Die Walze
eine anthropologische Annäherung an die Maschine
von
Die Walze
eine anthropologische Annäherung an die Maschine
von
„Die Walze rollt über unsere Stadt, durch unsere Straßen. Sie färbt alles ein. Fast alles. Denn wenn sie fertig ist, kommen die Gutachter. Sie prüfen die Stellen, die nicht eingefärbt sind, denn genau dort muss gehandelt werden. Unebenheiten, Hindernisse, kaum wahrnehmbare Risse. Die Rolle der Walze ist das Aufzeigen der Fehler in den Oberflächen.“1
Auf dieses Zitat stieß ich 2017 in einer kunstwissenschaftlichen Publikation mit dem Titel „Wir sind die Stadt. Dynamische Gewaltästhetik in Protestplakaten des 21. Jahrhunderts“. Dieser kurze Textabschnitt allein setzt das abgebildete PlakatAbb. 1 in Kontext. Ich erinnere mich selbst nur vage an das Projekt, das vor über zehn Jahren in der Stadt D. durchgeführt wurde. Die bedrohliche Abbildung und die atmosphärische Unschärfe des Begleittextes ließen mich nicht los, sodass ich einige Monate später das Abbildungsverzeichnis erneut aufschlug, um mit der Recherche zu beginnen. Abbildung 23: D, circa 2005, Fotograf*in unbekannt. Den Verlag gibt es nicht mehr. Der Herausgeber antwortet mir nicht.
Auf anderen Wegen gelange ich mühsam an Informationen. Aus der PatentschriftAbb. 2, einigen falsch eingeordneten Akten und einem kryptischen Notizbuch entsteht ein Bild dieser Maschine, die in allen Texten nur „die Walze“ genannt wird: Ein Gerät, durch das die Unebenheiten im Stoff der Kulturlandschaft aufgezeigt werden – beginnend mit dem urbanen Gewebe. Dadurch soll die Vorstufe des menschlichen Eingreifens in den Stadtentwicklungsprozess demokratischer gestaltet werden. In langjähriger Vorarbeit haben Wissenschaftler*innen die Parameter erarbeitet, die die Maschine auf ihre Umgebung anwendet. So werden vom menschlichen Auge übersehene Problemstellen frühzeitig erkannt.
Entwickelt und gebaut wird der Prototyp von einer Forschungsgruppe des University Application Research Program (UARP) der Universität Z. Aufzeichnungen von ersten Überlegungen finde ich vom 20.07.1999, in einer Dokumentation von Semesterarbeiten des verfahrenstechnischen Moduls „Interdisziplinäre Anwendungsbereiche Mess- und Sensorwalzen“ unter der Leitung von Dr. Ing. Schnabel. Diese befinden sich in der fachbereichsinternen Bibliothek, denn obwohl es ausführliche und öffentlich zugängliche Berichte über die Forschungsprojekte der UARP gibt, wird ausgerechnet die Walze in Publikationen und auf der offiziellen Website nicht erwähnt. Dr. Schnabel stellt die Ergebnisse in der Einleitung als Spektrum dar, bei dem sich „eine absurd komplexe Sensormaschine, die wie ein fleißiges Trüffelschwein den Löwenzahn im Asphalt sucht, wohl eher auf der phantastischen Seite befindet“.2 Auch die technischen Zeichnungen lesen sich eher wie eine Mischung aus da Vincis Flugmaschinen und den grafischen Notationen von John Cage. Ich kontaktiere die studentische Mitarbeiterin des Projekts. Sie erzählt, dass die Walze auf Initiative des in Z. ansässigen Instituts für Stadtentwicklung und urbanen Wandel (ISUW) mit dem inzwischen aufgelösten Unternehmen RUQ GmbH entwickelt wurde. Mitarbeiter*innen des Instituts – einige von ihnen waren selbst Absolvent*innen des UARP – führten das Pilotprojekt in der Stadt D. durch.
Die Notizbücher
Meine Recherche verläuft schleppend, und ich frage mich immer wieder, ob ich das Projekt nicht abbrechen soll. Die Bedrohung, die mir im Plakat und dessen Begleittext zum Greifen nahe scheint, lässt sich nicht in meinen Fragmenten wiederfinden. Außerdem erschließt sich mir aus keinem der mir vorliegenden Dokumente die konkrete, technische Ausführung und die Funktionsweise der Walze. Die Patentschrift beschreibt, dass die Träger-wirkung durch Querventile abgetragen wird, „die als Dichtventile den Flüssigkeitssensor bilden“.3 Die Trägerflüssigkeit verteilt sich in Hohl-kammern und wird über „die mit Sensorventilen ausgestatteten Richtungs-taster“4 in die Walzdichtungen eingeleitet. Nichts davon hilft mir, die Walze zu verstehen.
Ein letztes Mal treffe ich mich mit Anna P., der studentischen Mitarbeiterin. Ich erzähle ihr von meiner Frustration. Ich schlafe schlecht und träume von riesigen Walzen, die ihre Bahnen durch massives Gestein schlagen. Die Furchen werden zu Straßen, die Reste des Gebirges zu Hoch-häusern. Anna zieht aus ihrer Tasche ein Stapel unscheinbarer Notizbücher. Sie gehörten ihrer Freundin Theresa, die selbst bei der Umsetzung des Projektes in der Testphase dabei war. Meine Offenheit – oder meine Obsession – scheint sie überzeugt zu haben, mir zu vertrauen. In Theresas Notizbüchern finde ich Hinweise darauf, wie die Walze getestet wurde: „Seit Tagen fahren wir mit der Walze im Testgebiet spazieren. Es ist ein abgelegenes und stillgelegtes Fabrikgelände. Es gibt viele Risse im Asphalt und sogar ein kleines Birkenwäldchen. […] Die kaputten Stellen sind echt, aber alles andere nicht. Wir rennen der Walze hinterher und lassen uns nach 30 Minuten Fahrt die Auswertungsbögen auf dem neuen Portable im Van ausgeben. Die Leute von UARP stehen im Kreis um den Computer herum und wir anderen stehen im Kreis um die Walze herum, als wäre sie ein Rennpferd, das sich vor der nächsten Runde kurz erholen darf.“5
Die Oberflächen der Stadt
In Presseberichten finden sich anfänglich durchweg positive Reaktionen auf die Testläufe. So schreibt die Tageszeitung Morgenpost am 12.06.2005: „Bereits in den ersten drei Tagen konnte ein gesamter Straßenzug im strukturell benachteiligten und vielerorts dem Verfall überlassenden Weberviertel von der Walze gründlich analysiert werden. Unter den Anwohnern macht sich die Hoffnung breit, die Fehlstellen würden zeitnah behoben.“6 Doch bald mischen sich Zweifelnde unter die Stimmen: Ein offener Brief der Anwohner*innen der G.-S.-Straße aus dem gleichen Jahr zeigt deutlich, dass der Einsatz der Walze hier Kritik hervorruft. Sie fordern die Verantwortlichen, „das Pilotprojekt einzustellen und die Herangehensweise an Interventionen auf der G.-S.-Straße und dem Weberviertel zu überdenken.“7
Aus den verschiedenen Berichten entnehme ich drei bedeutende Kritikpunkte:
1. Die Menschen halten die Parameter der Walze für falsch gesetzt, woraufhin eine Diskrepanz zwischen Realität und Programmierung entstehe. Die Dimensionen der Fehlstellen seien nicht proportional zur Dringlichkeit einer Reparatur. Auf diese Einwände wird in folgenden Versionen der Walze eingegangen, indem eine komplexere Einbeziehung sozialer und wirtschaftlicher Faktoren inkorporiert wird.8
2. Die Anwohner*innen fühlen sich entmündigt. Sie werden daran gehindert, selbstständig in ihrer direkten Umgebung aktiv zu werden. Der offene Brief lässt die Kränkung deutlich werden. Der Stadt wird vorgeworfen, die Bewohnerinnen und Bewohner der G.-S.-Straße allein zu lassen. Die Anwohner*innen hätten sich seit Jahren bemüht, „dem sozialen Ungleichgewicht und den Verdrängungsprozessen entgegenzustehen“,9 während die Stadt keine Zusammenarbeit anbot.
3. Andere kritische Berichte beklagen den Verlust von Charakter und Atmosphäre des Viertels. Da sich die Menschen schnell an verbesserungswürdige Zustände gewöhnen, kann ein Umkehren dieser Situation als Auslöschung von liebenswerten Eigenheiten eines Hauses oder eines Straßenzugs aufgefasst werden. Doch gerade hier wird die demokratische Objektivität der Walze deutlich: Jene Unebenheiten, die von den Gegnern nostalgisch betrachtet werden, stellen erhebliche Nachteile für Kinder, Alte und Menschen mit Handicap dar. Diese gilt es zu beseitigen.
Ich frage mich, wie weit SIE gekommen ist. Meine Stadt ist nicht fair. Sich frei zu bewegen ist ein Privileg. Das Viertel wehrt sich. Georg Simmel beschreibt die Blasiertheit, die die Menschen in Großstädten einander entgegenbringen, als einen Schutzmechanismus, der sie von den unzähligen, überfordernden und teils gewaltvollen Bildern der Großstadt abschirmt.10 In neuerer Stadtforschung wird diese Aversion gegen Außenstehende weiter gefasst und auf soziale Räume wie den Kiez bezogen. Das Schaffen einer konformen Kleinstadt- oder Dorfgemeinschaft ist nur die Verräumlichung des Schutzes, die eine soziale Gruppe umgibt. Dieser muss gegen Feinde verteidigt werden. Wie ein Kollektiv aus Don Quijotes kämpft der Kiez gegen seine eigene Wahnvorstellung, die Walze sei der Eindringling. Nicht nur Theresa macht die Walze zum Wesen.11
Ich laufe durch die G.-S.-Straße und betrachte die Ergebnisse der Gentrifizierung. Ich bin auf der Suche nach Spuren der Ereignisse von 2006. Eigentlich bin ich aber auf der Suche nach Theresa. Ich kann immer noch nicht richtig schlafen.
„Warum kann mich die Walze nicht einfach erfassen? Eine ich-förmige Ausbuchtung in der glatten Oberfläche und ich würde überall meinen Abdruck hinterlassen, zum Tapetenmuster der Straßen werden. Nach meinen Berechnungen würde ich nach 197,62 Kilometern endgültig verschleißen.“12
Ich sehe im Asphalt wiederkehrende Formen und frage mich, ob die Walze sich erbarmt und Theresas Wunsch erfüllt hat. Ich stoße inmitten der Concept Stores auf eine Bar, die es 2005 auch schon gegeben haben könnte. Ich bestelle ein Bier und fange mit niemandem ein Gespräch an, dafür finde ich auf der Toilettentür eine Spur. Mit Edding und durch unzählige Stickerschichten schwierig zu entziffern mache ich die Worte aus: „Lasst euch nicht überrollen“. Der Titel des Protestplakats in Schlinkes Sammlung trifft mich wie eine prophetische Warnung.
Die Walze und ihre Sprache
Weder in den ursprünglichen Entwürfen, noch in der Patentschrift wird deutlich, wie die Ergebnisse der Untersuchungen der Walze aussehen. Aus Theresas Notizbüchern fällt ein fester Streifen heraus. Es ist einer der Auswertungsbögen der Walze und zu meinem jetzigen Stand mein visuell klarster Einblick in die Sprache der Analyse. Theresa schreibt dazu: „Die Scans sind wunderschön. Die Frau von UARP […] sieht mich dabei, wie ich sie in der Mittagspause anschaue. Sie zieht die falschen Schlüsse und erklärt mir genau, wie sie auszuwerten sind, was aus den Tiefen und Formen und Strukturen abzulesen sei, welche Probleme zuerst angegangen werden sollten usw. usf. Aber was sie nicht sehen kann, ist, dass jeder Fleck im Bild ein Felsvorsprung ist, an dem man sich festhalten kann, wenn sich die Erde umdreht und man das Gleichgewicht verliert und zu rutschen beginnt.“13 Die Scans sehen aus wie ein Geräusch, das so hoch ist, dass es schon wieder tief klingt. Ihr Maßstab ist irreführend, denn sie sind selbstähnlich und haben darin eine fraktale Dimension. Ich merke, dass auch ich mich festhalten will, hier bleiben will, aber allmählich kommt es mir so vor, als könnte ich nicht aufhören. Niemand kann die Walze aufhalten, selbst nach all den Jahren nicht.
Lange Einträge von Theresa beschäftigen sich mit der Sprache der Walze. Sie nähert sich der Decodierung und vergleicht die Sprache mit der Schwerkraft. „Das Graffiti, […] weil es eine Sprache vor der Sprache ist“ und das „konstante Summen der Autobahn“ treten in den Dialog mit der Walze, auf den sie selbst keinen Zugriff mehr hat, nachdem das Quietschen der Walze behoben ist.14 Theresa stellt sich die Frage, ob ein Raumnehmen im Sinne Simmels stattfinden kann, obwohl kein Mensch die Sprache der Walze spricht. Ein moralisierender und linguzistischer Erklärungsansatz kann als Grundlage für die wachsende Ablehnung der Walze betrachtet werden.15 Wenn raumtheoretische Analysen auf das Projekt übertragen werden, wirkt das Argument überzeugend. Nicht nur Menschen, deren Sprache wir nicht sprechen, auch eine wesenhafte Maschine im angeeigneten physischen Raum kann diese Angst hervorrufen: Sie spricht sicher schlecht über mich. Die Reaktion auf diese Abweisung fällt sehr viel stärker aus, als die reine Überheblichkeit bei Simmel. Sie manifestiert sich bei Schlinke als dynamische Gewaltästhetik und findet ihr Ende in den Geschehnissen des 28.07.2006.
Am Abend des 28.07.2006, bei den Ausläufen der Demonstration gegen die Walze auf der G.-S.-Straße, kommt es zu einem Vorfall. „Aus unerklärlichen Gründen hat die Walzmaschine auf einer standardmäßig durchgeführten Kontrollfahrt eine Gruppe von Anwohnern trotz automatischer Personenerkennung mutmaßlich übersehen und unter Missachtung des Sicherheitsabstands umgefahren. Eine Person wurde erfasst und tödlich verletzt, mehrere weitere wurden leicht verletzt.“16 So heißt es im Statement des Geschäftsführers der ROQ GmbH, Thomas W. Aus diesem Fragment ist auch zu entnehmen, dass noch am selben Tag dem Unternehmen (oder vielmehr der Walze) vorgeworfen wird, das Geschehen sei inhärenter Teil der Scan-und-Action-Funktion, die in diesem Zeitraum ohne offizielle Genehmigung getestet werden sollte. Thomas W. streitet dies ab. Im Abschlussbericht der Inspektionsleitung stellt Klaus S. fest, dass eine abschließende Erhebung vorerst nicht erfolgen kann, „da der Betriebszustand der Maschine nicht eindeutig festgestellt werden konnte.“17 Keine Spur von der Walze, kein geknickter Grashalm, keine glatt gestrichene Bahn, keine Sauberlaufzone.
Die Walze dreht und dreht und dreht sich so schnell, dass sie anfängt Feuer zu spucken. Ich kann sie nicht verstehen. Olympia, sprich langsamer! Ich kann dich nicht verstehen! Sie bricht aus und wehrt sich. Mit dem Walzer in die Unterwelt getanzt. Dreh dich! „Die eine lässt ihr Leben und die andere verliert ihre Seele.“18 Theresa / Stella, wo bist du? Woran ist nun eigentlich letztendlich das Projekt Walze gescheitert?
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Schlinke, Herrmann (Hrsg.): Wir sind die Stadt. Dynamische Gewaltästhetik in Protestplakaten des 21. Jahrhunderts. Frankfurt: E. A. Bock, 2011, Scan.
Abb. 2:
Sensorwalze mit Trägerflüssigkeit: DE 31 33 815 CE 1, Deutsches Patentamt, 2002, Scan.
Abb. 3:
„Lasst euch nicht überrollen!“ Edding auf Toilettenkabinentür in der Bar „Halde“ auf der G.-S.-Straße, eigene Aufnahme, 14.02.2023.
Abb. 4:
Auswertungsdiagramme, Scan, digital nachkorrigiert.
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