Der Kampf um das Mahnmal ist das Mahnmal
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Der Kampf um das Mahnmal ist das Mahnmal
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Die Intervention im Kontext von Design kann weit mehr sein als ein gestalterischer Eingriff – Sie ist ein politisches Werkzeug. Sie kann eingesetzt werden, um bestehende Machtverhältnisse sichtbar zu machen, um Leerstellen zu markieren oder um marginalisierte Perspektiven in den öffentlichen Raum zu bringen. In unserem Projekt zum antirassistischen Lern- und Erinnerungsort Keupstraße in Köln nutzten wir Intervention als Strategie, um die Forderungen, Stimmen und Anliegen von Betroffenen rassistischer Gewalt sichtbar zu machen und damit gezielt Druck auf Entscheidungsträger*innen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft auszuüben.
Erinnerungspolitik und Betroffenenzentrierung im Designprozess
Seit Oktober 2022 arbeiten wir, Marie Teigler und Lena Würsching sowie in Teilen mit Volker Buchwald und Lara Liske, im Rahmen der Studiengruppe Informationsdesign – ein Schwerpunkt im Studiengang Kommunikationsdesign an der Burg – an einem Projekt, das sich der visuellen Gestaltung eines antirassistischen Erinnerungs- und Lernortes widmet. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Ulf Aminde und im Austausch mit der Initiative Herkesin Meydanı – Platz für Alle setzen wir uns für ein Mahnmal ein, das an die Anschläge des rechtsterroristischen NSU in Köln erinnert – insbesondere an die Bombenanschläge von 2001 in der Probsteigasse und 2004 in der Keupstraße. Das Mahnmal wurde immer noch nicht realisiert. Grund dafür ist ein langjähriger Streit um den Standort zwischen verschiedenen Gruppen von Investor*innen, der Stadt Köln und Initiativen betroffener Personen zusammen mit dem Künstler des Entwurfs Ulf Aminde.
In unserer Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Erinnerungskultur haben wir uns mit kritischen Perspektiven auf ein Erinnern an rechte Gewalt auseinandergesetzt. Max Czollek warnt eindringlich davor, dass Erinnern oft mit Versöhnung gleichgesetzt wird.1 Stattdessen sollte das Ziel darin bestehen, die Kontinuitäten rechter und antisemitischer Gewalt zu erkennen und die Wichtigkeit der Bekämpfung genau dieser Kontinuitäten zu unterstreichen.
Diese Kritik richtet sich insbesondere gegen eine Form der Erinnerungskultur, die vor allem der Selbstversicherung der Dominanzgesellschaft dient. Hierbei steht häufig die Außendarstellung der (weißen) Mehrheitsgesellschaft im Fokus, während die Stimmen der Betroffenen ungehört bleiben.2 Czollek betont außerdem, dass „Erinnerungsorte Orte der Beunruhigung sein sollten und nicht der Beruhigung.“3 Zu oft wird durch Symbolpolitik versucht, institutionelle Schuld abzugelten. Denkmäler werden errichtet, um den Eindruck zu vermitteln, die Auseinandersetzung mit rechten Gewalttaten sei abgeschlossen und weiterer Widerstand nicht mehr erforderlich. Diese Mechanismen führen dazu, dass sich Gesellschaft und Politik nicht mehr aktiv mit den Ursachen und Folgen solcher Gewalt beschäftigen. Erinnern darf kein abgeschlossener, statischer Prozess sein, sondern muss aktiv, (selbst-)kritisch und fortwährend gestaltet werden. Laut Mirjam Zadoff, der Direktorin des NS-Dokumentationszentrums Münchens „kann dieser Prozess nur ein offener bleiben – und ein immer wieder neu unternommener Versuch.“4
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, haben wir uns entschieden, den betroffenenenzentrierten Ansatz, den Ulf Aminde in seinen Entwurf für das Mahnmal bereits eingeschrieben hatte, konsequent weiterzuführen und in unseren Entwürfen und Handlungen weiterzudenken. Nämlich, das Mahnmal in enger Zusammenarbeit mit den betroffenen Personen entstehen zu lassen. Dieser Ansatz stellt die Perspektiven und Stimmen der Betroffenen des rassistischen Anschlags und den ebenso rassistischen Ermittlungen ins Zentrum unserer Arbeit und macht sie hör-, sicht- und wahrnehmbar.
Dieser Anspruch bildet die Grundlage unseres gestalterischen Handelns. Statt die Vergangenheit in symbolischer Geste zu bewältigen, begreifen wir Erinnerungsarbeit als politischen Prozess, der fortwährend geführt und öffentlich verhandelt werden muss. Daher wählten wir das gestalterische Mittel der Intervention, um diese öffentliche Verhandlung im Stadtraum der Keupstraße sichtbar zu machen.
Die Plakatkampagne: Intervention im Stadtraum
Zum 20. Jahrestag des Anschlags am 9. Juni 2024 präsentierten wir unsere Entwürfe im Friseursalon Özcan auf der Keupstraße in Köln – der neue Laden der Yıldırım Brüder, bei denen die Bombe damals explodierte – im Rahmen des Gedenkfestes Birlikte. Parallel dazu entwickelten wir eine mehrsprachige Plakatkampagne, mit der wir die Forderungen der Betroffenen sichtbar im Stadtraum positionierten. Die Plakatserie, gestaltet auf Deutsch und Türkisch, bildet die zentralen Forderungen der betroffenen Personen, der Initiative und des Künstlers ab: „Erinnern heißt Zuhören“, „Der Kampf um das Mahnmal ist das Mahnmal“ und „Wo bleibt das Mahnmal?“. Die typografisch-kompositorische Gestaltung der Plakate unterstreicht dabei jeweils die inhaltliche Forderung: Viel Raum für das Zuhören, Zentrierung und Stabilität für den aktivistischen Kampf und eine Markierung der Lücke für das immer noch fehlende Mahnmal.
Die Plakate wurden von uns in einer Nachtaktion im öffentlichen Raum angebracht – entlang der Keupstraße, am Schaufenster des Friseursalons und an zentralen Sichtachsen. Zwei Plakate platzierten wir bewusst direkt neben der Hauptbühne, auf der am Folgetag Politiker*innen wie die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Hendrik Wüst und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprachen. Genau dort, am zentralen Ort des Erinnerns an die Opfer rechter Gewalt, hatte die Investor*innengruppe gentes, ohne Absprache mit den Betroffeneninitativen ein großes Banner angebracht, das ihre Bebauungspläne für das Gelände an der Keupstraße präsentierte. Das geplante Mahnmal – auf dem Banner kaum sichtbar, aber dennoch bewusst platziert – verdeutlichte die Machtasymmetrie zwischen kommerziellen Interessen und dem Erinnerungsbedürfnis der Betroffenen. Wir entschieden uns deshalb, die Plakate dort zu platzieren und somit diese Vereinnahmung des Gedenkens durch das Werbebanner, mit den Stimmen der betroffenen Personen zu kommentieren und deutlich zu kritisieren.
Studying-Up als gestaltungsethischer Ansatz
Eine Methode, die hinter dieser Praxis von Intervention steht, ist die Studying-Up-Methode, der Anthropologin Laura Nader. In ihrer Arbeit Up the Anthropologist: Perspectives Gained from Studying Up (1969) fordert Nader dazu auf, den Fokus von marginalisierten Gruppen auf mächtige Akteure und Institutionen zu lenken. Ziel ist es, die Strukturen und Mechanismen von Macht besser zu verstehen und so ein umfassenderes Bild gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu zeichnen. In unserem Fall bedeutete das, die Rolle der Stadt Köln, die Verzögerungen beim Mahnmal und die symbolische Dominanz der Investoren kritisch zu beleuchten.
Die Studying-Up-Methode birgt jedoch eigene Herausforderungen. Forschende können sich in prekäre Situationen begeben, etwa durch rechtliche Risiken oder den Druck seitens der beforschten Institutionen.5 Dennoch ist es wichtig, diesen Zugang zu nutzen, um systemische Probleme sichtbar zu machen, ohne dabei die eigenen ethischen Prinzipien zu gefährden. Eine gründliche Recherche, der bewusste Einsatz von öffentlichen Daten und die kritische Zusammenarbeit mit Institutionen sind dabei entscheidende Werkzeuge.
Ebenso sollten Forschende und Gestalter*innen ihre eigenen Privilegien und mögliche Kompromisse reflektieren, um Machtverhältnisse in ihren Projekten nicht unkritisch zu reproduzieren. Wie Vorbrugg, Klosterkamp und Thompson es in ihrem Text zusammenfassen: „Es gehört zu unserer kollektiven Verantwortung, zumindest nicht vorwiegend marginalisierte Gruppen, sondern auch machtvolle Akteure und Orte zu beforschen. Studying up power bietet zudem Alternativen, um über die mittlerweile etablierte Einsicht hinauszukommen, dass sich die problematischen Implikationen des Beforschens benachteiligter Gruppen meist auch mittels kritischer Selbstreflexion kaum auflösen lassen.“6
Im Design, insbesondere im Bereich Social Design, lässt sich von diesen Ansätzen lernen. Während die Arbeit mit marginalisierten Gruppen oft als selbstverständlich gilt, zeigt der machtkritische Blick auf Institutionen und Mächtige eine wichtige Alternative auf. Außerdem sollte in einer interventionistischen Auseinandersetzung ganz besonders auch die eigene, ebenfalls in Machtstrukturen behaftete Rolle befragt werden. Problematische Implikationen der eigenen gestalterischen Praxis lassen sich, folgend dem Zitat, kaum auflösen, arbeitet man in einem Geflecht von marginalisierten und machtvollen Akteuren. Man wird – auch durch das reflektierteste Gestaltungsvorhaben – in gewisser Weise Machtstrukturen reproduzieren müssen, denn wir kommen stets von außen, von der Kunsthochschule in die Strukturen hinein. Indem Design aber nicht nur soziale Ungleichheiten adressiert, sondern auch die Mechanismen hinter diesen, sich selbst eingeschlossen, kritisch hinterfragt, kann es zu einem wirkungsvollen Werkzeug für gesellschaftliche Transformation werden. So wird der Weg geebnet, um Projekte zu schaffen, die nicht nur inklusiv, sondern auch strukturell wirksam sein können.
Gestaltung als machtpolitisches Werkzeug
Design, das sich als Intervention versteht, kann damit über die Rolle der Vermittlung hinausgehen. Es wird zum Werkzeug politischer Auseinandersetzung. In unserem Projekt wurde Gestaltung zur Form des Widerstands, zur Plattform für Stimmen, die zu oft ungehört bleiben. Dabei war für uns stets klar: Diese Arbeit darf nicht der Selbstinszenierung dienen, sie muss sich selbst zurücknehmen, um als solidarischer Beitrag zu einer kollektiven Forderung bedeutsam zu werden.
Wenn Design gesellschaftlich wirksam sein will, muss es nicht nur marginalisierte Perspektiven einbinden, sondern zum einen die strukturellen Bedingungen hinterfragen, die diese Marginalisierung erst hervorbringen und zum anderen auch seine eigene Rolle befragen – denn es entstammt ganz ähnlichen strukturellen Bedingungen. Unsere Mitarbeit an der visuellen Sprache des Erinnerungsortes und die Konzeption der Plakatserie, die sich den lokalen Forderungen anschließt, sind ein Versuch in diese Richtung: Intervention als bewusste, politische Gestaltungspraxis.
Literaturverzeichnis
Czollek, Max: Versöhnungstheater, München, 2023.
Griesser-Stermscheg, Martina; Sommer, Monika; Sternfeld, Nora; Ziaja, Luisa:
Nicht einfach ausstellen: Kuratorische Formate und Strategien im Postnazismus. In: curating. ausstellungstheorie & praxis – Band 7. De Gruyter, 2025.
Klosterkamp, Sarah; Thompson, Vanessa E.; Vorbrugg, Alexander:
Forschen als soziale Praxis, in: Buderich, Barabara: Handbuch Feministische Geographien. Arbeitsweisen und Konzepte, Opladen, Berlin, Toronto, 2021.
W., Michèle: Protokolle zum Vernetzungstreffen – Erinnern in der Migrationsgesellschaft. Migrations Geschichten, 23.09.2021. Auf: https://migrations-geschichten.de/erinnern-in-der-migrationsgesellschaft-vernetzungstreffen-tag-1/ (18.12.2024).
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Bildrechte liegen bei uns persönlich:
Buchwald, Volker; Teigler, Marie; Würsching, Lena