründen, was schwierig war. Da hab ich gemerkt: Mein Designhintergrund hilft mir, neutral zwischen allen Beteiligten zu vermitteln. Ich habe dann vorgeschlagen, die Wände neutral zu lassen, damit die Kommunikation für alle funktioniert, egal welche Sprache. Und da konnte ich auch ein bisschen meine „Design-Spießigkeit“ reinbringen – klare Überschriften, gut lesbar, für alle. Im Nachhinein dachte ich, dass genau das der Beitrag war, den ich mit so einem Studium leisten kann.
Der Kollege hat später im Falafel-Laden seine Wandmalerei umgesetzt – und ist jetzt happy.
Also ich glaube für uns war es auf jeden Fall der größte Vorteil mit Kaleidoskop im Hintergrund zu arbeiten. Über Jahre hinweg ist da schon so viel passiert, Leute haben uns wiedererkannt und wir hatten einen Fuß in der Tür.
Ein Einwurf von mir: Unsere Arbeit ist nicht defizitär. Wir gehen nicht hin und sagen: „Hier ist schlecht, das muss besser werden.“ Es geht darum, in der Passage 13 Begegnung und Gespräche zu ermöglichen – und Unterstützung entsteht von den Leuten selbst.
Seid ihr dann nicht fast schon eine Institution?
Ich glaube nicht. Manchmal finde ich es sogar ganz lustig, dass Leute nicht wissen, was wir da machen und wer wir sind. Dieses keine Rolle oder Mandat haben ist aber auch das, was es bereichernd macht und Austausch ermöglicht. Bei der Passage 13 kann zudem jede Person kommen, die Lust hat. Man muss sich auch nicht vorher anmelden. Das ist sehr niedrigschwellig, oder Yang?
Zum Teil, ja.
Mir geht’s noch mal um den Gedanken der Begegnung. Hans hat ja gesagt, dass wir – auch als privilegierte Akademiker*innen – nicht übereinander, sondern miteinander reden sollten. Solche Situationen, wie in der Schlange bei der Ausländerbehörde, zeigen das. Man nimmt etwas mit und kann es in andere Kontexte tragen, auch in die politische Arbeit. Wenn es diese Begegnungen nicht gäbe, wären wir alle nur noch in unseren Bubbles. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns wirklich treffen. Was meinst du, Sandy?
Klar, mehr davon! Unsere Gesellschaft fragmentiert sich immer stärker, wir leben in Bubbles, Polarisierung nimmt zu. Umso wichtiger ist es, unterschiedliche Lebensrealitäten kennenzulernen und Gestaltung als Vehikel dafür zu nutzen – das ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Aber: das Ganze findet unter bestimmten Bedingungen statt. Kooperationen sind nicht wirklich auf Augenhöhe, denn wir haben unterschiedliche ökonomische und biografische Hintergründe. Kultur ist deshalb ein Verhandlungsraum, in dem diese Unterschiede sichtbar werden. Und dann ist da noch die politische Ebene: Es braucht viel mehr Geld für solche Projekte, doch aktuell fließt es woanders hin. Da müssen wir kreativ werden, zwischen dem, was im Antrag steht, und dem, was wir in der Praxis wirklich umsetzen. Das ist nicht nur Lobbyarbeit, sondern auch Übersetzungsarbeit.
Ich würde gern noch eine abschließende Frage an Lori stellen: Wie bewertest du eure Wirksamkeit? Ihr wart in Zeitz und ihr habt dieses Gerüst aufgebaut, wird da eine Form von Erkenntnis produziert? Spielt ihr diese zurück an den Ort? Wie seid ihr damit umgegangen?
Ja, also im Rahmen von unserem Fördermittelgeber gab es eine Evaluation der Ergebnisse, aber wir im Verein fanden das eigentlich noch nie sinnvoll und auch nicht eigentlich so richtig möglich, in einem Begegnungsprojekt Ergebnisse generieren zu wollen. Wir haben dieses Projekt ziemlich groß aufgezogen, aber der Ansatz ist sehr klein geblieben, wie es schon immer im Verein praktiziert worden ist. Die Begegnung zwischen zwei Menschen ist das Bedeutende, was auch weitere Ebenen eröffnet. Eine Ebene war zum Beispiel, dass wir zeigen wollten, wie viel ehrenamtlich oder auch anderweitig engagierte Leute es in Zeitz und im Burgenlandkreis gibt. Seit der Wende gibt es schon viele Leute, die dem strukturellen Wandel entgegenwirken wollen und sich vernetzen. Und dann gibt es aber genauso viele Leute, die gar nicht wissen, was für tolle Vereine schon existieren. Ein Ziel unseres Projekts war deshalb die Langfristigkeit, weshalb wir mit Mitgliedern aus diesen ganzen Vereinen gesprochen haben und Veranstaltungen organisierten, wo diese Vereine sichtbar gemacht wurden. Unsere weiterführende Ausstellung hat die Vereinsmitglieder vorgestellt mit ihren Vereinen, um wiederum andere Leute zu ermutigen, selbst aktiv zu werden. Also dieses ganze Vereins- und Ehrenamtsthema, das haben wir versucht so groß aufzuziehen und das ist nicht messbar. Aber das, was messbar oder zumindest fühlbar ist und was auch Hans vorhin gesagt hat, ist, dass viele Helfende sich ihrer Privilegien bewusst geworden sind. Denn wir haben vor jedem Einsatz auch einen Workshop gegeben mit Gesprächstechniken, Mindset etc., also wie gehe ich selbst in die Stadt rein und spreche mit Menschen. Da wurde niemand einfach so losgelassen, sondern alle sollten sich erstmal damit beschäftigen, warum sie das machen, wer sie sind. Und ich kann mir vorstellen, dass dieser Perspektivwechsel bei den Leuten geblieben ist, die da bei uns mitgemacht haben. Und ich hoffe persönlich einfach immer, also abseits von allem, von der ganzen Struktur, die wir dort geschaffen haben, dass dieser eine Moment zwischen zwei Leuten bleibt. Immer, wenn ich mit Leuten aus Zeitz ins Gespräch gekommen bin und wir konträre politische Meinungen hatten, war es am Ende doch ein gutes Gespräch. Das ist so das einzige, was für mich zählt und gezählt hat in diesem Projekt, auch wenn man damit nichts groß politisch verändern kann: Es bleibt diese Menschlichkeit zwischen einander.
Mir ist wichtig, dass unsere Arbeit in der Community Spuren hinterlässt – besser etwas machen als gar nichts. Als erste Generation Migrant sehe ich, dass die zweite Generation oft besser für die Community sprechen kann, weil sie hier aufgewachsen ist, die Sprache beherrscht und politisch wahlberechtigt ist. Das verändert die Dynamik und stärkt die Lobbyarbeit. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man Wirkung misst: Bei Kursen geht das über Fragebögen und Qualifikationen, aber die breitere soziale Wirkung ist schwerer zu erfassen.
Wichtig für euch als Redaktion ist auch, was in Sachsen-Anhalt politisch passiert in den nächsten Jahren. Was heißt das für die Förderarchitektur, für die Förderlandschaft? Wir können bei der aktuellen politischen Situation erahnen, wo die Reise hingeht: Fördermittel für Projekte werden gestrichen, Begegnungen, wie Lori sie gerade beschrieben hat, werden schwerer möglich sein. Die AfD will Menschen eher trennen, als dass sie zusammenkommen. Und dann stellt sich die Frage für so eine Institution wie die Burg, ob sie strukturell einspringen und Ressourcen perspektivisch zur Verfügung stellen möchte.
Als Studierende sind wir auch Teil dieser Institution und tragen Verantwortung. Gleichzeitig ist es unser Anspruch, mit dieser Ausgabe Szenarien kritisch zu hinterfragen, sodass Positionen eingebracht werden, die vielleicht sonst nicht in Betrachtung kämen.
Es muss auch über alternative Modelle nachgedacht werden wie das in San Diego, wo Nachbar*innen für ein Semester die Hochschule besuchen können. Ein echtes Exchange Programm in beide Richtungen.
Wichtig ist auch, dass langfristige Strukturen bleiben wie etwa Vereine, die von Studierenden gegründet werden. Und trotzdem sehe ich es wie Sandy, dass ab 2026 die Burg schauen muss, wie sie sich politisch einmischt.
Ja, ich glaube, wir haben es am Anfang selber gesagt, wir erleben eine Konjunktur von gesellschaftspolitischen Designbegehren, Social Design und andere Praktiken. Und da gibt es zwei Lösungswege; Entweder sich den Bedürfnissen der Gesellschaft anzupassen und innerhalb der Hochschule umzustrukturieren oder weiterhin in den Blasen der Fachdisziplinen zu schwimmen und die Augen vor gesellschaftlichen Machtstrukturen zu verschließen. Die heute diskutierte Praxis ist auch eine Kritik an der gängigen Designpraxis: Schon der Begriff „Social Design“ zeigt, dass Design auch unsozial sein kann. Diese Frage betrifft nicht nur das Neuwerk, sondern die gesamte Hochschule.
Wir bewegen uns ständig im Handgemenge, weil wir Theorie hinterfragen und Fragen aufgreifen, die eigentlich nicht zu unseren Disziplinen gehören. In der Neuwerk-Ausgabe gehen wir offen damit um, auch wenn wir wahrscheinlich keine Antworten finden. Vielleicht ändert die Ausgabe nichts – aber der Versuch selbst ist wichtig.
Weil du gerade Handgemenge gesagt hast, habe ich hier noch einen Text für euch https://image-shift.net/wp-content/uploads/2024/06/DGTF_jesko_fezer_sandy_kaltenborn-JF_ASK_final.pdf
Diesen Versuch, etwas zu wagen, kann man auch in den öffentlichen Raum projizieren, weil alles hinterfragt werden sollte. Trotzdem sollte dies einen selbst nicht daran hindern zu agieren. Etwas zu zerdenken kann auch lähmen. Und am Ende ist es besser, etwas zu machen als gar nichts.